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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 39
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XXXVIII

Um diese Zeit heilte Katelijne mit einfachen Kräutern einen Ochsen, drei Hammel und ein Schwein, die Speelman gehörten; hingegen gelang es ihr nicht bei einer Kuh, die Eigentum Jan Beloens war. Dieser klagte sie nun der Zauberei an: er erklärte, sie habe das Tier behext, zumal da sie es, während sie ihm Kräuter gegeben habe, gestreichelt und mit ihm, ohne Zweifel in einer teuflischen Sprache, geredet habe; denn eine ehrliche Christin dürfe zu einem Vieh nicht sprechen. Besagter Jan Beloen fügte noch bei, er sei der Nachbar Speelmans, dem sie den Ochsen, die Hammel und das Schwein geheilt habe; und daß sie seine Kuh getötet habe, das sei ohne Zweifel auf Anstiftung Speelmans geschehn, der eifersüchtig sei, weil er sehe, daß seine Felder, die Beloens, besser bearbeitet seien und mehr Ertrag brächten als seine, nämlich Speelmans. Auf das Zeugnis von Pieter Meulemeester, einem wohlbeleumdeten Manne, und auch auf das von Jan Beloen, die es bewährten, daß Katelijne in Damme als Hexe gelte und zweifellos die Kuh getötet habe, wurde Katelijne gefangen gesetzt und verurteilt, die Tortur zu erleiden, bis sie ihre Verbrechen und Missetaten gestanden habe.

Die Befragung geschah durch einen Schöffen, der immerfort wild war, weil er den ganzen Tag Branntwein trank. Vor diesem und denen von der Vierschaar wurde sie auf die erste Folterbank gelegt. Der Henker entkleidete sie ganz nackt, dann schor er ihr den Kopf und den ganzen Körper, ob sie nirgends einen Zauber verberge. Als er nichts gefunden hatte, band er sie mit Stricken auf die Bank. Da sagte sie: »Ich schäme mich, so nackt dazuliegen vor den Männern; heilige Jungfrau, laß mich sterben!« Nun legte ihr der Henker nasse Tücher auf die Brust, den Bauch und die Beine; dann hob er die Bank und goß ihr heißes Wasser in einer solchen Menge in den Magen, daß sie ganz aufgeblasen war. Dann ließ er die Bank wieder fallen.

Der Schöffe fragte Katelijne, ob sie ihr Verbrechen gestehn wolle. Sie deutete nein. Wieder goß der Henker heißes Wasser in sie, aber sie erbrach alles.

Hierauf wurde sie auf Weisung des Arztes gelöst. Sie sprach kein Wort, schlug sich aber auf die Brust und gab zu verstehn, daß sie von dem heißen Wasser verbrannt sei. Als der Schöffe sah, daß sie sich von dieser ersten Tortur erholt hatte, sagte er zu ihr: »Bekenne, daß du eine Hexe bist und einen Zauber über die Kuh geworfen hast.«

»Ich kann nichts bekennen,« sagte sie. »Ich liebe alle Tiere mit der ganzen Kraft meines schwachen Herzens, und ich würde viel lieber mir weh tun, als ihnen, die sich nicht wehren können. Ich habe die gehörigen Kräuter gebraucht, um die Kuh zu heilen.«

Aber der Schöffe sagte: »Du hast ihr Gift gegeben, denn sie ist verendet.«

»Herr Schöffe,« sagte Katelijne, »ich stehe hier vor Euch und bin ganz in Euerer Gewalt. Und trotzdem getraue ich es mich, zu sagen, daß das Tier an einer Krankheit versterben kann wie der Mensch, trotz der Hilfe der Chirurgen und Ärzte. Und ich schwöre beim Herrn Jesus, der für unsere Sünden am Kreuze gestorben ist, daß ich dieser Kuh nicht schlecht wollte, sondern sie heilen mit einfachen Mitteln.«

Wütend sagte nun der Schöffe: »Diese Äffin des Teufels soll nicht immerfort leugnen; man bringe sie auf eine andere Folterbank!« Und er trank ein großes Glas Branntwein.

Der Henker setzte Katelijne auf den Deckel einer eichenen Totentruhe, die auf einem Gestelle ruhte. Besagter Deckel, der die Form eines Daches hatte, war scharf wie eine Klinge. Im Kamine loderte ein Feuer; denn man war im November.

