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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 174
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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II

Der Blutherzog hatte die Lande verlassen, und die Herren von Medina-Coeli und von Requesens regierten sie mit einer geringern Grausamkeit. Dann regierten die Generalstaaten im Namen des Königs.

Die von Seeland und Holland, denen außer dem Meere auch die Deiche, ihre natürlichen Bollwerke und Schutzwehren, zustatten kamen, eröffneten in dieser Zeit dem Gotte der Freien freie Tempel; und die päpstischen Henker durften neben ihnen ihre Hymnen singen. Und der Prinz von Oranien, der Schweiger, versäumte es, eine statthalterliche und königliche Dynastie zu stiften.

Das Land Belgien wurde von den Wallonen verwüstet, die mit der Pazifikation von Gent unzufrieden waren, wo man doch von ihr gesagt hatte, sie werde jeglichen Haß tilgen. Und diese wälschen Paternosterknechte, um den Hals große schwarze Rosenkränze, deren in Spienne im Hennegau zweitausend gefunden wurden, stahlen Rinder und Pferde, zwölfhundert, zweitausend auf einmal, wovon sie die besten auswählten, entführten Frauen und Mädchen in Feld und Marschland, aßen, ohne zu bezahlen, und verbrannten in den Scheunen die Bauern, die sich gewaffnet hatten, um die Frucht ihrer harten Arbeit zu verteidigen.

Und im Volke sagten die Leute: »Don Juan wird kommen mit seinen Spaniern, und Seine Große Hoheit wird kommen mit seinen Franzosen, nicht mit Hugenotten, sondern mit päpstischen; und der Schweiger, der Holland, Seeland, Geldern, Utrecht und Oberyssel in Frieden regieren will, gibt durch einen heimlichen Vertrag das belgische Land auf, damit sich dort der Herr von Anjou zum Könige machen kann.«

Immerhin hatten nicht alle das Vertrauen verloren: »Die Herren der Staaten haben zwanzigtausend Mann unter Waffen mit viel Geschütz und tüchtiger Reiterei. Sie werden den fremden Soldaten Widerstand leisten.«

Aber die Wohlunterrichteten sagten: »Die Herren der Staaten haben die zwanzigtausend Mann auf dem Papier, aber nicht im Felde. An Reiterei gebricht es ihnen, und eine Meile von ihrem Lager stehlen ihnen die Paternosterknechte die Pferde vor der Nase weg. Geschütz haben sie gar keins, weil sie hundert Kanonen samt Pulver und Blei dem Don Sebastian von Portugal geschickt haben, obwohl sie hier nötig gewesen wären. Und niemand weiß, wohin die zwei Millionen Taler gekommen sind, die wir auf viermal in Auflagen und Schätzungen bezahlt haben. Die Städte Gent und Brüssel bewaffnen sich, Gent für die Reformation und Brüssel ebenso: in Brüssel schlagen die Frauen das Tamburin, während ihre Männer in den Schanzen arbeiten; und Gent die Kühne schickt Brüssel der Fröhlichen Pulver und Kanonen, die ihr zur Verteidigung wider die Unzufriedenen und die Spanier mangeln.«

»Und jedermann, in den Städten und auf dem platten Lande, sieht ein, daß man unsern hohen Herren ebensowenig trauen darf wie so vielen andern. Und wir Bürger und die Leute aus dem gemeinen Volke sind bekümmert, daß wir, wo wir unser Geld hingeben und bereit sind, unser Blut hinzugeben, nicht sehn, daß es vorwärts ginge mit der Wohlfahrt des Landes der Väter. Und das Land Belgien ist zaghaft und unmutig, weil ihm die getreuen Männer fehlen, die es zu Kampf und Sieg führten gegen die Feinde der Freiheit.«

Und die Wohlunterrichteten sagten untereinander: »In der Pazifikation von Gent haben die Herren von Holland und Belgien geschworen, daß gegenseitig alles vergeben und vergessen sein solle und daß die Belgischen Staaten und die Niederländischen Staaten einander Beistand leisten würden, sie haben erklärt, daß die Plakate als nicht erlassen betrachtet würden, daß die Gütereinziehungen aufgehoben seien und daß zwischen den beiden Bekenntnissen Friede herrschen solle, und sie haben versprochen, alle Säulen, Siegeszeichen, Inschriften und Standbilder, die der Herzog von Alba uns zuschanden errichtet hat, samt und sonders zu vernichten; aber die Häupter haben nichts vergeben und vergessen, Adel und Geistlichkeit nähren die Zwietracht zwischen den Staaten der Union, sie haben Geld zur Bezahlung der Soldaten bekommen und behalten es zu ihrer Völlerei, es sind fünfzehntausend Rechtshändel wegen der Einforderung beschlagnahmter Vermögen im Gange, die Lutherischen und die Römischen verbünden sich gegen die Kalvinisten, die rechtmäßigen Erben können die Räuber nicht aus dem Genusse ihres Gutes jagen, und die Statue des Herzogs liegt auf der Erde, aber das Bild der Inquisition ist in ihren Herzen.«

Und das arme Volk und die traurigen Bürger warteten immerdar auf den treuen Helden, der sie in den Kampf für die Freiheit führen wolle.

