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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 41
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XL

Während Uilenspiegel in Karmesinseide gekleidet in der Rinne stand, betrachtete ihn Nele, die, ohne daß er sie gesehn hätte, unter der Menge war, mit lächelnden Blicken. Sie hielt sich damals in Borgerhout bei Antwerpen auf; als sie gehört hatte, daß ein Narr vor König Philipp fliegen wolle, hatte sie sofort gedacht, das könne niemand anders sein als ihr Freund Uilenspiegel.

Träumend zog dieser seine Straße weiter, ohne den Klang von Schritten unmittelbar hinter sich zu hören; aber er fühlte es ganz gut, als sich ihm zwei Hände auf die Augen legten. Nele spürend, sagte er: »Du bist es?«

»Ja,« sagte sie, »ich laufe hinter dir her, seitdem du aus der Stadt bist. Komm mit mir.«

»Aber wo ist denn Katelijne?«

»Du weißt noch nicht,« antwortete sie, »daß sie ungerechterweise als Hexe gefoltert und dann auf drei Jahre aus Damme gebannt worden ist und daß man ihr die Füße verbrannt hat und Werg auf dem Haupte. Ich sage dir das, damit du nicht erschreckest vor ihr; denn sie ist durch das furchtbare Leiden närrisch geworden. Ganze Stunden lang sitzt sie, schaut auf ihre Füße und sagt: ›Hansken, mein süßer Teufel, sieh, was sie mit deiner Liebsten gemacht haben. Und ihre armen Füße sind wie zwei Wunden.‹ Dann weint sie wiederum und sagt: ›Die andern Frauen haben entweder einen Mann oder einen Liebsten, ich aber lebe auf dieser Welt wie eine Witwe.‹ Dann sage ich ihr, daß ihr Hansken böse sein werde, wenn sie von ihm vor andern spreche als vor mir. Und sie gehorcht mir wie ein Kind, außer wann sie eine Kuh oder einen Ochsen sieht, weil eine Kuh die Ursache ihrer Folter war: dann rennt sie in vollem Laufe davon, ohne daß sie etwas hielte, kein Schlagbaum, kein Bach, kein Graben, bis sie erschöpft an einer Straßenecke oder gegen eine Hufenmauer zusammenbricht; und ich gehe sie aufheben und ihr die Füße verbinden, die nun bluten. Ich glaube, daß man ihr zugleich mit dem Werg auch das Hirn im Kopfe verbrannt hat.«

Und beide waren bekümmert in dem Gedanken an Katelijne.

Sie gingen zu ihr und fanden sie auf einer Bank an ihrem Hause in der Sonne sitzen. Uilenspiegel sagte zu ihr: »Kennst du mich?« Sie sagte: »Vier mal drei ist die heilige Zahl, und der dreizehnte ist Thereb. Wer bist du, Kind dieser elenden Welt?«

»Ich bin«, antwortete er, »Uilenspiegel, der Sohn Soetkins und Klaasens.«

Sie hob das Haupt und erkannte ihn; dann winkte sie ihm mit dem Finger und legte ihren Mund an sein Ohr: »Wenn du den siehst, dessen Küsse wie Schnee sind, so sag ihm, daß er wiederkommen soll, Uilenspiegel.«

Dann wies sie auf ihr verbranntes Haar: »Ich habe Schmerzen,« sagte sie, »man hat mir den Verstand genommen; aber wann er kommt, wird er mir den Kopf wieder füllen, der jetzt leer ist. Hörst du? Er klingt wie eine Glocke; das ist meine Seele, die hinaus will und an die Pforte klopft, weil es sie brennt. Wenn Hansken da ist und mir den Kopf nicht füllen will, werde ich ihm sagen, er soll mit dem Messer ein Loch hineinmachen: die Seele, die drinnen ist, peinigt mich grausam mit dem fortwährenden Pochen, und ich werde sterben, ja. Ich schlafe nimmermehr und warte fort und fort auf ihn, und er muß mir den Kopf füllen, ja.« Und sie wimmerte erschöpft.

Und die Bauern, die von den Feldern zum Essen heimgingen, während sie die Kirchenglocke rief, sagten, als sie bei Katelijne vorbeikamen: »Seht die Verrückte.« Und sie bekreuzigten sich.

Und Nele und Uilenspiegel weinten, und Uilenspiegel mußte seine Straße ziehn.

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