Katelijnen, sitzend auf dem Deckel und einem Spieße aus spitzigem Holze, wurden ganz enge Schuhe aus neuem Leder angezogen, und sie wurde vors Feuer geschoben. Als sie das schneidende Deckelholz und den scharfen Spieß in ihr Fleisch eindringen fühlte und fühlte, wie das Feuer das Leder der Schuhe erhitzte und einschrumpfte, schrie sie: »Tausendfache Pein leide ich! Wer reicht mir doch Gift!«

»Näher ans Feuer!« befahl der Schöffe.

Dann fragte er Katelijne: »Wie oft bist du auf einem Besen zum Hexensabbat geritten? Wie oft hast du das Korn in der Ähre, die Frucht auf dem Baume, das Kind im Mutterleibe verderben lassen? Wie oft hast du zwei Brüder zu geschworenen Feinden und zwei Schwestern zu haßerfüllten Nebenbuhlerinnen gemacht?« Katelijne wollte sprechen, konnte es aber nicht; sie fuhr mit den Armen hin und her, um zu verneinen.

Nun sagte der Schöffe: »Sie wird nicht früher sprechen, als bis sie ihr ganzes Hexenschmer am Feuer schmelzen fühlt. Bringt sie näher.«

Katelijne schrie. Der Schöffe sagte: »Bitte Satan, daß er dich erquicke.«

Sie machte eine Gebärde, als ob sie die Schuhe abstreifen wollte, die von der Hitze des Feuers rauchten.

»Bitte Satan, daß er sie dir abziehe.«

Es schlug zehn Uhr, und das war die Frühstücksstunde des Wüterichs. Er ging mit dem Henker und dem Schreiber und ließ Katelijne allein in der Folterkammer vor dem Feuer.

Um elf Uhr kamen sie zurück und fanden Katelijne steif und regungslos sitzen. Der Schreiber sagte: »Ich denke, sie ist tot.«

Der Schöffe befahl dem Henker, Katelijne von dem Deckel herabzunehmen und ihr die Schuhe von den Füßen zu ziehen. Da er sie ihr nicht abziehen konnte, schnitt er sie herunter, und man sah Katelijnens Füße rot und blutig. Und der Schöffe, noch im Nachgenießen des Frühstücks, sah sie an, ohne ein Wort zu sagen. Bald kam sie wieder zu sich; sie fiel zu Boden, ohne sich, trotz ihren Bemühungen, wieder aufrichten zu können. So sagte sie zum Schöffen: »Du hast mich einst zur Gattin haben wollen; nun wirst du mich nicht mehr bekommen. Vier mal drei, das ist die heilige Zahl, und der dreizehnte, das ist der Gemahl.«

Als dann der Schöffe sprechen wollte, sagte sie zu ihm: »Schweig still; er hat ein feiners Gehör als der Erzengel, der im Himmel die Herzschläge der Gerechten zählt. Warum kommst du so spät? Vier mal drei ist die heilige Zahl; er tötet die, die mich begehren.«

Der Schöffe sagte: »Sie empfängt den Teufel in ihrem Bette.«

Der Schreiber sagte: »Sie ist närrisch geworden durch die Tortur.«

Katelijne wurde ins Gefängnis zurückgebracht. Drei Tage hernach versammelte sich die Schöffenkammer in der Vierschaar, und nach der Beratung wurde Katelijne zur Strafe des Feuers verurteilt.

Von dem Henker und seinen Knechten wurde sie auf den Großen Markt von Damme und auf das dort errichtete Schafott geführt. Auf dem Platze hielten der Profoß, der Herold und die Richter. Die Trompeten des Stadtherolds erklangen dreimal, und der Herold wandte sich zum Volke und sprach: »Der Magistrat von Damme hat aus Mitleid mit Frau Katelijne nicht gewollt, daß an ihr die Strafe nach der vollen Strenge des Stadtgesetzes vollzogen werde, sondern ihr sollen zum Zeugnis, daß sie eine Hexe ist, die Haare verbrannt werden, sie soll zur Buße zwanzig Goldgulden zahlen, und sie wird, bei Strafe an einem Gliede, auf drei Jahre aus dem Gebiete von Damme gebannt.«

Und das Volk klatschte Beifall dieser rohen Milde.

Nun band der Henker Katelijne an den Pfahl, setzte ihr eine Wergperücke auf das geschorene Haupt und zündete diese an. Und das Werg brannte lange, und Katelijne schrie und weinte. Dann wurde sie losgebunden und, weil sie die Füße verbrannt hatte, auf einem Karren aus dem Gebiete von Damme geführt.

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