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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 180
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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VIII

Zu dieser Zeit versammelten sich die Herren der Generalstaaten im Haag, um Gericht zu halten über Philipp, König von Spanien, Graf von Flandern, von Holland usw., gemäß den Freiheiten und Privilegien, die er bestätigt hatte.

Und der Greffier sprach also: »Es ist männiglich bekannt, daß der Landesfürst von Gott eingesetzt ist als Oberhaupt seiner Untertanen, um sie vor allem Unglimpf, aller Unterdrückung und aller Gewalttätigkeit zu bewahren und zu schützen, so wie der Schäfer bestellt ist, um seine Schafe zu verteidigen und zu schützen. Ebenso ist bekannt, daß die Untertanen nicht des Fürsten wegen von Gott geschaffen sind, um ihm gehorsam zu sein in allem, was er befiehlt, es sei fromm oder gottlos, gerecht oder ungerecht, und um ihm zu dienen wie Sklaven. Sondern der Fürst ist Fürst für seine Untertanen, ohne die er nicht bestehn könnte, und er soll sie nach Gesetz und Recht leiten und sie fördern, er soll sie lieben wie ein Vater seine Kinder, wie ein Hirt seine Schafe, und sein Leben in die Schanze schlagen, um sie zu verteidigen; tut er das nicht, darf er nicht als Fürst gelten, sondern als Tyrann. König Philipp hat über uns vier fremde Heere geschickt, indem er Soldaten gerufen und Kreuzzugsbullen und den Kirchenbann erwirkt hat. Was soll seine Strafe sein kraft der Gesetze und Gebräuche der Lande?«

»Er sei abgesetzt,« sagten die Herren der Staaten.

»Philipp hat seine Eide gebrochen; er hat vergessen die Dienste, die wir ihm geleistet haben, und die Siege, die wir ihm haben erringen helfen. Da er sah, daß wir reich waren, ließ er uns ranzionieren und plündern durch die vom Rate von Spanien.«

»Er sei abgesetzt als ein undankbarer Dieb,« antworteten die Herren der Staaten.

»Philipp«, fuhr der Greffier fort, »hat in die mächtigsten Städte der Lande neue Bischöfe eingesetzt und diese begabt und ausgestattet mit dem Gute der größten Kloster; mit der Hilfe dieser Bischöfe hat er die spanische Inquisition eingeführt.«

»Er sei abgesetzt als Verschwender fremden Gutes und Henker,« antworteten die Herren der Staaten.

»Die Edeln der Lande haben, als sie diese Tyrannei sahen, im Jahre 1566 eine Bittschrift verfaßt, worin sie den Herrscher anflehten, seine harten Plakate zu mildern, sonderlich die, die die Inquisition betrafen; er hat es verweigert.«

»Er sei abgesetzt als ein in Grausamkeit verhärteter Tiger,« antworteten die Herren der Staaten.

Der Greffier fuhr fort: »Philipp ist stark verdächtig, insgeheim durch seinen spanischen Rat den Bildersturm und die Kirchenzerstörung angestiftet zu haben, um unter dem Vorwande von Frevel und Aufruhr fremde Heere über uns zu schicken.«

»Er sei abgesetzt als ein Werkzeug des Todes,« antworteten die Herren der Staaten.

»In Antwerpen hat Philipp die Einwohner niedermetzeln lassen und die vlämischen und fremden Kaufleute ins Elend gestürzt. Er und sein spanischer Rat haben einem gewissen Rhoda, einem berüchtigten Taugenichts, durch geheime Unterweisungen das Recht gegeben, sich zum Anführer der Plünderer zu erklären, Beute einzusammeln, sich seines, des Königs Philipp, Namens zu bedienen, seine Siegel und Gegensiegel nachzumachen und sich wie sein Statthalter und Stellvertreter zu benehmen. Die aufgefangenen Briefe des Königs, die in unsern Händen sind, beweisen die Tatsächlichkeit. Alles ist geschehn mit seiner Zustimmung und nach Beschlüssen des spanischen Rates. Lest seine Briefe; darin lobt er die Tat von Antwerpen, erkennt an, einen ausgezeichneten Dienst erhalten zu haben, verspricht Belohnung dafür und ladet Rhoda und die andern Spanier ein, auf dieser glorreichen Bahn weiter zu wandeln.«

»Er sei abgesetzt als Dieb, Plünderer und Mörder,« antworteten die Herren der Staaten.

