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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XIX

Mai und der Juni waren in diesem Jahre die wahren Blütenmonde. Niemals hatte man in Flandern so balsamisch duftenden Hagedorn gesehn, niemals so viel Rosen, Jasmin und Geißblatt in den Gärten. Wann der Wind von England her wehte, jagte er die Düfte dieses blumigen Landes nach Osten; jedermann, sonderlich aber in Antwerpen, hob die Nase fröhlich in die Luft und sagte: »Spürt ihr den guten Wind, der von Flandern kommt?« Und die emsigen Bienen saugten Honig aus den Blüten, machten Wachs und legten ihre Eier in die Körbe, die zu klein waren, um die Schwärme zu fassen. Was für eine Musik der Arbeit unter dem blauen Himmel, der sich strahlend über die reiche Erde wölbte!

Man verfertigte Bienenkörbe aus Binsen, aus Stroh, aus Wieden, aus geflochtenem Grase. Den Korbmachern, den Böttchern, den Küfern wurde das Werkzeug schartig. Und die Trogner konnten seit langer Zeit ihrer Arbeit nicht genügen. Schwärme waren da von dreißigtausend Bienen und von zweitausend? siebenhundert Hummeln. Die Waben waren so ausgezeichnet, daß der Dechant von Damme ihrer außergewöhnlichen Güte halber elf dem Kaiser sandte, um seinen Dank für die neuen Edikte abzustatten, die die Inquisition wieder in Kraft setzten. Philipp war es, der sie aß, aber sie schlugen ihm nicht im mindesten an. Die Tagediebe, Bettler, Landstreicher und diese ganze Sippe müßiger Taugenichtse, die ihre Faulheit auf den Straßen herumschleppen und sich lieber henken lassen, als zu arbeiten, kamen, angelockt durch den Duft des Honigs, um ihren Teil zu erhalten. Und sie schlichen des Nachts in Haufen herum.

Klaas hatte Körbe verfertigt, um die Schwärme zu sammeln; manche waren schon voll, manche aber warteten noch auf die Bienen. Klaas wachte die ganze Nacht, um dieses süße Gut zu hüten. Wann er müde war, ließ er sich von Uilenspiegel vertreten. Der tat das gerne.

Eines Nachts hatte sich nun Uilenspiegel, um der Kälte zu entgehn, in einen Korb geflüchtet und sah, ganz zusammengekauert, durch die Öffnungen. Es waren oben ihrer zwei. Als er eben am Einschlafen war, hörte er die Sträucher der Hecke knacken und hörte die Stimmen von zwei Männern, die er für Diebe ansah. Er guckte durch die eine Öffnung des Korbes und sah, daß sie beide langes Haar und lange Bärte hatten, wo doch der Bart das Zeichen des Adels war. Sie gingen von Korb zu Korb, bis sie an den seinen kamen; sie hoben ihn und sagten: »Den nehmen wir: der ist der schwerste.« Dann legten sie ihn auf ihre Stöcke und trugen ihn weg.

Uilenspiegel empfand kein Vergnügen, so im Korbe verfrachtet zu werden. Die Nacht war hell, und die Diebe schritten aus, ohne ein Wort zu sprechen. Alle fünfzig Schritte hielten sie an, weil ihnen der Atem ausging, machten sich aber sofort wieder auf den Weg. Der vorne wurde wild über die schwere Last, und der hinten weinte trübselig. Denn es gibt in der Welt zwei Gattungen fauler Schlingel: solche, die wild werden über die Arbeit, und solche, die greinen, wenn es arbeiten heißt.

In seiner Beschäftigungslosigkeit zog Uilenspiegel den Dieb, der vorne ging, an den Haaren und den, der hinten ging, am Barte, bis endlich der Wilde, des Spieles überdrüssig, zu dem Greiner sagte: »Hör auf, mich an den Haaren zu ziehen, oder du bekommst eins auf den Kopf, daß er dir in den Brustkasten fährt und du durch deine Rippen guckst, wie ein Gauner durch das Gefängnisgitter!«

Der Greiner erwiderte: »So dreist wäre ich gar nicht, mein Freund; du bists vielmehr, der mich am Barte zieht.« Der Wilde antwortete: »Ich jage kein Ungeziefer in dem Fell eines Krätzigen.«

»Herr,« sagte der Greiner, »laßt den Korb nicht so stark schwingen; meine schwachen Arme halten es nicht aus.« »Ich werde sie dir ganz und gar abschlagen,« erwiderte der Wilde.

Er entledigte sich seines Riemens, stellte den Korb auf die Erde und stürzte sich auf seinen Gesellen. Und sie verprügelten einander, der eine fluchend, der andere um Barmherzigkeit schreiend. Als Uilenspiegel hörte, daß es Schläge regnete, kroch er aus dem Korbe, zog ihn bis zum nahen Wäldchen, um ihn später von dort zu holen, und kehrte zu Klaas zurück.

Ähnlich finden bei Streitigkeiten die Flisterer ihren Vorteil.

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