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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 43
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XLII

Der pilgernde Uilenspiegel wäre gern ein Strauchdieb geworden, aber die Sträucher waren ihm zu gering.

Er zog auf gut Glück die Straße nach Oudenaarde, wo damals eine Besatzung vlämischer Reiter lag, um die Stadt gegen die französischen Streifer zu verteidigen, die das Land verheerten wie die Heuschrecken.

Die Reiter befehligte ein Hauptmann, ein Friese von Geburt, Kornjuin mit Namen. Auch sie zogen aufs flache Land hinaus und plünderten das Volk, an dem also, wie gewöhnlich, von zwei Seiten gezehrt wurde. Alles war ihnen recht: Hennen, Küchlein, Enten, Tauben, Kälber und Schweine. Als sie eines Tages raubbeladen heimritten, sahen Kornjuin und seine Leutnante Uilenspiegel, der von Gebratenem träumte, unter einem Baume liegen. »Wovon lebst du?« fragte Kornjuin. »Ich sterbe vor Hunger,« sagte Uilenspiegel. »Was ist dein Handwerk?« »Pilgern ob meiner Sünden, den andern bei der Arbeit zusehn, seiltanzen, hübsche Gesichter malen, Messerschalen schnitzen, den Rommelpot spielen und die Trompete blasen.«

Daß Uilenspiegel so kühnlich von der Trompete sprach, tat er deshalb, weil ihm zu Ohren gekommen war, daß die Stelle des Schloßwächters von Oudenaarde freigeworden war durch den Tod eines alten Mannes, der dieses Amt bekleidet hatte.

Kornjuin sagte zu ihm: »Du sollst der Stadttrompeter sein.« Uilenspiegel folgte ihnen und wurde auf den höchsten Turm der Festung gesetzt in ein Lug, hübsch frei für alle vier Winde, ausgenommen den Südwind, der aus dem letzten Loche pfiff. Man sagte ihm, er habe zu blasen, wann er den Feind herankommen sehe; damit er deswegen allzeit einen freien Kopf und klare Augen habe, werde man ihm weder zu viel zu essen noch zu trinken geben. Der Hauptmann und seine Soldaten blieben im Turm und schmausten alltäglich auf Kosten des flachen Landes. Da wurde mehr als ein Kapaun getötet und gegessen, dessen ganzes Verbrechen in seinem Fett bestand. Uilenspiegel, der tagtäglich vergessen wurde und mit seiner magern Suppe vorliebnehmen mußte, fand nicht die mindeste Befriedigung in dem Dufte der Brühen. Die Franzosen kamen und trieben viel Hornvieh weg; Uilenspiegel nahm die Trompete nicht einmal in die Hand.

Kornjuin stieg zu ihm hinauf und fragte ihn: »Warum hast du nicht geblasen?« Uilenspiegel sagte: »Ich habe Euch nicht mit meinem Gratias stören wollen bei Euerm Essen.«

Am nächsten Tage ordnete der Hauptmann eine große Schmauserei für sich und seine Soldaten an, aber Uilenspiegel wurde wieder vergessen. Eben wollten sie mit dem Schlingen anfangen, als Uilenspiegel in die Trompete stieß.

Kornjuin und seine Soldaten, in dem Glauben, das seien die Franzosen, ließen Wein und Fleisch, sprangen auf ihre Pferde und ritten hastig zur Stadt hinaus; aber sie trafen niemand im Felde als eine Kuh, die in der Sonne wiederläute, und die nahmen sie mit.

Unterdessen hatte sich Uilenspiegel den Bauch mit Wein und Fleisch gestopft. Der Hauptmann traf ihn bei seiner Rückkehr, wie er lachend und mit wackelnden Beinen an der Saaltür lehnte. Er sagte zu ihm: »Das ist Verräterei, daß du Alarm bläst, wann du keinen Feind siehst, und nicht bläst, wann du ihn siehst.«

»Herr Hauptmann,« antwortete Uilenspiegel, »die vier Winde haben mich in meinem Turm derart aufgeblasen, daß ich weggeflogen wäre wie eine Blase, wenn ich nicht die Luft durch die Trompete ausgelassen hätte. Laßt mich heute henken oder ein andermal, wann Ihr einer Eselshaut bedürft für Euere Trommeln.« Kornjuin ging, ohne ein Wort zu sagen.

Nun kam nach Oudenaarde die Zeitung, der gnädige Kaiser Karl werde mit einem edeln Geleite in die Stadt kommen. Aus diesem Anlasse gaben die Schöffen Uilenspiegel eine Brille, damit er Seine Heilige Majestät besser kommen sehe. Wann er sehe, daß der Kaiser bei Leupegem – das ist eine Viertelmeile von der Borgpoort – sei, so solle er drei Stöße ins Horn tun. So hätten die von der Stadt Zeit gehabt, die Glocken zu läuten, die Pöller zu laden, die Speisen ans Feuer zu setzen und die Fässer anzuzapfen.

