Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles de Coster >

Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 50
Quellenangabe
pfad/coster/uilensp2/uilensp2.xml
typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120424
projectid53c21dfa
Schließen

Navigation:

XLIX

Nachdem Nele Katelijne bei einem guten Nachbar wohl untergebracht hatte, ging sie ganz allein weit fort, sehr weit, bis Antwerpen, der Schelde entlang oder anderswo, immerfort suchend, ob sie nicht ihren Freund Uilenspiegel auf den Flußbooten oder auf den staubigen Straßen finden könnte.

Uilenspiegel war unterdessen in Hamburg. Dort sah er bei der Messe allenthalben Kaufleute und unter ihnen etliche Juden, die vom Wucher und Schacher lebten.

Uilenspiegel, der auch ein Kaufmann sein wollte, trug einige Roßäpfel nach Hause, nämlich auf den Absatz der Stadtmauer, wo er schlief. Dort ließ er sie trocknen. Dann kaufte er rote und grüne Seide, machte daraus Säckchen, tat die Roßäpfel hinein und band sie mit Fäden zu, als ob lauter Bisam drinnen gewesen wäre. Dann verfertigte er sich aus einigen Latten ein Bänklein, hängte es sich mit alten Stricken um den Hals und ging so auf den Markt, das Bänklein mit den Säckchen vor sich hertragend. Am Abend zündete er in der Mitte ein kleines Licht an, um sie zu beleuchten. Wann er gefragt wurde, was er verkaufe, antwortete er geheimnisvoll: »Ich will es euch sagen, aber sprechen wir nicht zu laut.«

»Was ists denn?« fragten die Kunden.

»Das sind«, antwortete Uilenspiegel, »Prophetenbeeren, die geradewegs von Arabien nach Flandern gebracht und mit großer Kunst von Meister Abdul-Medil aus dem Geschlechte des großen Mahomet verfertigt worden sind.«

Manche Kunden sagten zueinander: »Er ist ein Türke.« Aber andere sagten: »Er ist ein Pilger, der aus Flandern kommt; hört ihrs nicht an seiner Sprache?« Und die Lumpen, Schlucker und Bettler kamen zu Uilenspiegel und sagten: »Gib uns von deinen Prophetenbeeren.«

»Wann ihr Gulden habt, um sie zu kaufen.« Und die armen Schlucker, Lumpen und Bettler gingen beschämt weg und sagten: »Es gibt keine Freude auf der Welt, außer für die Reichen.«

Das Gerücht, daß solche Beeren zu verkaufen seien, verbreitete sich bald auf dem Markte. Die Bürger sagten zueinander: »Da ist ein Vlame, der hat Prophetenbeeren, die in Jerusalem auf dem Grabe unsers Herrn Jesus geweiht sind; aber es heißt, er will sie nicht verkaufen.« Und alle Bürger kamen zu Uilenspiegel und verlangten von seinen Beeren.

Aber Uilenspiegel, der auf das Große ging, antwortete, sie seien nicht genug reif; er hatte es auf zwei reiche Juden abgesehn, die auf dem Markte herumstrichen. »Ich möchte gerne wissen,« sagte ein Bürger, »was mit meinem Schiffe, das auf der See ist, werden wird.« »Es wird bis in den Himmel gehn, wenn die Wogen hoch genug sind.«

Ein anderer sagte, ihm seine liebliche, nun errötende Tochter zeigend: »Die wird doch sicherlich wohlgeraten?« »Alles gerät so, wie die Natur will,« antwortete Uilenspiegel; denn er hatte soeben gesehn, wie das Mädchen einem jungen Burschen einen Schlüssel zugesteckt hatte. Der Bursche, gebläht von Glück, sagte zu Uilenspiegel: »Herr Kaufmann, gebt mir eines von Euern Prophetensäckchen, damit ich sehe, ob ich heute nacht allein schlafen werde.«

»Es steht geschrieben,« antwortete Uilenspiegel, »daß, wer den Samen der Verführung sät, die Aberfrucht der Hahnreischaft einheimst.« Der junge Mann wurde ärgerlich: »Wem gilt das?«

