Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles de Coster >

Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 170
Quellenangabe
pfad/coster/uilensp2/uilensp2.xml
typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120424
projectid53c21dfa
Schließen

Navigation:

XX

Die Geusen waren vor Vlissingen, als Nele vom Fieber gepackt wurde. Gezwungen, das Schiff zu verlassen, wurde sie in das Haus des Reformierten Peeters auf der Turfkai gebracht. Uilenspiegel, zwar sehr bekümmert, war immerhin froh, weil er bedachte, daß das Bett, wo sie ohne Zweifel genesen werde, außerhalb des Bereiches der spanischen Kugeln war. Schier ohne Unterlaß weilte er mit Lamme bei ihr, indem er sie in zärtlicherer Liebe betreute. Und die beiden plauderten dort.

»Freund und Bruder,« sagte eines Tages Uilenspiegel, »weißt du die Neuigkeit nicht?«

»Nein, mein Sohn,« sagte Lamme.

»Siehst du das Vlieboot, das sich als letztes zu unserer Flotte gesellt hat, und weißt du, wer dort tagtäglich die Geige spielt?«

»Von dem letzten Froste«, sagte Lamme, »bin ich wie taub auf beiden Ohren. Warum lachst du, mein Sohn?« Aber Uilenspiegel fuhr in seiner Rede fort: »Einmal habe ich sie ein vlämisches Lied singen hören, und ich fand ihre Stimme gar süß.«

»Ach,« sagte Lamme, »auch sie spielte die Geige und sang.«

»Weißt du die andere Neuigkeit?« fuhr Uilenspiegel fort.

»Ich weiß gar nichts, mein Sohn,« antwortete Lamme.

Uilenspiegel antwortete: »Wir haben den Befehl erhalten, mit unsern Booten die Schelde hinaufzufahren bis Antwerpen, um die feindlichen Schiffe, auf die wir stoßen, zu nehmen oder zu verbrennen. Für die Männer: kein Quartier. Was denkst du davon, Dickwanst?«

»Ach,« sagte Lamme, »werden wir denn in diesem unglücklichen Lande nie von etwas anderm sprechen hören als von Verbrennen, Henken, Ersäufen und anderer Art, die armen Menschen zu vertilgen? Wann wird endlich der gesegnete Friede kommen, wo es einem ohne Wirrsal vergönnt sein wird, Rebhühner zu rösten, Kapaune zu braten und die Würste mitten unter Eiern in den Pfannen singen zu lassen? Die Blutwürste sind mir lieber; die Bratwürste sind zu fett.«

»Diese süße Zeit wird kommen,« antwortete Uilenspiegel, »wann in den Baumgärten Flanderns an den Apfelbäumen, an den Zwetschenbäumen, an den Kirschenbäumen statt der Äpfel, Zwetschen und Kirschen an jedem Ast ein Spanier hängt.«

»Ach,« sagte Lamme, »wenn ich wenigstens meine Frau wiederfinden könnte, meine teuere, zärtliche, geliebte, süße, reizende, treue Frau! Denn nimm es zur Kenntnis, mein Sohn, ich bin niemals ein Hahnrei gewesen und werde es niemals sein; dazu war sie zu züchtig und ruhig in ihrem Gehaben: stets floh sie die Gesellschaft anderer Männer; und wenn sie den Putz liebte, so tat sie das nur nach Frauenart. Ich war ihr Koch und ihr Küchenjunge, ich gestehe es frei; warum bin ich es nicht wieder? aber ich war auch ihr Herr und Gatte.«

»Lassen wir das Gespräch,« sagte Uilenspiegel. »Hörst du den Admiral schreien: ›Die Anker gelichtet!‹ und die Kapitäne nach ihm schreien wie er? Es heißt unter Segel gehn.«

»Warum willst du so schleunig weg?« sagte Nele zu Uilenspiegel.

»Wir gehn an Bord,« sagte er. »Ohne mich?« sagte sie. »Ja,« sagte Uilenspiegel.

