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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 60
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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LIX

Uilenspiegel nach dem Abschiede vom Landgrafen von Hessen auf seinem Esel über den Großen Platz ritt, traf er einige erzürnte Gesichter von Herren und Damen; aber das machte ihm wenig Sorge.

Bald kam er in das Gebiet des Herzogs von Lüneburg, und dort sah er einen Trupp Smadelijke Broeders ihm entgegenkommen; das waren fröhliche Vlamen aus Sluis, die jeden Samstag ein Stück Geld auf die Seite legten, um einmal im Jahre eine Reise nach Deutschland unternehmen zu können. Sie kamen singend daher in einem offenen Karren, gezogen von einem stämmigen Pferde aus Veurne-Ambacht, das sie leichtfüßig über die Wege und Moore des Herzogtums Lüneburg führte. Unter ihnen waren einige, die mit großem Lärm Pfeife, Geige, Bratsche und Dudelsack spielten. An der Seite des Karrens schritt meist ein Dicksack, der den Rommelpot schlug und in der Hoffnung, seinen Wanst loszuwerden, zu Fuß ging.

Als sie an ihrem letzten Gulden waren, sahen sie Uilenspiegel auf sie zukommen, der mit klingender Münze beladen war; sie traten mit ihm in eine Herberge und zahlten ihm zu trinken. Uilenspiegel ließ es sich gern gefallen. Da er aber merkte, daß die Smadelijke Broeders mit den Augen zwinkerten, wenn sie ihn ansahen, und lachten, wenn sie ihm einschenkten, witterte er eine Schalkheit; er ging hinaus und belauschte an der Tür ihr Gespräch. Und er hörte, wie der Dicksack von ihm sagte: »Das ist der Maler des Landgrafen, und der Landgraf hat ihm mehr als tausend Gulden für eine Schilderei gegeben. Bewirten wir ihn mit Bier und Wein, er soll es uns doppelt wiedergeben.«

»Amen,« sagten die andern.

Uilenspiegel ging seinen wohlgesattelten Esel tausend Schritt weit von dem Wirtshause bei einer Pachtung anbinden, gab einem Mädchen zwei Plappart, damit sie auf ihn achte, trat in die Gaststube und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, an den Tisch der Smadelijke Broeders. Die schenkten ihm zu trinken ein und bezahlten für ihn. Uilenspiegel ließ die Gulden des Landgrafen in der Tasche klingen und sagte, eben habe er seinen Esel einem Bauern um siebenzehn Silbertaler verkauft.

Sie zogen weiter, essend und trinkend, beim Klang der Pfeife, des Dudelsacks und des Rommelpots; und sie lasen unterwegs die Weiber auf, die ihnen annehmlich schienen. So erzeugten sie manches Herrgottskind, sonderlich Uilenspiegel, von dem die seine später einen Sohn hatte, den sie Eulenspiegelchen nannte, weil sie die Bedeutung des Namens ihres Zufallsgatten nicht richtig verstand, vielleicht auch zur Erinnerung an die Stunde, wo der Kleine gemacht worden war. Und das ist der Eulenspiegel, von dem es fälschlich heißt, er sei in Knetlingen im Lande zu Sachsen geboren.

Von ihrem wackern Pferde gezogen, kamen sie eine Straße entlang, an deren Rand ein Dörfchen lag mit einem Wirtshause, das den Schild trug: Zum Kessel. Dort strömte ein Wohlgeruch von Braten heraus. Der Dicksack, der den Rommelpot schlug, ging zum Wirte und sagte zu ihm, auf Uilenspiegel deutend: »Das ist der Maler des Landgrafen, er wird alles bezahlen.«

Der Wirt, der Uilenspiegels Aussehn geprüft und anständig gefunden hatte, überdies den Klang der Gulden und Taler hörte, setzte Speise und Trank auf den Tisch. Uilenspiegel ließ sich nichts abgehn. Und immerzu klimperte das Geld in seiner Tasche; und oftmals schlug er auf seinen Hut und sagte, dort sei sein größter Schatz.

Die Zecherei hatte zwei Tage und eine Nacht gedauert, als die Smadelijke Broeders zu Uilenspiegel sagten: »Brechen wir auf und bezahlen wir unsere Schuldigkeit.«

Uilenspiegel antwortete: »Wann die Ratte im Käse ist, denkt sie ans Weggehn?« »Nein,« sagten sie.

»Und wann der Mensch gut ißt und trinkt, fragt er da etwas nach dem Staube der Straßen und dem Wasser der Brünnlein, die voll Blutegel sind?« »Nein,« sagten sie.

»Dann«, fuhr Uilenspiegel fort, »bleiben wir hier so lange, wie uns meine Gulden und Taler als Trichter dienen, um in unsere Kehlen den Trunk zu befördern, der lachen macht.« Und er befahl dem Wirte, noch mehr Wein und Wurst zu bringen.

Während sie tranken und aßen, sagte Uilenspiegel: »Ich bin es, der zahlt, ich bin heute der Landgraf. Wenn mein Schubsack leer wäre, was würdet ihr tun, Gesellen? Ihr würdet dann meinen weichen Filz hernehmen und würdet ihn voller Karlsgulden finden, wie in der Mitte so an den Seiten.«

»Laß uns ihn betasten!« schrien sie alle miteinander. Und seufzend fühlten sie zwischen ihren Fingern große Stücke wie Karlsgulden. Aber einer von ihnen streichelte den Hut mit solcher Freundschaft, daß ihn ihm Uilenspiegel wegnahm und sagte: »Du ungestümer Meier, man muß es verstehn, die Stunde des Melkens abzuwarten.«

Der Smadelijke Broeder sagte: »Gib mir die Hälfte deines Huts.«

»Nein,« sagte Uilenspiegel, »ich will nicht, daß du ein Narrenhirn bekämest, die Hälfte im Schatten, die Hälfte in der Sonne.«

Dann reichte er seinen Hut dem Wirte: »Du, heb ihn allemal auf, denn es ist heiß hier; ich geh jetzt hinaus mich entleeren.« Er ging, und der Wirt hob den Hut auf.

Kaum war er aus dem Wirtshause, so lief er zu dem Bauern, bestieg seinen Esel und sprengte auf der Straße, die nach Emden führt, dahin. Als ihn die Smadelijke Broeders nicht wiederkommen sahen, sagten sie untereinander: »Ist er weg? Wer wird die Rechnung bezahlen?«

Der Wirt, den die Angst überkam, zertrennte Uilenspiegels Hut mit einem Messerschnitte. Aber statt der Karlsgulden fand er zwischen dem Filz und dem Futter nichts als schlechte kupferne Schaupfennige. Wütend über die Smadelijke Broeders, sagte er zu ihnen: »Ihr Schelmenbrüder, ihr kommt mir nicht fort von hier, außer ihr laßt alle euere Kleider hier bis aufs Hemd.« Und sie mußten sich völlig entkleiden, um ihre Zeche zu bezahlen.

So zogen sie im Hemde über Berg und Tal; denn sie hatten weder das Pferd, noch den Wagen verkaufen wollen.

Und jedermann, der sie so erbärmlich sah, gab ihnen willig ein Stück Brot, einen Schluck Bier und manchmal auch einen Bissen Fleisch; denn sie erzählten überall, sie seien von Räubern ausgeplündert worden. Und sie hatten alle zusammen nicht mehr als ein Paar Hosen.

Und so kamen sie nach Sluis im Hemde zurück, tanzend in ihrem Karren zum Klange des Rommelpots.

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