»Wir wollen nichts sonst als die Erhaltung unserer Privilegien, einen ehrlichen und gesicherten Frieden und eine gemäßigte Freiheit, die Freiheit sonderlich in Sachen der Religion, die vor allem Gott und das Gewissen angeht; von Philipp haben wir nichts andres erhalten als lügnerische Verträge, die nur dazu dienten, Zwietracht unter den Provinzen zu säen, eine nach der andern unters Joch zu bringen und sie, so wie die Indier, mit Plünderungen, Vermögenseinziehungen, Hinrichtungen und der Inquisition zu verfolgen.«

»Er sei abgesetzt als ein Meuchler, der geflissentlich den Mord der Lande herbeigeführt hat,« antworteten die Herren der Staaten.

»Er hat die Lande bluten lassen unter dem Herzog von Alba und seinen Häschern und unter Medina-Coeli und Requesens, den Verrätern des Rates der Staaten und der Provinzen; er hat sowohl Don Juan als auch Alexander Farnese, Prinzen von Parma, eine harte und blutige Strenge eingeschärft, wie man aus den aufgefangenen Briefen ersieht. Er hat den gnädigen Herrn von Oranien in die Reichsacht getan und gegen ihn drei Meuchelmörder bezahlt bis zu der Stunde, wo er den vierten bezahlen wird. Er hat bei uns Festungen und Zwingburgen errichtet. Er hat die Männer lebendig verbrennen, die Frauen und die Mädchen lebendig begraben lassen; er hat ihr Gut geerbt. Er hat Montigny, van Bergen und andere Herren umgebracht trotz seinem königlichen Worte. Er hat seinen Sohn Carlos getötet. Er hat den Fürsten von Ascoli vergiftet, nachdem er ihm Donna Euphrasia, die von ihm schwanger war, vermählt gehabt hat, um den zu erwartenden Bastard mit seinen Gütern auszustatten. Er hat gegen uns ein Edikt geschleudert, das uns alle für Verräter erklärt, die Leib und Gut verwirkt haben, und hat so das in einem christlichen Lande unerhörte Verbrechen begangen, die Unschuldigen mit den Schuldigen zu vermengen.«

»Nach allem Recht, Gesetz und Brauch sei er abgesetzt,« antworteten die Herren der Staaten.

Und die Siegel des Königs wurden zerbrochen.

Und die Sonne leuchtete über Erde und Meer, vergoldete die reifen Ähren, reifte die Trauben und ließ auf jeder Woge Perlen erglänzen als Schmuck der Braut der Niederlande, der Freiheit.

Dann schoß in Delft ein vierter Meuchler dem Prinzen von Oranien drei Kugeln in die Brust. Und der Prinz starb, getreu seinem Wahlspruch: »Ruhig im Tosen der Wogen.«

Seine Feinde sagten ihm nach, daß er, um Philipp einen Streich zu spielen und weil er keine Hoffnung gehabt habe, selbst über sie herrschen zu können, die südlichen katholischen Niederlande durch ein geheimes Schriftstück Seiner Großen Hoheit, dem gnädigen Herrn von Anjou, angeboten habe. Aber der war nicht geboren, um mit der Freiheit das Kind Belgien zu zeugen; die Freiheit liebt nicht die seltsamen Arten der Liebe.

Und Uilenspiegel verließ mit Nele die Flotte.

Und das belgische Vaterland, geknebelt von den Verrätern, wimmerte unter dem Joche.

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