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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XXV

Der fünfzehnjährige Infant schlich nach seiner Gewohnheit durch die Gänge, Treppen und Zimmer des Palastes; meistens sah man ihn aber bei den Gemächern der Damen herumschleichen, um die Pagen zu ärgern, die dort gleich ihm wie die Katzen auf der Lauer lagen. Andere Pagen, die im Hofe standen, sangen, die Nase in der Luft, irgendein Liebeslied. Wann diese der Infant hörte, zeigte er sich an einem Fenster und erschreckte die armen Schelme, die diese bleiche Fratze statt des süßen Antlitzes ihrer Schönen erblickten.

Unter den Hofdamen war auch eine schmucke Vlämin aus Dudzele bei Damme, frisch und üppig, eine zeitige Frucht und wunderbar schön mit ihren grünen Augen und den roten, goldig leuchtenden Locken. Fröhlichen Sinnes und feurigen Gemüts machte sie nie ein Hehl daraus, wer der glückliche Herr war, dem sie in ihren schönen Landen den himmlischen Freibrief einer aufrichtigen Liebe gewährte; und damals war ein schöner und tapferer Ritter ihr Erkorener. Alle Tage hatte sie zu einer gewissen Stunde ein Stelldichein mit ihm; und das erfuhr Philipp.

Er setzte sich auf eine Bank gegenüber einem Fenster und lauerte auf sie; als sie dann vorbeikam, blitzenden Auges, den Mund halb geöffnet, lieblich, vom Bade erfrischt und rauschend in gelbem Brokate, sah sie den Infanten, der, ohne sich zu erheben, zu ihr sagte: »Donna, hättet Ihr nicht einen Augenblick Zeit?«

Ungeduldig wie eine Stute, die in ihrem Galopp in einem Moment aufgehalten wird, wo sie zu dem schönsten Hengste sprengen will, der in den Wiesen wiehert, antwortete sie: »Hoheit, hier muß jeder Euerm fürstlichen Willen gehorchen.«

»Setzt Euch neben mich.«

Dann sagte er zu ihr mit lüsternen, strengen und verschmitzten Blicken: »Sagt mir das Vaterunser vlämisch her; man hat michs gelehrt, aber ich habe es vergessen.« Und die arme Dame sagte ein Vaterunser; und er befahl ihr, es langsamer zu sagen. Und so zwang er sie, es bis zu zehnmal herzusagen, die Ärmste, die geglaubt hatte, es habe die Stunde für ein andres Oremus geschlagen. Dann sagte er ihr einige Schönheiten wegen ihres herrlichen Haares, ihrer lebendigen Farbe, ihrer strahlenden Augen, wagte aber nicht zu sprechen von ihren prallen Schultern, von ihrer runden Brust oder von sonst etwas. Als sie dann dachte, nun werde sie loskommen, und schon in den Hof sah, wo sie ihr Geliebter erwartete, fragte er sie, ob sie wohl wisse, was die Tugenden der Frau seien.

Da sie aus Furcht, nicht gut zu antworten, still blieb, sprach er für sie und sagte in salbungsvollem Tone: »Die Tugenden der Frau, das sind Keuschheit, Ehrbarkeit und Zucht.« Dann riet er ihr, sich schicklich zu kleiden und alles, was an ihr sei, zu verhüllen. Und sie nickte mit dem Haupte und sagte, wenn es sich um Seine Hoheit, den Nordwind handle, werde sie sich lieber mit zehn Bärenfellen als einer Elle Musselin bedecken.

Da er ganz verdutzt war über diese Antwort, ergriff sie fröhlich die Flucht.

Und trotzdem brannte auch in des Infanten Brust das Feuer der Jugend, aber es war nicht jenes lodernde Feuer, das die tapfern Geister zu hohen Taten treibt, auch nicht jenes süße Feuer, das zarte Herzen weinen macht, sondern es war ein düsters Feuer, das der Unterwelt entstammte, wo es sicherlich Satan entfacht hatte. Und es glomm in seinen grauen Augen wie in einer Winternacht der Mond über einem Beinhaus. Und es verzehrte ihn grausam.

Da er wußte, daß er niemand liebte, wagte es der arme Duckmäuser nicht, um eine Dame zu werben: er begab sich dann in einen abgelegenen Winkel, in eine kleine kalkgetünchte Kammer, erhellt durch schmale Fensterlein, wo er gewöhnlich an seinem Zuckerwerk knapperte, weshalb die Fliegen in Massen hinkamen wegen der Krumen; dort liebkoste er sich selber, während er gleichzeitig den Fliegen die Köpfe langsam an den Scheiben zerdrückte und sie zu Hunderten tötete, bis endlich seine Finger zu sehr zitterten, als daß er in seinem blutigen Geschäfte hätte fortfahren können.

Und er empfand ein gemeines Vergnügen bei dieser grausamen Erschöpfung; denn Geilheit und Grausamkeit find zwei schändliche Schwestern. Wann er aus diesem Loche herauskam, war er trauriger als vorher, und jeder und jede flohen nach Möglichkeit das Antlitz dieses Prinzen, der so bleich war, als wäre er mit der Krätze eiternder Wunden aufgepäppelt worden.

Und die traurige Hoheit litt, denn ein schlechtes Herz schmerzt.

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