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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XXX

Philipp hatte Maria von Portugal geheiratet und ihre Länder der spanischen Krone einverleibt; von ihr hatte er Don Carlos, den grausamen Narren. Aber er liebte seine Frau nicht.

Die Königin litt an den Folgen ihrer Niederkunft. Sie hütete das Bett und hatte ihre Ehrendamen um sich, unter ihnen die Herzogin von Alba.

Philipp ließ sie oft allein, um die Ketzer verbrennen zu sehn. Alle Herren und Damen des Hofes taten wie er. Ebenso tat auch die Herzogin von Alba, die edle Kindbetthüterin der Königin.

Um diese Zeit griff das geistliche Gericht einen vlämischen Bildner, einen Katholiken; er hatte sein Bild, eine Statue Unserer Frau, deren ausbedungenen Preis sich der Besteller, ein Mönch, zu zahlen weigerte, mit seinem Meißel ins Gesicht geschlagen mit den Worten, er wolle lieber sein Werk vernichten, als es zu einem geringen Preise hergeben. Da ihn der Mönch als Bilderstürmer angab, wurde er ohne Erbarmen der Folter unterworfen und endlich verurteilt, lebendig verbrannt zu werden.

Bei der Folter hatte man ihm die Fußsohlen geröstet; als er nun, gehüllt in den Sanbenito, vom Gefängnisse zum Scheiterhaufen ging, schrie er: »Haut mir die Füße ab! Haut mir die Füße ab!« Und Philipp hörte von weitem diese Schreie; und er war vergnügt, aber er lachte nicht.

Die Ehrendamen beurlaubten sich bei der Königin, um der Verbrennung beizuwohnen, und nach ihnen auch die Herzogin von Alba, die, als sie den vlämischen Bildner schreien hörte, das Schauspiel sehn wollte und die Königin allein ließ.

Philipp, seine vornehmen Diener, die Prinzen, Grafen und Ritter und die Damen waren da; der Bildner wurde mit einer langen Kette an einen Pfahl gefesselt, der mitten in einem feurigen Kreise von Strohbüscheln und Reisigbündeln stand, so daß der arme Sünder langsam braten mußte, wenn er sich, um dem gähen Feuer zu entrinnen, in der Mitte hielt.

Er war so gut wie nackt, und neugierig warteten die Zuseher, wie er den Mut seiner Seele gegen die Hitze des Feuers anspannen werde.

 

Zu derselben Zeit verspürte die Königin Maria in ihrem Kindbette Durst. In einer Schale sah sie eine halbe Melone liegen. Sie schleppte sich aus dem Bette, griff nach der Melone und aß sie vollends auf. Dann aber begann sie wegen der Kälte des Melonenfleisches zu schwitzen und zu frösteln; sie vermochte sich nicht zu rühren und blieb auf dem Boden liegen. »Ach,« rief sie, »ich würde mich ja erwärmen, wenn mich jemand zu Bette brächte.«

Da hörte sie den armen Bildner schrein: »Haut mir die Füße ab!«

»Ha,« rief die Königin Maria, »ist das ein Hund, der zu meinem Tode heult?«

 

In diesem Augenblicke träumte der Bildner, der rings um sich nichts sonst sah als die Gesichter der spanischen Feinde, von Flandern, dem Lande der Männer; die Arme gekreuzt und die lange Kette hinter sich nachschleppend, schritt er gegen das brennende Stroh und Reisig, und er warf sich aufrecht in die Flammen: »Seht, so sterben die Vlamen angesichts der spanischen Henker. Haut die Füße ab, aber nicht mir, sondern diesen, damit sie nicht zu neuen Morden eilen können! Heil Flandern! Flandern in Ewigkeit!«

Die Damen jubelten ihm zu und riefen um Gnade, als sie seine trotzige Standhaftigkeit sahen.

Und er starb.

Die Königin Maria erschauerte am ganzen Körper, sie weinte, ihre Zähne klapperten vor der Kälte des nahen Todes, und sie sagte, Arme und Beine von sich streckend: »Bringt mich ins Bett, damit ich warm werde.«

Und sie starb.

 

Und so säte Philipp überall Tod, Blut und Tränen, wie es Katelijne, die gute Hexe, prophezeit hatte.

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