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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 53
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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LII

An diesem Tage empfing Kaiser Karl einen Brief aus England, worin ihm sein Sohn schrieb:

»Herr und Vater,
Es ist mir widerwärtig, in diesem Lande leben zu müssen, wo die verfluchten Ketzer tagtäglich zunehmen wie die Flöhe, Raupen und Heuschrecken. Feuer und Schwert wären wahrlich nicht zu viel, um sie von dem lebenspendenden Baume, nämlich unserer Mutter, der Heiligen Kirche, zu tilgen. Als ob mir nun nicht das allein schon genug Bitterkeit brächte, achtet man mich noch dazu nicht als einen König, sondern als den Gatten der Königin, der, was er ist, nur durch sie ist. In häßlichen Schmähschriften, deren Verfasser ebensowenig zu erforschen sind wie die Drucker, verhöhnen sie mich und sagen, der Papst bezahle mich, damit ich das Königreich aufwühlte und verdürbe durch gottloses Henken und Brennen; und wann ich ihnen, weil sie mich, aus Bosheit, oft ohne Geld lassen, irgendeine dringliche Steuer auflegen will, antworten sie in schändlichen Pasquillen, ich solle das Geld von Satan verlangen, für den ich wirkte. Die vom Parlament entschuldigen sich und krümmen den Rücken vor mir aus Angst, daß ich sie beiße; aber sie bewilligen nichts.
Derweilen sind die Mauern Londons beklebt mit Afterbildern, die mich als Vatermörder darstellen, der da ausholt gegen Euere Majestät, um sie zu beerben. Und doch wißt Ihr, Herr und Vater, daß ich, ungeachtet allen Ehrgeiz und achten Stolz, Euerer Majestät eine lange und glorreiche Herrscherzeit wünsche.
Sie verbreiten auch in der Stadt einen kunstreichen Kupferstich, wo man mich Klavier spielen sieht mit den Pfoten von Katzen, die im Gehäuse des Instruments eingesperrt sind, während ihre Schwänze durch runde Löcher herausragen und dort mit eisernen Zwecken festgehalten werden. Ein Mann – der bin ich – brennt ihnen die Schwänze mit einem glühenden Eisen, so daß sie mit den Pfoten auf die Tasten schlagen und wütend mauen. Ich bin auf dem Bilde so häßlich, daß ich mich nicht ansehn mag. Und ich lache auf dem Bilde. Und Ihr wißt, Herr und Vater, ob es mir je gegeben war, an diesen weltlichen Dingen ein Vergnügen zu empfinden. Sicherlich versuchte ich, mich mit dem Mauen der Katzen zu zerstreuen, aber gelacht habe ich nicht. In ihrer Aufrührersprache machen sie mir ein Verbrechen aus dem, was sie an dem Klavier als neuartige Grausamkeit bezeichnen, wo doch die Tiere keine Seele haben und alle Menschen, namentlich alle königlichen Personen, zur Erholung mit ihnen schalten können bis zu ihrem Tode. Aber in diesem England sind sie so vernarrt in die Tiere, daß sie sie besser halten als ihre Diener; Ställe und Hundezwinger sind hier Paläste, und es gibt große Herren, die mit ihren Pferden auf derselben Streu schlafen.
Überdies, meine edle Frau, die Königin, ist unfruchtbar: mit blutigem Schimpfe sagen sie, ich sei schuld und nicht sie, die übrigens eifersüchtig, spröde und aus der Weise liebestoll ist. Herr und Vater, ich flehe alle Tage zum Herrgott, daß er mir gnädig sei in meiner Hoffnung auf einen andern Thron, und sei es der türkische, während ich jenes harre, zu dem mich ruft die Ehre, der Sohn Euerer glorreichen und siegreichen Majestät zu sein.
(Unterzeichnet:) Phl.«

Der Kaiser antwortete auf diesen Brief:

»Herr und Sohn,
Euere Feinde sind groß, ich bestreite es nicht; aber bemüht Euch, das Warten auf eine mehr schimmernde Krone ohne Mißmut zu ertragen. Mehrmals schon habe ich meiner Absicht Ausdruck gegeben, den Niederlanden und meinen andern Herrschaften zu entsagen; denn ich weiß, daß ich mich, alt und gichtisch, wie ich werde, nicht leicht Heinrichs von Frankreich, des zweiten seines Namens, erwehren könnte, weil Fortuna die Jugend liebt. Denkt auch daran, daß Ihr durch Euere Macht als Herr Englands Frankreich, unserm Feinde, unbequem werdet.
Ich bin vor Metz schimpflich geschlagen worden und habe vierzigtausend Mann verloren. Ich habe vor dem von Sachsen fliehen müssen. Wenn mir nicht Gott durch seinen gütigen göttlichen Willen meine frühere Kraft und Stärke wiederverleiht, so bin ich entschlossen, Herr und Sohn, meine Königreiche zu lassen und sie Euch zu übergeben.
Habt also Geduld und erfüllt inzwischen Euere ganze Pflicht gegen die Ketzer, ohne auch nur einen zu verschonen, weder Männer, noch Frauen, nicht Mädchen und nicht Kinder; denn mir ist, nicht ohne großen Schmerz für mich, die Kunde gekommen, daß ihnen die Königin oft Gnade widerfahren lassen will.
Euer wohlgeneigter Vater
(Unterzeichnet:) Karl.«

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