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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 182
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Als Nele niederfiel, rieb sie sich die Augen und sah nichts als die Sonne, die sich in goldenen Dünsten erhob, die vergoldeten Spitzen der Gräser und den Strahl, der das Gefieder der schlafenden Möwen rötlich färbte; aber die Möwen erwachten gar bald. Dann betrachtete sich Nele, sah sich nackt und bekleidete sich hastig. Dann sah sie Uilenspiegel ebenso nackt daliegen und bedeckte ihn; in dem Glauben, er schlafe, rüttelte sie ihn, aber er rührte sich nicht mehr als ein Toter: vor Angst verlor sie schier die Besinnung. »Habe ich meinen Freund«, sagte sie, »mit dem Seherbalsam getötet? Ich will auch sterben. Ach, Thijl, erwache doch! Er ist kalt wie Marmor!«

Uilenspiegel erwachte nicht. Zwei Nächte und ein Tag gingen vorüber, und Nele wachte, fiebernd vor Schmerz, bei ihrem Freunde Uilenspiegel.

Bei Anbruch des zweiten Tages hörte Nele ein Glöckchen klingen und sah einen Bauer kommen, der einen Spaten trug; hinter ihm kamen, Kerzen in den Händen, ein Bürgermeister, zwei Schöffen und der Pfarrei von Stavenisse mit seinem Küster, der ihm den Sonnenschirm hielt.

Sie gingen, wie sie sagten, mit dem heiligen Sakramente der letzten Ölung zu dem wackern Jacobsen, der aus Furcht Geuse geworden war, aber nun, wo die Angst vorbei war, zum Sterben in den Schoß der heiligen römischen Kirche zurückkehrte. Bald waren sie bei der weinenden Nele und sahen den Körper Uilenspiegels, bedeckt mit seinen Kleidern, ausgestreckt auf dem Rasen liegen. Nele warf sich auf die Knie.

»Mädchen,« sagte der Bürgermeister, »was tust du da bei dem Toten?«

Ohne daß sie sich getraut hätte, die Augen aufzuschlagen, antwortete sie: »Ich bete für meinen Freund, der hier zusammengebrochen ist, wie vom Blitz gefällt; ich bin allein jetzt und will auch sterben.«

Der Pfarrer blies vor Vergnügen: »Uilenspiegel, der Geuse, ist tot, gelobt sei der Herr! Bauer, spute dich und hebe ein Grab aus; nimm ihm die Kleider, bevor er begraben wird.«

»Nein,« sagte Nele, sich aufrichtend, »ihr werdet sie ihm nicht nehmen; er würde frieren in der Erde.«

»Hebe das Grab aus,« sagte der Pfarrer zu dem Bauer, der den Spaten trug.

»Meinetwegen,« sagte Nele, von Tränen überströmt; »es gibt keine Würmer in dem kalkigen Sande, und er wird heil und schön bleiben, mein Geliebter.« Und ganz von Sinnen warf sie sich über den Körper Uilenspiegels und küßte ihn mit Zähren und Tränen.

Der Bürgermeister, die Schöffen und der Bauer hatten Mitleid, aber der Pfarrer hörte nicht auf mit seinem Freudengeschrei: »Der große Geuse ist tot, Gott sei gelobt!«

Dann hob der Bauer das Grab aus, legte Uilenspiegel hinein und bedeckte ihn mit Sand. Und der Pfarrer sprach über dem Grabe die Totengebete; alle knieten in der Runde: plötzlich geschah unter dem Sand eine heftige Bewegung, und Uilenspiegel, niesend und sich den Sand aus den Haaren schüttelnd, packte den Pfarrer bei der Gurgel: »Du Inquisitor! Du legst mich bei lebendigem Leibe in die Erde, während ich schlafe? Wo ist Nele? Hast du sie auch begraben? Wer bist du?«

Der Pfarrer schrie: »Der große Geuse kehrt auf die Welt zurück! Herr Gott, nimm meine Seele!« Und er entwich wie ein Hirsch vor den Hunden.

Nele trat zu Uilenspiegel. »Küß mich. Herzlieb,« sagte er.

Dann sah er wieder um sich. Die beiden Bauern waren ausgerissen wie der Pfarrer und hatten, um besser laufen zu können, alles weggeworfen: Spaten, Tragstuhl und Sonnenschirm; der Bürgermeister und die Schöffen hielten sich vor Angst die Ohren zu und wimmerten auf dem Rasen.

Uilenspiegel ging hin zu ihnen und schüttelte sie: »Begräbt man denn Uilenspiegel, den Geist der Mutter Flandern, und Nele, ihr Herz? Auch Flandern kann schlafen; aber sterben, nein! Komm, Nele.«

Und er zog von hinnen mit ihr und sang sein sechstes Lied; aber wo er das letzte singen wird, weiß niemand.

 

Ende

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