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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XXII

Der Kaiser fragte, als er vom Felde heimkehrte, warum sein Sohn Philipp nicht erschienen sei, um ihn zu begrüßen. Der Erzbischof, der der Erzieher des Infanten war, sagte, dieser habe nicht wollen; er liebe nur Bücher und die Einsamkeit.

Der Kaiser erkundigte sich, wo er in diesem Augenblicke sei. Der Erzieher antwortete, man habe ihn durchaus dort zu suchen, wo es finster sei. Und so taten sie.

Nachdem sie eine lange Flucht von Sälen durchschritten hatten, kamen sie endlich in eine Art Verschlag – ohne Dielen und nur durch eine Luke erleuchtet. Dort sahen sie einen in den Boden getriebenen Pfahl, und daran war mitten um den Leib ein kleiner herziger Affe gebunden, den man Seiner Hoheit aus Indien geschickt hatte, damit er sie durch seine jugendlichen Tollheiten ergötze. Am Fuße des Pfahles rauchte noch glühendes Reisig, und im Verschlage war ein entsetzlicher Geruch von verbrannten Haaren. Das Tierchen hatte bei seinem Feuertode so viel gelitten, daß sein kleiner Körper nicht mehr der eines Wesens, das einmal gelebt hat, zu sein schien, sondern einer runzeligen und verrenkten Wurzel glich; der Mund war offen wie vom Todesschrei und voll blutigen Schaumes, und das Gesicht war naß von den Tränen.

»Wer hat das getan?« fragte der Kaiser. Der Erzieher wagte nicht zu erwidern, und so verharrten sie beide in stummer Trauer und Erbitterung.

Plötzlich wurde in dieser Stille ein schwaches Hustengeräusch laut, das aus einem dunkeln Winkel hinter ihnen herkam. Seine Majestät wandte sich um und sah den Infanten Philipp, ganz schwarz gekleidet, der an einer Zitrone sog. »Don Philipp,« sagte er, »komm mich begrüßen.«

Ohne sich zu rühren, betrachtete ihn der Infant mit seinen zagen Augen, in denen kein Strahl von Liebe erglänzte. »Bist es du,« fragte der Kaiser, »der dieses Tierchen an dem Feuer da verbrannt hat?« Der Infant senkte den Kopf.

Aber der Kaiser fuhr fort: »Wenn du so grausam warst, es zu tun, so sei auch so mutig, es zu gestehn.« Der Infant antwortete nichts.

Seine Majestät riß ihm die Zitrone aus der Hand, um sie zur Erde zu schleudern, und wollte den Sohn, der sich vor Angst beseichte, schlagen, als ihm der Erzbischof in den Arm fiel und ihm ins Ohr flüsterte: »Seine Hoheit wird einmal ein großer Ketzerverbrennet sein.« Der Kaiser lächelte, und sie gingen miteinander weg; den Infanten ließen sie mit seinem Affen allein.

Und es gab andere, die keine Affen waren und doch in den Flammen sterben mußten.

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