»Bedenkst du nicht,« sagte sie, »daß ich da voll Unruhe um dich sein werde?«

»Herzlieb,« sagte Uilenspiegel, »meine Haut ist aus Eisen.«

»Du machst dich lustig,« sagte sie. »Ich sehe nur dein Wams, das ist aus Tuch und nicht aus Eisen; darunter ist dein Leib, aus Knochen und Fleisch, so wie der meinige. Wenn du verwundet wirst, wer wird dich verbinden? Wirst du ganz einsam sterben mitten unter den Kämpfenden? Ich gehe mit dir!«

»Ach,« sagte er, »wenn die Lanzen, Kugeln, Schwerter, Äxte, Hämmer mich verschonen und deinen lieblichen Leib treffen, was mache ich dann, ich Taugenichts, ohne dich auf dieser schlechten Welt?«

Aber Nele sagte: »Ich will mit dir gehn; es ist keine Gefahr dabei: ich bleibe bei den Arkebusieren hinter den Holzwehren.«

»Wenn du gehst, so bleibe ich, und man wird deinen Freund Uilenspiegel einen Verräter und Feigling heißen; aber höre mein Lied:

Mein Filz ist Eisen, das ist mein Hut,
Die Natur ist mein Waffensaal;
Meine erste Haut, sie ist aus Leder,
Die zweite aber ist aus Stahl.

Umsonst will mit häßlicher Fratze
Der Tod mich bringen zu Fall;
Meine erste Haut, sie ist aus Leder,
Die zweite aber ist aus Stahl.

›Leben!‹ schrieb ich auf meine Fahne,
Im Lichte leben allzumal:
Meine erste Haut, sie ist aus Leder,
Die zweite aber ist aus Stahl!«

Und singend entwich er, nicht ohne den zitternden Mund und die lieblichen Augen der fiebernden Nele geküßt zu haben; und Nele lachte und weinte zugleich.

Die Geusen sind in Antwerpen; sie nehmen die albischen Schiffe sogar im Hafen weg. Bei hellichtem Tage rücken sie in die Stadt ein, befreien die Gefangenen und machen welche, um Ranzion zu bekommen. Sie zwingen die Bürger aufzustehn und nötigen manchen, ihnen zu folgen, ohne daß er, bei Todesstrafe, ein Wort reden dürfte.

Uilenspiegel sagt zu Lamme: »Der Sohn des Admirals ist in der Scholtisei gefangen; er muß befreit werden.«

Als sie das Haus der Scholtisei betraten, sahen sie den jungen Mann, den sie suchten, in der Gesellschaft eines dickwanstigen Mönches, der zornig in ihn hineinredete, um ihn zur Rückkehr in den Schoß unserer Mutter, der heiligen Kirche, zu bewegen. Aber der Bursche wollte nicht. Er ging mit Uilenspiegel weg. Inzwischen schnappte Lamme den Mönch bei der Kapuze und ließ ihn vorangehn durch die Straßen von Antwerpen, indem er zu ihm sagte: »Du bist hundert Gulden Ranzion wert; pack dich und geh voraus. Was zauderst du? Hast du Blei in deinen Sandalen? Vorwärts, Specksack, Freßkasten, Suppenbauch!«

Der Mönch sagte in großer Wut: »Ich gehe, Herr Geuse, ich gehe; aber unbeschadet alle Ehrerbietung, die ich Euerer Arkebuse schulde, Ihr seid ebenso bauchig, panstig und dick.«

Aber Lamme versetzte ihm einen Stoß: »Du unterstehst dich, du gemeiner Mönch, dein nichtsnutziges, faules Klosterfett mit meinem vlämischen Fette zu vergleichen, das ehrlich genährt wird bei Arbeit, Mühsal und Schlachten? Lauf, oder ich laß dich auf allen vieren trotten wie einen Hund, und das mit dem Sporn meines Absatzes.«

Aber der Mönch konnte nicht laufen, und er war ganz außer Atem und Lamme ebenso. Und so kamen sie aufs Schiff.

 << Kapitel 169  Kapitel 171 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.