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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 37
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XXXVI

Am nächsten Tage fand sich Uilenspiegel auf einer Straße mitten unter einer großen Menge Volkes; er schloß sich ihnen an und wußte bald, daß es der Tag der Wallfahrt nach Alsemberg war.

Er sah arme alte Weiber mit nackten Füßen rücklings dahinwandern, um für einen Gulden die Sünden irgendwelcher großer Damen zu sühnen. Und am Straßenrande feierte mehr als ein Pilger beim Klange von Fiedeln, Geigen und Dudelsäcken Schmausereien und Braunbiergelage; und der Dampf des leckern Gewürzfleisches stieg zum Himmel wie ein milder Weihrauch des Fraßes. Aber es gab auch andere Pilger, gemeine, dürftige und zähneklappernde hungrige Leute, die, von der Kirche bezahlt, um sechs Kreuzer rücklings gingen.

Ein kleines kahlköpfiges Männchen mit glotzenden Augen und scheuen Blicken sprang hinter ihnen rücklings einher, seine Vaterunser murmelnd. Uilenspiegel war neugierig, warum er also den Krebs nachäffte, schob sich vor ihn und sprang lachend in der nämlichen Weise; und die Fiedeln, Pfeifen, Geigen und Dudelsäcke und das Stöhnen der Pilger machten die Musik zu diesem Tanze. »Jan van den Duivel,« sagte Uilenspiegel, »ist es, um gewisser zu fallen, daß du auf diese Art läufst?« Der Mann antwortete nichts und fuhr fort, seine Paternoster zu murmeln.

»Vielleicht«, sagte Uilenspiegel, »willst du wissen, wie viel Bäume an der Straße sind. Aber zählst du nicht auch die Blätter?« Der Mann, der bei einem Credo war, machte Uilenspiegel ein Zeichen, zu schweigen.

»Vielleicht«, sagte dieser, immerfort vor ihm hüpfend und ihn nachahmend, »kommt es von einer plötzlichen Tollheit, daß du so der ganzen Welt wider den Strich gehst. Aber wer von einem Toren eine vernünftige Antwort haben will, ist selber nicht ganz vernünftig. Ists nicht so, Herr Glatzkopf?« Noch immer antwortete der Mann nicht; Uilenspiegel fuhr fort zu springen und machte dabei einen solchen Lärm mit seinen Schuhen, daß der Weg dröhnte wie eine hölzerne Trommel.

»Vielleicht«, sagte Uilenspiegel, »seid Ihr stumm?« » Ave Maria,« sagte der Mann, » gratia plena et benedictus fructus ventris tui, Jesu.«

»Vielleicht seid Ihr auch taub? Wir wollen sehn: man sagt, daß die Tauben weder Schmeicheleien noch Beschimpfungen hören. Sehn wir also, ob dein Trommelfell aus Haut oder aus Erz ist. Denkst du, du Laterne ohne Licht, du Fratze eines Paßgängers, daß du einem Menschen ähnlich siehst? Das könnte zutreffen, wenn sie aus Lumpen gemacht würden. Wo hat man schon jemals sonst so eine gelbe Rotznase, so einen garstigen Kahlkopf gesehn als auf dem Galgenfelde? Bist du nicht schon einmal gehenkt worden?« Und Uilenspiegel tanzte, und der Mann, der langsam ärgerlich wurde, lief zornig rücklings und murmelte seine Paternoster mit geheimer Wut.

»Vielleicht«, sagte Uilenspiegel, »verstehst du nicht Hochvlämisch; ich will also Platt mit dir reden: wenn du kein Freßsack bist, bist du ein Trunkenbold; bist du kein Trunkenbold, sondern ein Wassersäufer, dann bist du irgendwo elendiglich verstopft; bist du nicht verstopft, dann hast du den Durchfall; bist du kein Hurenknecht, so bist du ein Kapaun; gibt es eine Mäßigkeit, so ist es nicht sie, die die Tonne deines Bauches füllt; und wenn es unter den tausend Millionen Menschen, die die Erde bevölkern, nicht mehr als einen Hahnrei gibt, dann bist es du!«

Bei diesen Worten fiel Uilenspiegel auf sein Gesäß und streckte die Beine in die Luft; denn der Mann hatte ihm einen solchen Schlag auf die Nase versetzt, daß er mehr als hundert Lichter sah. Dann warf er sich behend auf ihn, trotz der Last seines Wanstes, und schlug ihn überallhin, und die Hiebe prasselten wie Hagel auf den magern Leib Uilenspiegels nieder. Und Uilenspiegels Stock fiel zur Erde.

»Daraus kannst du lernen,« sagte der Mann, »ehrliche Leute, die eine Wallfahrt tun, nicht zu belästigen. Denn, paß auf, auch ich gehe nach Alsemberg nach altem Gebrauch, um die heilige Maria zu bitten, daß sie das Kind mißraten lassen solle, das meine Frau empfangen hat, während ich auf der Reise war. Um eine so große Gnade zu erlangen, muß man, ohne ein Wort zu sprechen, rücklings gehn und tanzen vom zwanzigsten Schritte hinter seinem Hause bis zur untersten Kirchenstufe. O weh, o weh, jetzt muß ich noch einmal anfangen.«

Uilenspiegel, der inzwischen seinen Stock wieder aufgehoben hatte, sagte: »Ich will dir helfen, du Nichtsnutz, der du Unsere Frau dazu brauchen willst, um die Kinder im Leibe ihrer Mütter zu töten.« Und er schlug den elenden Hahnrei so grausam, daß er für tot auf der Straße liegen blieb.

Unterdessen stieg das Wimmern der Pilger zum Himmel auf und der Schall der Pfeifen, Geigen, Fiedeln und Dudelsäcke und, wie reiner Weihrauch, der Brodem der Braten.

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