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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 175
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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III

Da der Mönch sah, daß man ihn gewähren ließ, trug er die Nase hoch auf dem Schiffe; und die Matrosen und die Soldaten lästerten die Jungfrau, die Heiligen und die frommen Gebräuche der heiligen römischen Kirche, um ihn zu einer Predigt zu reizen.

Dann kam er in Wut und spie tausend Beschimpfungen gegen sie. »Ja,« schrie er, »ja, da bin ich also in der Höhle der Geusen! Ja, das sind die vermaledeiten Aussauger des Landes! Ja. Und da sagt man, daß der Inquisitor, der heilige Mann, zu viele verbrannt hat! Nein, noch immer bleibt genug von diesem schmutzigen Ungeziefer. Ja, auf den guten, wackern Schiffen unsers Herrn des Königs, die einstmals so hübsch und so wohl gewaschen waren, sieht man heute das Geusenungeziefer, ja, das stinkende Ungeziefer. Ja, es ist ein Ungeziefer, ein unflätiges, stinkendes, schändliches Ungeziefer: dieser singende Kapitän, dieser Koch mit dem Wanste voller Gottlosigkeit und sie alle mit ihren ruchlosen Halbmonden. Wenn der König seine Schiffe reinigen wird, indem er sie mit den Geschützen abspült, wird es Pulver und Blei um mehr als hunderttausend Gulden brauchen, um diese unflätige, schändliche, stinkende Pest zu bannen. Ja, ihr seid alle im Gemache der Frau Luzifer geboren, die verdammt ist, mit Satan zu weilen zwischen Wänden von Ungeziefer, unter Decken von Ungeziefer und auf einem Bette von Ungeziefer. Ja, und dort ist es gewesen, daß die zwei in ihrer schändlichen Unzucht die Geusen zur Welt gebracht haben. Ja, und ich speie auf euch.«

Daraufhin sagten die Geusen zu ihm: »Warum behalten wir diesen Tagdieb, der nichts kann als Beschimpfungen ausspeien? Henken wir ihn lieber.« Und sie machten sich daran, es zu tun.

Als der Mönch sah, daß der Strick bereit war, die Leiter am Mäste lehnte und sie sich anschickten, ihm die Hände zu binden, sagte er mit kläglicher Stimme: »Habt Erbarmen mit mir, Herren Geusen; es ist der Zornteufel, der in meinem Herzen spricht, und euer demütiger Gefangener ist schuldlos, der arme Mönch, der nur einen Hals auf dieser Welt hat. Gnädige Herren, übt Mitleid: schließt mir den Mund, wenn ihr wollt, mit einer Würgbirn, die gewiß nicht zum guten Obst gehört, aber henkt mich nicht!«

Ohne auf ihn zu hören und trotz seinem wütenden Widerstande schleppten sie ihn zur Leiter. Nun schrie er so gellend, daß Lamme zu Uilenspiegel, der ihn in der Küche pflegte, sagte: »Mein Sohn, mein Sohn! Sie haben ein Ferkel aus dem Stalle gestohlen und kehlen es ab. Diese Schufte! Wenn ich nur aufstehn könnte!«

Uilenspiegel stieg hinauf und sah nichts als den Mönch. Als der seiner ansichtig wurde, fiel er auf die Knie und streckte ihm die Hände entgegen. »Herr Kapitän,« sagte er, »Kapitän der wackern Geusen, gleich schrecklich zu Wasser wie zu Lande, Euere Soldaten wollen mich henken, weil ich gesündigt habe mit der Zunge; es ist eine ungerechte Strafe, weil man dann alle Advokaten, Prokuratoren und Prediger und alle Frauen in die Hanfschlinge stecken müßte, so daß die Welt entvölkert würde. Messire, rettet mich vor dem Stricke: ich will für Euch beten, und Ihr werdet nicht verdammt sein; gewährt mir Gnade. Der Redeteufel hat mich fortgerissen und mich nicht aufhören lassen zu reden: es ist ein gar großes Unglück. Dann läuft mir die Galle über und läßt mich tausend Dinge sagen, die ich sonst nicht einmal denke. Gnade, Herr Kapitän, und Ihr Herren alle, bittet für mich.«

