Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles de Coster >

Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 178
Quellenangabe
pfad/coster/uilensp2/uilensp2.xml
typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120424
projectid53c21dfa
Schließen

Navigation:

VI

Im Mai, in dem Monde, wo die Bäuerin Flanderns des Nachts drei schwarze Bohnen langsam über und hinter ihr Haupt wirft, um sich vor Krankheit und Tod zu bewahren, öffnete sich die Wunde Lammes: er hatte ein heftiges Fieber und verlangte, auf dem Deck liegen zu dürfen, gegenüber dem Käfig des Mönches. Uilenspiegel gewährte es ihm gerne; da er aber befürchtete, sein Freund könnte bei einem Anfall ins Meer stürzen, ließ er ihn fest an sein Bett binden.

In seinen lichten Augenblicken kannte Lamme keine andere Sorge, als daß man des Mönches nicht vergesse; und er zeigte ihm die Zunge. Und der Mönch sagte: »Du beschimpfst mich, dicker Mensch.« »Nein,« antwortete Lamme, »ich mache dich fett.«

Der Wind blies lind, und die Sonne blinkte warm. Der fiebernde Lamme war fest ans Bett gebunden; er glaubte, er sei noch in seiner Küche und sagte: »Der Herd ist hell heute. Bald wird es Ammern regnen. Frau, spanne Netze in unserm Garten. Du bist schön so, die Ärmel zurückgeschlagen bis an den Ellbogen. Dein Arm ist weiß, ich will hineinbeißen, hineinbeißen mit den Lippen, die Samtzähne sind. Wem gehört dieses schöne Fleisch, wem diese schönen Brüste, die durch dein weißes Leibchen aus feiner Leinwand schimmern? Mir, mein süßer Schatz. Wer wird die Hahnenkämme und die Hühnerbürzel braten? Nicht zu viel Muskatnuß; man bekommt Fieber davon. Eine weiße Tunke, Thymian und Lorbeer. Wo sind die Eidotter?« Dann gab er Uilenspiegel ein Zeichen, das Ohr seinem Munde zu nähern, und sagte ganz leise zu ihm: »Bald wird es Wild regnen; dir hebe ich vier Ammern mehr auf als den andern. Du bist der Kapitän; verrate mich nicht.« Dann hörte er, wie die Flut sanft an die Planken schlug: »Die Suppe kocht, mein Sohn, die Suppe kocht; aber der Herd heizt zu langsam.«

Kaum war er wieder bei Vernunft, erinnerte er sich auch schon des Mönches und sagte: »Wo ist er? nimmt er zu an Fett?« Und als er ihn sah, reckte er die Zunge auf ihn und sagte: »Das große Werk geht der Vollendung entgegen; ich bin glücklich.«

Eines Tages verlangte er, daß man die große Wage auf dem Deck aufstelle und ihn in die eine, den Mönch in die andere Schale bringe; aber schon schoß er auch wie ein Pfeil in die Luft, und fröhlich rief er: »Er ist schwer, er ist schwer! Ich bin ein zarter Geist gegen ihn: ich fliege in die Luft wie ein Vogel. Ich habe meinen Gedanken: nehmt ihn weg, damit ich herunter kann; jetzt legt Gewichte hin: setzt ihn wieder hinein. Wieviel wiegt er? Dreihundertvierzehn Pfund. Und ich? Zweihundertzwanzig.«

 << Kapitel 177  Kapitel 179 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.