Eines Tages, gegen Mittag, als der Wind von Brabant wehte und der Himmel klar war, sah Uilenspiegel auf der Straße, die nach Leupegem führt, einen großen Trupp Reiter mit flatternden Federbüschen auf feurigen Rennern. Einige trugen Banner. Der, der stolz an der Spitze ritt, trug eine Mütze aus Goldstoff mit langen Federn. Er war gekleidet in braunen Samt, die Säume aus Brokat. Uilenspiegel setzte seine Brille auf und sah, daß das der Kaiser Karl war, der denen von Oudenaarde erlauben wollte, ihn mit ihrem besten Weine und ihren besten Gerichten zu bewirten.

Der Zug ritt im Schritte; sie schlürften die frische Luft, die Hunger macht, aber Uilenspiegel dachte, sie hätten sonst immer einen fetten Tisch und könnten ganz gut einmal einen Tag fasten, ohne deswegen zu sterben. Er ließ sie also ruhig kommen und stieß nicht in die Trompete.

In heiterm Gespräche ritten sie heran, und Seine Majestät überzeugte sich, ob in seinem Magen genug Platz sei für das Mahl derer von Oudenaarde. Er schien überrascht und unzufrieden, daß keine Glocke erklang, um seine Ankunft zu melden.

Unterdessen kam ein Bauer in die Stadt gelaufen und meldete, draußen habe er einen Trupp französischer Reiter gesehn, die auf Oudenaarde zuhielten, um alles zu verzehren und zu rauben. Auf diese Nachricht hin schloß der Wächter sein Tor und schickte einen Stadtknecht die andern Wächter verständigen. Aber die Reiter zechten ruhig, ohne davon etwas zu wissen.

Immer näher kam Seine Majestät, ärgerlich, daß er keine Spur von Glockengeläute, Kanonendonner und Büchsenschüssen vernahm. Er lauschte umsonst; er hörte nichts als das Glockenspiel, das die halbe Stunde läutete. Als er vors Tor kam, fand er es verschlossen; er pochte mit der Faust daran. Und die Herren seines Gefolges, ärgerlich wie er, brummten böse Worte. Der Torwächter schrie ihnen von der Mauer herunter zu, wenn sie nicht aufhörten mit dem Lärmen, werde er sie mit der Schrotbüchse anspritzen, um ihre Ungeduld abzukühlen. Wütend schrie Seine Majestät: »Blindes Schwein, kennst du deinen Kaiser nicht?«

Der Wächter erwiderte, daß die, die am meisten Gold auf sich hätten, deswegen nicht immer die kleinsten Schweine seien, daß er übrigens wisse, daß die Franzosen von Haus aus treffliche Schäker seien, in Anbetracht dessen, daß Kaiser Karl, der derzeit in Italien kriege, nicht vor den Toren Oudenaardes sein könne. Unten schrien Karl und seine Herren weiter: »Wenn du nicht öffnest, lassen wir dich an einer Pike braten. Und vorher mußt du deine Schlüssel fressen.«

Auf den Lärm kam aus dem Zeughaus ein alter Soldat herbei. Als er seine Nase über die Mauer steckte, sagte er: »Wächter, du irrst dich; das ist unser Kaiser. Ich kenne ihn gut, obwohl er alt geworden ist seit damals, als er Maria Vander Gheenst von hier auf das Schloß von Lalaing geführt hat.« Der Wächter fiel, tot vor Angst, um wie ein Stock. Der Soldat nahm die Schlüssel von ihm und ging das Tor öffnen.

Der Kaiser fragte, warum man ihn so lange habe warten lassen. Nachdem es ihm der Soldat gesagt hatte, befahl der Kaiser, das Tor wieder zu schließen und die Reiter Kornjuins zu holen; diese ließ er vor ihm herreiten und ihre Trommeln schlagen und ihre Pfeifen blasen. Langsam erwachten nun die Glocken, eine nach der andern, und läuteten in vollem Schwunge. So kam Seine Majestät mit kaiserlichem Spektakel auf den Großen Markt. Dort waren die Bürgermeister und die Schöffen im Rathause versammelt; auf den Lärm kam der Schöffe Jan Guigelaer heraus. Sofort lief er in den Beratungssaal zurück und rief: »Keizer Karel is alhier!«

Ganz entsetzt über diese Zeitung verließen die Bürgermeister, die Schöffen und die Ratsherrn das Stadthaus, um den Kaiser in ihrer Gesamtheit zu begrüßen, während ihre Knechte durch die Stadt rannten, um zu veranlassen, daß die Pöller geladen, das Geflügel zugestellt und die Bratspieße ans Feuer gebracht würden. Männer, Frauen und Kinder liefen durcheinander und schrien: »Keizer Karel is op de Groote Markt!«

Bald war die Menge auf dem Platze groß.