Plötzlich erschien Lamme in seinen Unterkleidern auf dem Deck und sagte: »Kapitän und Freunde, es war also nicht das Schwein, sondern der Mönch, der schrie, und ich bin beruhigt. Uilenspiegel, mein Sohn, ich trage mich mit großen Plänen, die Seine Väterlichkeit betreffen. Schenk ihm das Leben, aber laß ihn nicht frei herumlaufen, sonst spielt er uns noch einen schlechten Streich auf dem Schiffe: laß ihm auf dem Deck einen engen, luftigen Käfig bauen, wo er nur sitzen und schlafen kann, einen Käfig, so wie die, worein man die Kapaune steckt; laß mich ihn nähren, und er soll gehenkt werden, wenn er nicht so viel ißt, wie ich will.«

»Er soll gehenkt werden, wenn er nicht ißt,« sagten Uilenspiegel und die Geusen.

»Was hast du mit mir vor, dicker Mensch?« sagte der Mönch.

»Du wirst es schon sehn,« antwortete Lamme.

Und Uilenspiegel tat nach Lammes Willen, und der Mönch wurde in den Käfig gesteckt, und jedermann konnte ihn darin nach Herzenslust betrachten.

Lamme war in die Küche hinuntergestiegen; Uilenspiegel folgte ihm und hörte ihn, wie er mit Nele stritt: »Ich lege mich nicht nieder,« sagte er, »ich lege mich nicht nieder, damit andere kommen und in meinen Tunken stöbern; nein, ich bleibe nicht in meinem Bette wie ein Kalb!«

»Ärgere dich nicht, Lamme,« sagte Nele; »deine Wunde könnte sich wieder öffnen, und du müßtest sterben.«

»Also gut,« sagte er, »so sterbe ich denn; ich bin es müde, ohne meine Frau zu leben. Ists denn nicht genug, sie verloren zu haben, daß du mich, mich, den Küchenmeister, noch überdies abhalten willst, in eigener Person über die Suppe zu wachen? Weißt du nicht, daß in dem Brodem der Tunken und der Braten eine wesentliche Gesundheitskraft liegt? Sie nähren sogar meinen Geist und wappnen mich gegen die Schicksalsschläge.«

»Lamme,« sagte Nele, »du mußt auf unsern Rat hören und dich von uns gesund machen lassen.«

»Ich will mich ja gesund machen lassen,« sagte Lamme; »aber daß hier herinnen ein anderer, irgendein nichtsnutziger, jauchiger, triefäugiger, rotziger Stümper an meiner Statt als Küchenmeister schalten und mit seinen schmutzigen Fingern in meinen Tunken manschen sollte, lieber möchte ich ihn niederschlagen mit meinem Holzlöffel, der dazu ebensogut taugte wie ein eiserner.«

»Trotzdem«, sagte Uilenspiegel, »brauchst du einen Gehilfen; du bist krank ...«

»Ich einen Gehilfen!« sagte Lamme, »ich einen Gehilfen! Bist du denn so mit Undank gefüllt, wie eine Wurst mit Hackfleisch? Ein Gehilfe, mein Sohn, und du mußt es sein, der mir das sagt, mir, deinem Freunde, der dich so lange und so fett genährt hat! Nun bricht meine Wunde wieder auf. Schlechter Freund, wer würde dir denn deine Kost bereiten wie ich? Was würdet ihr denn alle beide anfangen, wenn ich nicht da wäre, um dir, Kapitän, und dir, Nele, ein leckers Würzfleisch vorzusetzen?«

»Wir würden uns die Kost selber besorgen,« sagte Uilenspiegel.

»Die Kost?« sagte Lamme. »Du verstehst es ja sehr gut, sie zu essen, ihren Duft einzuziehen und dich daran zu weiden; aber sie zu bereiten, nein! Armer Freund und Kapitän, mit aller Ehrerbietung, wenn ich dir eine alte Ledertasche, hübsch in Streifen zerschnitten, vorsetzte, so hieltest du sie für harte Kutteln! Laß mich, laß mich, mein Sohn, als Küchenmeister, sonst werde ich dürr werden wie eine Stange.«

»Bleibe also Küchenmeister,« sagte Uilenspiegel; »wenn du nicht gesund wirst, so werde ich die Küche sperren, und wir werden nichts essen als Zwieback.«

»Ach, mein Sohn,« sagte Lamme unter Freudentränen, »du bist gut wie Unsere Frau.«

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