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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XXVII

Als Uilenspiegel von Dudzele zurückkam, sah er beim Eintritt in die Stadt Nele, die an einem Schlagbaum lehnte. Sie entkörnte eine schwarze Weintraube. Eine Beere nach der. andern knackend, erfrischte und erquickte sie sich sicherlich, aber sie zeigte nicht, daß es sie gefreut hätte. Im Gegenteil, sie schien ärgerlich und raufte die Beeren zornig ab. Sie war so traurig und hatte ein so bekümmertes, vergrämtes und süßes Gesichtchen, daß Uilenspiegel von liebendem Mitgefühl ergriffen wurde und ihr, hinter sie tretend, einen Kuß auf den Nacken gab. Sie aber gab ihm einen tüchtigen Backenstreich wieder. »Ich sehe kaum noch vor meinen Augen,« entgegnete er.

Sie weinte bitterlich.

»Nele,« sagte er, »willst du denn jetzt die Brunnen an den Eingang der Flecken stellen?« »Mach, daß du fortkommst!« »Ich kann nicht gehn, wenn du so weinst, Herzlieb.« »Ich bin nicht dein Herzlieb,« sagte Nele, »und ich weine nicht.« »Nein, du weinst nicht, aber dir rinnt Wasser aus den Augen.« Sie: »Willst du nun gehn?« Er: »Nein.«

Unterdessen hielt sie die Schürze mit ihren zitternden Händchen und riß sie in Stücke, und ihre Tränen rannen darüber und benetzten sie.

»Nele,« fragte Uilenspiegel, »kommt bald schönes Wetter?« Und er lächelte ihr voll Liebe zu.

»Warum fragst du mich das?« »Weil es bei schönem Wetter nicht regnet.« »Geh,« sagte sie, »geh zu deiner schönen Dame im Brokatkleide; die hast du genugsam lachen gemacht, die da.«

Da sang Uilenspiegel:

In meinem Herzen wird es Nacht,
Wenn ich mein Liebchen weinen seh;
Wie Honig ist es, wenn sie lacht,
Wie Perlen sind die Tränen.
Allzeit ist sie mein Sehnen.
Und ich zahle jetzt, so viel ihr wollt,
Vom besten Wein von Löwen,
Und ich zahle jetzt, so viel ihr wollt,
Wenn Nele lachen sollt.

»Du gemeiner Mensch,« sagte sie, »du machst dich noch lustig über mich.«

»Nele,« sagte Uilenspiegel, »ich bin ein Mensch, aber kein gemeiner; denn unser edels Geschlecht, ein Schöffengeschlecht, führt drei silberne Kannen auf einem Grunde von Braunbier. Nele, ist es wahr, daß man in Flandern, wenn man Küsse sät, Backenstreiche erntet?«

»Ich will nicht mit dir reden.« »Warum machst du dann den Mund auf, um mirs zu sagen?« »Ich bin böse.«

Uilenspiegel gab ihr einen leichten Schlag auf den Rücken und sagte: »Küsse eine Dirne, und sie wird dich schlagen; schlag sie, und sie wird dich küssen. Küß mich doch, Liebchen; ich habe dich ja geschlagen!«

Nele wandte sich um. Er öffnete die Arme, und sie warf sich, noch weinend, an seine Brust: »Du wirst nicht mehr dorthin gehn, nicht wahr, Thijl?« Aber er antwortete nicht, weil er genug zu tun hatte, ihre armen bebenden Finger zu drücken und mit seinen Lippen die heißen Tränen zu saugen, die aus ihren Augen strömten wie die dicken Tropfen eines Gewitterregens.

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