Und sie sagten untereinander: »Wo sind die erlauchten Unterzeichner des Kompromisses, alle, wie sie gesagt haben, vereint zum Wohle des Vaterlandes? Warum haben denn diese Schelme eine so ›heilige Allianz‹ geschlossen, wenn sie sie alsbald wieder brechen sollten? Warum sich mit so viel Geschrei versammeln und den Zorn des Königs reizen, um dann als Memmen und Verräter auseinanderzugehn? Ihrer fünfhundert, die sie damals waren, große und kleine Herren vereint und verbrüdert, hätten sie uns von der spanischen Raserei befreit; aber sie haben das Wohl des Landes Belgien ihrem eigenen einzelnen Wohl geopfert, so wie es Egmont und Hoorne getan haben.«

»Ach!« sagten sie, »jetzt kommt Don Juan, der schöne Kronenjäger, ein Feind Philipps, aber noch mehr feind unserm Lande. Er kommt für den Papst und für sich selber. Adel und Geistlichkeit verraten uns.«

Und sie begannen eine Art von Krieg. An den Mauern der Straßen und Gassen von Gent und Brüssel, ja selbst an den Masten der Geusenschiffe sah man die Namen der Verräter, der Häupter des Heeres und der Befehlshaber der Festungen, angeschlagen: des Grafen von Liedekerke, der sein Schloß nicht gegen Don Juan verteidigt hatte, des Propstes von Lüttich, der die Stadt an Don Juan hatte verkaufen wollen, der Herren von Aerschot, von Mansfeld, von Berlaymont und von Rassenghien, derer vom Staatsrat, des Statthalters von Friesland Georg von Lalaing, des Herrn von Rossignol, Sendlings Don Juans, der dem Könige Philipp den Mordanschlag auf den Prinzen von Oranien durch den ungeschickten Meuchler Jaureguy vermittelt hatte, des Erzbischofs von Cambray, der die Spanier hatte in die Stadt lassen wollen, der Jesuiten von Antwerpen, die den Staaten drei Tonnen Goldes, das sind zwei Millionen Gulden, geboten hatten, um den Abbruch der Zwingburg zu verhindern und sie für Don Juan zu erhalten, des Bischofs von Lüttich, der römischen Afterprediger, die die ehrlichen Leute lästerten, des Bischofs von Utrecht, den die Bürger vertrieben hatten, damit er das Brot des Verrats anderswo esse, und der Bettelorden, die in Gent für Don Juan Ränke geschmiedet hatten. Die von Herzogenbusch nagelten den Namen des Karmeliters Pieter an den Pranger, weil er sich mit der Hilfe des Bischofs und von dessen Geistlichkeit anheischig gemacht hatte, die Stadt Don Juan auszuliefern.

In Douai henkten sie, jedoch nicht im Bilde, den Rektor der Hohen Schule, der zu den Spaniern gehalten hatte; auf den Schiffen der Geusen aber wurden Puppen gehenkt, und die trugen auf der Brust Namen von Mönchen, Äbten und Prälaten und von achtzehnhundert reichen Frauen und Mädchen des Beguttenhofes in Mecheln, die die Henker des Vaterlandes mit ihrem Gelde fütterten und sie mit Gold und Federbüschen schmückten.

Und auf den Puppen, die als Verräter prangten, sah man den Namen des Marquis von Harrault, Befehlshabers der Festung von Philippeville, der Pulver und Blei unnütz verzettelt hatte, um dann den Platz, angeblich wegen Mangels an Mundvorrat, dem Feinde zu übergeben, den Namen Belvers, der Limburg übergeben hatte, obwohl sich die Stadt noch acht Monate hätte halten können, den des Vorsitzenden des Rates von Flandern, die Namen des Magistrates von Brügge, die des Magistrates von Mecheln, der die Stadt für Don Juan gehütet hatte, die Namen der Herren von der Rechnungskammer von Geldern, die diese Kammer aus Verräterei geschlossen hatten, die Namen derer vom Rate von Brabant, von der Kanzlei des Herzogtums, vom Geheimen Rat und vom Rate der öffentlichen Gelder, die Namen des Vogtes und des Bürgermeisters von Meenen und die der schlechten Nachbarn von Artois, die zweitausend auf Plünderung ziehende Franzosen ungehindert durchgelassen hatten.