»Die Beeren sagen,« antwortete Uilenspiegel, »daß sie dir eine glückliche Ehe wünschen und eine Frau, die dir nicht den Kopfschmuck Vulkans aufsetzt. Kennst du diesen Hut?« Dann im Predigertone: »Denn die, die Handgeld gibt auf dem Heiratsmarkt, läßt nachher ihre ganze Ware den andern umsonst.«

Nun sagte das Mädchen, um die Unbefangene zu spielen: »Sieht man das alles in den Prophetensäckchen?« »Man sieht dort auch einen Schlüssel,« flüsterte ihr Uilenspiegel ins Ohr. Aber der junge Mann war schon weg mit dem Schlüssel.

Plötzlich bemerkte Uilenspiegel einen Dieb, der von einer Fleischbank eine ellenlange Wurst stahl und sie unter seinen Mantel steckte. Aber der Bestohlene sah nichts. Wohlzufrieden kam der Dieb zu Uilenspiegel und sagte zu ihm: »Was verkaufst du, Unglücksprophet?« »Säckchen, in denen du sehn kannst, daß du gehenkt werden wirst wegen deiner allzu großen Liebe zu den Würsten.« Und schon entwich der Dieb, während der Bestohlene schrie: »Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!« Aber es war zu spät.

Während Uilenspiegel gesprochen hatte, hatten die beiden Juden mit großer Aufmerksamkeit gehorcht; nun kamen sie heran und sagten: »Was verkaufst du, Vlame?«

»Säckchen,« antwortete Uilenspiegel.

»Was sieht man denn«, fragten sie, »durch deine Prophetenbeeren?«

»Wenn man daran saugt, die Zukunft.«

Die beiden Juden besprachen sich miteinander, und der ältere sagte: »So werden wir sehn, wann unser Messias kommen wird; und das wird uns ein großer Trost sein. Kaufen wir ein Säckchen. Wie verkaufst du sie?«

»Zu fünfzig Gulden,« antwortete Uilenspiegel. »Wollt Ihr mir sie nicht bezahlen, so schnürt Euer Bündel. Wer das Feld nicht kauft, muß den Mist lassen, wo er ist.«

Als sie Uilenspiegels Entschlossenheit sahen, zahlten sie ihm sein Geld; sie nahmen ein Säckchen und trugen es an ihren Versammlungsort, und dorthin rannten baldigst alle Juden haufenweise zusammen, als sie hörten, daß der eine Alte ein Geheimnis gekauft habe, wodurch er die Ankunft des Messias erfahren und anzeigen könne.

In der Kenntnis des Sachverhaltes wollten sie alle, ohne zu zahlen, saugen, aber der Ältere, der es gekauft hatte und Jehu hieß, erhob den Anspruch, es allein zu tun. »Kinder Israels,« sagte er, das Säckchen in der Hand, »die Christen höhnen uns, man hetzt uns unter den Menschen, und man schreit hinter uns wie hinter Dieben. Die Philister wollen uns tiefer beugen als die Erde, und sie speien uns ins Antlitz; denn Gott hat unsern Bogen entspannt und seine Hand von uns abgezogen. Wird es noch lange dauern, o Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, daß uns das Böse trifft, während wir das Gute erwarten, und daß die Finsternis kommt, während wir die Klarheit erhoffen? Wirst du bald auf der Erde erscheinen, göttlicher Messias? Wann werden sich die Christen in die Höhlen und Löcher der Erde verkriechen aus Entsetzen vor dir und deiner erhabenen Glorie, wenn du aufstehst, um sie zu züchtigen?« Und die Juden riefen aus: »Komme, Messias! Sauge, Jehu!«

Jehu saugte; aber es drehte ihm den Schlund um, und er rief jämmerlich aus: »Ich sage es euch in Wahrheit: das da ist nichts andres als Dreck, und der Pilger aus Flandern ist ein Gauner.«

Da stürzten alle Juden vor, öffneten das Säckchen, sahen, was es enthielt, und rannten in mächtiger Wut auf die Messe, um Uilenspiegel zu suchen. Der aber hatte sie nicht erwartet.

 << Kapitel 49  Kapitel 51 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.