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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 47
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XLVI

Es ging das Gerücht um, Kaiser Karl trage sich mit der Absicht, den Mönchen die freie Erbschaft nach denen, die in ihrem Konvente stürben, wegzunehmen, was dem Papste sehr mißfalle.

Uilenspiegel, der damals der Maas entlang zog, dachte, der Kaiser fände so seinen Vorteil durchaus, indem er auch dann erbte, wann die Familie nicht erbe. Er saß am Flußufer nieder und warf seine gut geköderte Leine aus. Als er dann eine alte Brotrinde knapperte, bedauerte er, keinen Wein aus der Romagna zu haben, um sie zu befeuchten, tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß man nicht immer seine Wünsche befriedigt haben kann. Er warf Brotkrumen ins Wasser, weil er sich sagte, wer sein Mahl nicht mit seinem Nachbar teile, sei nicht wert zu essen.

Ein Krümchen witternd, tauchte ein Gründling auf, leckte es mit seinem putzigen Mäulchen und öffnete seinen unschuldigen Schlund, offenbar in dem Glauben, das Brot werde von selbst hineinfallen. Während er so in die Luft starrte, wurde er plötzlich von einem tückischen Hechte verschluckt, der auf ihn zugeschossen kam wie ein Pfeil.

Dasselbe tat der Hecht einem Karpfen, der arglos nach Fliegen schnappte. Auf diese Art wohlgesättigt, lag er unbeweglich unter der Wassertracht, die Fischbrut verachtend, die übrigens mit allen Flossen arbeitete, um aus seiner Nähe zu kommen. Während er also breitspurig dalag, sauste mit hungerklaffendem Rachen ein noch nüchterner Hecht auf ihn zu und schnellte sich mit einem Satze auf ihn. Ein wütender Kampf entspann sich; es fielen unsterbliche Rachenstöße, und das Wasser ward rot von ihrem Blute. Der Hecht, der gegessen hatte, hatte einen schweren Stand gegen den nüchternen; dieser aber nahm, nachdem er ein weniges zurückgewichen war, alle seine Kraft zusammen und schnellte sich wie eine Kugel auf seinen Gegner, der ihm, ihn mit gesperrtem Rachen erwartend, den Kopf mehr als zur Hälfte verschlang. Der Sieger wollte sich von seinem Widerpart losmachen, aber die gekrümmten Zähne ließen es nicht zu. Und so zappelten sie beide jämmerlich. Derart ineinander verbissen, gewahrten sie nicht, daß sich ein starker Angelhaken, an einer Seidenschnur hangend, vom Grunde des Wassers erhob; er bohrte sich unter die Flosse des Hechtes, der gegessen hatte, zog ihn samt seinem Gegner aus dem Wasser und warf alle beide rücksichtslos auf den Rasen.

Als sie Uilenspiegel abkehlte, sagte er: »Hechte, meine lieben Freunde, seid ihr nicht der Papst und der Kaiser, die sich, einer den andern, aufzehren, und bin nicht ich das Volk, das euch, so Gott will, alle beide mitten in euern Schlachten mit dem Haken erwischt?«

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