»Ach,« sagten die Bürger untereinander, »jetzt hat der Herzog von Anjou den Fuß in unser Land gesetzt: er will König bei uns sein; habt ihr ihn in Bergen einreiten sehn, den Knirps mit den dicken Hüften und der großen Nase, dem gelben Gesichte und dem hämischen Munde? Er ist ein großer Prinz und ein Freund seltsamer Liebe; man nennt ihn, damit sich in seinem Namen weibliche Lieblichkeit mit männlicher Kraft vereine, den gnädigen Herrn, Seine Große Hoheit von Anjou.«

Uilenspiegel war verträumt. Und er sang:

Der Himmel ist blau, die Sonne klar.
Verhüllt die Banner mit Flor,
Mit Flor die Griffe der Schwerter;
Verhüllt das Geschmeide
Und wendet die Spiegel:
Ich singe das Lied von dem Tode,
Das Lied vom Verrat.

Sie haben den Fuß gesetzt auf die Brust
Und die Kehle der stolzen Lande
Brabant und Flandern, Hennegau,
Antwerpen, Luxemburg, Artois.
Verräter sind Adel und Geistlichkeit,
Der Köder des Lohnes verlockt sie:
Ich singe das Lied vom Verrat.

Wann überall plündert der Feinde Schar,
Der Spanier in Antwerpen einrückt,
Ziehn trotzdem Prälat, Feldherr und Abt,
In seidenem Kleid, überladen mit Gold,
Durch die Straßen der Stadt, und ihre Wange,
Gerötet vom Schwelgen in edelm Wein,
Bezeugt die Schand ihres Herzens.

Und durch sie erhebet wieder ihr Haupt
In Siegeslust die Inquisition,
Und von neuem werden fanatische Pfaffen
In die Kerker werfen das taubstumme Volk
Um Ketzerei.
Ich singe das Lied vom Verrat.

Ihr Unterzeichner des Kompromiß,
Ihr feigen Unterzeichner,
Verflucht seien euere Namen!
Wo seid ihr in der Stunde der Not?
Wie die Raben, so zieht ihr hinterdrein
In dem Gefolge des spanischen Feinds.
Die Trommel der Trauer gerührt!

O belgisches Land, die Zukunft wird
Dich verdammen, weil du, obwohl gewappnet,
Dich plündern läßt ohne jegliche Wehr.
Übereile dich nicht, o Zukunft!
Du siehst die Verräter am Werke,
Sie sind zwanzig, sie sind tausend,
Sie füllen alle Ämter:
Die großen helfen den kleinen.

Sie haben sich geeinigt
Auf den Wahlspruch des Verrats,
Um den Widerstand zu hemmen
Durch Spaltung und Trägheit.
Verhüllt mit Flor die Spiegel,
Mit Flor die Griffe der Schwerter:
Es ist das Lied vom Verrat.

Als Aufrührer erklären sie
Die Spanier und die Unzufriednen
Und wehren es, ihnen zu helfen
Mit Brot und Obdach,
Mit Pulver und Blei;
Fängt man sie aber,
Um sie zu henken,
So setzen sie sie in Freiheit.

Nicht weichen! sagen die von Brüssel,
Nicht weichen! sagen die von Gent
Und das belgische Volk.
Man will euch arme Leute
Zermalmen zwischen dem König
Und dem Papste, der den Kreuzzug
Wider Flandern predigt.

Sie kommen, die Söldlinge,
Beim Geruche des Bluts,
Haufen von Hunden,
Hyänen und Schlangen;
Sie haben Hunger, sie haben Durst.
Du armes Land der Väter,
Reif für Vernichtung und Tod.

Es ist nicht Don Juan,
Der die Arbeit besorgt
Für Farnese, den Liebling des Papstes;
Nein, sie sinds, die du überhäufst
Mit Gold und Ehrenkleidern,
Die deinen Frauen die Beichte hören,
Deinen Töchtern und deinen Knaben.

Sie haben dich geschleudert zur Erd,
Und der Spanier setzt dir
Das Messer an die Kehle;
Sie höhnten dich
Und feierten in Brüssel
Die Ankunft des Prinzen Oranien.

Als man sah auf dem Kanal
So viel Donnerpöller,
Krachend in Lust,
So viel Boote, prangend mit
Schilderei und Teppichen,
Da spielte man, o belgisches Land,
Die Geschichte von Josef,
Den die Brüder verkaufen.

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