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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 176
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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IV

Allemal schien es mit seiner Gesundheit besser zu gehn. Alle Samstage sahen die Geusen, wie er den Leibesumfang des Mönches mit einem langen Lederriemen maß.

Am ersten Samstag sagte er: »Vier Fuß.« Und indem er sich selber maß, sagte er: »Vier Fuß und ein halber.« Und er schien trübsinnig.

Aber als er am achten Samstage den Mönch gemessen hatte, sagte er lustig: »Vier Fuß und dreiviertel.«

Und wann er dem Mönch das Maß nahm, sagte der ärgerlich: »Was willst du von mir, dicker Mensch?« Aber Lamme zeigte ihm die Zunge, ohne ein Wort zu sprechen.

Und siebenmal des Tages sahen ihn die Matrosen und die Soldaten stets mit einer neuen Schüssel zu dem Mönche treten, zu dem er sagte: »Da hast du fette Bohnen in flämischer Butter: hast du jemals in deinem Kloster etwas Derartiges gegessen? Du siehst ganz gut aus; man wird nicht mager auf diesem Schiffe. Fühlst du noch nicht, daß dir am Rücken Fettpolster wachsen? Bald wirst du keine Matratze mehr zum Schlafen brauchen.«

Beim nächsten Mahle des Mönches sagte er: »Da bringe ich dir Koekebakken nach Brüsseler Art. Die Franzosen nennen sie crêpes, weil sie sie als Zeichen der Trauer am Hute tragen. Die da sind aber nicht schwarz, sondern blond und knusprig; siehst du, wie sie von Butter triefen? So wird es auch mit deinem Wanst sein.«

»Ich habe keinen Hunger,« sagte der Mönch.

»Du mußt essen,« sagte Lamme; »denkst du, sie seien aus Buchweizenmehl? Nur Weizenmehl ist dabei, mein Vater, mein Vater im Fette, die Blume des Weizenmehls, mein Vater mit dem vierfachen Kinn; das fünfte sehe ich schon wachsen, und mein Herz ist froh. Iß!«

»Laß mich in Ruhe, dicker Mensch,« sagte der Mönch.

Da wurde Lamme zornig und antwortete: »In meiner Hand ist dein Leben: ist dir der Strick lieber als eine gute Schüssel Erbsenmus mit Brotkrüstchen? Ich werde sie dir alsbald bringen.«

Und er kam mit der Schüssel. »Das Erbsenmus«, sagte Lamme, »will in Gesellschaft verzehrt werden; darum bring ich dir dazu Knödel, wie man sie in Deutschland bereitet, schöne Kugeln aus korinthischem Mehl, die lebendig ins kochende Wasser geworfen worden sind: sie sind schwer, erzeugen aber Speck. Iß so viel, wie du kannst; je mehr du ißt, desto größer ist meine Freude. Tu nicht so, als ob du einen Ekel davor hättest, und blase nicht so stark, als ob es dir zu viel würde: iß! Ists nicht besser zu essen, als gehenkt zu werden? Laß deinen Schenkel sehn! Er wird auch fett: zwei Fuß sieben Zoll rundherum. Wo gibts einen Schinken mit diesem Umfange?«

Nach einer Stunde kam er wieder: »Da hast du neun Tauben: sie sind um deinetwillen erlegt worden, diese unschuldigen Tierchen, die arglos über den Schiffen flogen. Verschmähe sie nicht: ich habe ihnen ein Butterkügelchen, Brotkrumen und geriebene Muskatnuß in den Bauch getan, dazu noch Gewürznägelchen, die in einem kupfernen Mörser zerstoßen worden sind, der so glänzt wie deine Haut; die Frau Sonne ist ganz glücklich, daß sie sich in einem so klaren Gesichte spiegeln darf, wie das deinige, das diese Klarheit nur dem Fette verdankt, dem guten, von mir erzeugten Fette.«

Zur fünften Mahlzeit brachte er ihm eine Waterzoo: »Was denkst du«, sagte er zu ihm, »von diesem Fischgemengsel? Das Meer trägt dich und nährt dich; mehr könnte es für Seine Königliche Majestät auch nicht tun. Ja, ja, ich sehe das fünfte Kinn sichtbarlich wachsen, ein bißchen mehr links als rechts; da heißt es jetzt auch die unbegnadete Seite fett machen, denn Gott hat gesagt: Seid gerecht zu jedermann. Wo gäbe es denn eine Gerechtigkeit, wenn nicht in der gleichmäßigen Verteilung des Fettes? Zu deinem sechsten Mahle bekommst du Miesmuscheln, diese Austern der kleinen Leute; in deinem Kloster hat man dir so etwas nie vorgesetzt. Die Dummköpfe sieden sie und essen sie also; aber das Sieden darf nur die Einleitung des Verfahrens sein: dann muß man sie aus den Schalen nehmen, ihre köstlichen Leiber in eine Pfanne tun, sie mit Sellerie, Muskat und Gewürznelken linde dämpfen, die Tunke mit Bier und Mehl sämig machen und das Gericht mit in Butter gerösteten Brotschnitten auftragen. So habe ich sie für dich zubereitet. Warum schulden die Kinder den Eltern so viel Erkenntlichkeit? Weil sie ihnen Obdach und Liebe gegeben haben, aber vor allem die Nahrung: du sollst mich also lieben wie deinen Vater und deine Mutter und schuldest mir wie ihnen die Erkenntlichkeit des Schlundes. Roll nicht die Augen so wild gegen mich!

Dann bringe ich dir noch eine Biersuppe, gut gezuckert und mit viel Zimt. Weißt du, warum? Damit dein Fett durchscheinend wird und durch die Haut zittert; man sieht es, wann du dich rührst. So, jetzt schlägt die Feierglocke: schlafe in Frieden, ohne Sorge wegen morgen, sicher, daß du deine schmalzigen Mahlzeiten wiederfinden wirst, ebenso wie deinen Freund Lamme, der sie dir ohne Säumnis verabreicht.«

»Geh und laß mich beten,« sagte der Mönch.

»Bete,« sagte Lamme, »bete mit der lustigen Musik des Schnarchens. Das Bier und der Schlaf werden dir Fett machen, hübsches Fett. Ich bin so glücklich!« Und Lamme ging zu Bette.

Und die Matrosen und die Soldaten sagten zu ihm: »Was hast du denn, daß du diesen Mönch, der dir doch nichts Gutes will, so fett fütterst?«

»Laßt mich nur machen,« sagte Lamme; »ich erfülle ein großes Werk.«

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