Der Kaiser, wütend vor Zorn, fragte die zwei Bürgermeister, ob sie nicht gehenkt zu werden verdienten, weil sie es also an Ehrerbietung für ihren Herrscher hätten mangeln lassen. Die Bürgermeister antworteten, sie verdienten es in der Tat, aber Uilenspiegel, der Turmbläser, verdiene es noch mehr, weil man ihn auf die erste Nachricht von dem Besuch Seiner Majestät mit einer guten Brille ausgestattet und ihn auf den Turm gesetzt habe mit dem Auftrage, unverzüglich dreimal ins Horn zu stoßen, sobald er den kaiserlichen Zug kommen sehe; aber er habe es nicht getan. Noch immer ärgerlich, befahl der Kaiser, Uilenspiegel zu holen.

»Warum«, fragte er ihn, »hast du samt deiner trefflichen Brille bei meiner Ankunft nicht geblasen?« Bei diesen Worten hielt er wegen der Sonne die Hand vor die Augen und sah Uilenspiegel an.

Der hielt auch die Hand vor die Augen und antwortete, seitdem er bemerkt habe, daß Seine Majestät durch die Finger sehe, habe er die Brille nimmer brauchen wollen.

Der Kaiser sagte ihm, er werde gehenkt werden, der Torwächter sagte, so sei es recht, und die Bürgermeister verloren über diesen Spruch so die Fassung, daß sie kein Wort erwiderten, weder um beizupflichten, noch um zu widersprechen.

Der Henker und seine Schnapphähne wurden gerufen. Sie kamen mit einer Leiter und einem neuen Strick und nahmen Uilenspiegel beim Kragen; dieser schritt vor den hundert Reitern Kornjuins einher, still seine Gebete murmelnd. Die Reiter bedachten ihn mit bitterm Spotte. Das Volk, das hinterdrein kam, sagte: »Es ist eine gar große Grausamkeit, einen armen jungen Fant wegen eines solch geringen Fehlers sterben zu lassen.« Und die Weber waren in großer Zahl und in Waffen da und sagten: »Wir lassen Uilenspiegel nicht henken; das ist dem Gesetze von Oudenaarde zuwider.«

Als man zur Richtstätte kam, wurde Uilenspiegel über die Leiter in die Höhe gezogen, und der Henker legte ihm den Strick um den Hals. Die Weber scharten sich um den Galgen. Der Profoß war da und stützte auf die Schulter seines Pferdes das Schwert der Gerechtigkeit, womit er nach dem Befehle des Kaisers das Zeichen zur Vollstreckung des Spruches geben sollte. Das ganze versammelte Volk schrie: »Gnade! Gnade für Uilenspiegel!« Uilenspiegel auf seiner Leiter sagte: »Erbarmen, gnädiger Kaiser!«

Der Kaiser hob die Hand und sagte: »Wenn der Taugenichts von mir etwas verlangt, was ich nicht tun kann, so soll ihm sein Leben geschenkt sein!«

»Sprich, Uilenspiegel,« schrie das Volk.

Die Frauen weinten und sagten: »Er kann nichts verlangen, der arme Kerl; denn der Kaiser kann alles.« Und alle riefen: »Sprich, Uilenspiegel!«

»Heilige Majestät,« sagte Uilenspiegel, »ich werde Euch nicht um Geld bitten, nicht um Gut, nicht um Leib und Leben, sondern nur um etwas, weswegen Ihr mich, wenn ich es mich zu sagen getraue, nicht stäupen, nicht rädern sollt, bevor ich ins Jenseits wandere.« »Ich verspreche es,« sagte der Kaiser.

»Majestät,« sagte Uilenspiegel, »ich verlange, daß Ihr mir, bevor ich gehenkt werde, den Mund küßt, mit dem ich nicht vlämisch spreche.« Der Kaiser lachte, und das ganze Volk lachte, und er antwortete: »Ich kann es nicht tun, was du verlangst, Uilenspiegel, und du wirst nicht gehenkt.«

Aber er verurteilte die Bürgermeister und die Schöffen, sechs Monate lang Brillen hinten am Kopfe zu tragen, damit die von Oudenaarde, wenn sie schon vorne nichts sähen, wenigstens hinten sehn könnten, wie er sagte. Und nach einem kaiserlichen Erlasse sieht man heute noch die Brille im Wappen der Stadt.

Und Uilenspiegel ging bescheidentlich von dannen mit einem kleinen Sacke Geld, den ihm die Frauen gegeben hatten.

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