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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 168
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XVIII

Mit einem Male sah die ganze Flotte auf dem Ufer eine schwarze Schar und zwischen den Männern blitzende Fackeln und den Widerschein von Waffen; dann erloschen die Fackeln, und tiefe Finsternis herrschte. Nach den Befehlen des Admirals wurde das Zeichen zur Wachsamkeit von Schiff zu Schiff weitergegeben; alle Feuer erloschen, und Matrosen und Soldaten legten sich auf dem Deck platt auf den Bauch, bewaffnet mit Äxten. Die wackern Feuerwerker harrten, die Lunten in der Hand, bei den Geschützen, die geladen waren mit Kugelsäcken und Kettenkugeln. In dem Augenblicke, wo der Admiral und die Kapitäne schreien würden: »Hundert Schritt!«, um die Stellung des Feindes anzuzeigen, sollten sie Feuer nach vorwärts geben, von dem Hinterteil oder von der Breitseite, je nach der Lage im Eise. Und man hörte die Stimme von Messire Worst, der sagte: »Die Todesstrafe dem, der laut spricht.« Und die Kapitäne sagten nach ihm: »Die Todesstrafe dem, der laut spricht.« Der Mond schien nicht, aber die Nacht war sternenhell.

»Hörst du,« sagte Uilenspiegel zu Lamme, leise wie der Hauch eines Gespenstes, »hörst du die Stimmen derer von Amsterdam, und hörst du das Eisen ihrer Schlittschuhe, das das Eis knirschen läßt? Sie kommen rasch heran. Man hört sie sprechen. Sie sagen: ›Die faulen Geusen schlafen. Unser ist der Schatz von Lissabon!‹ Sie zünden Fackeln an. Siehst du ihre Sturmleitern und ihre häßlichen Fratzen und die lange Linie ihres Sturmhaufens? Ihrer sind tausend und mehr.«

»Hundert Schritt!« schrie Messire Worst. »Hundert Schritt!« schrien die Kapitäne. Und es war ein mächtiges Gekrach wie Donnerrollen und auf dem Eise ein klägliches Heulen.

»Achtzig Stücke donnern auf einmal,« sagte Uilenspiegel. »Sie fliehen! Siehst du die Fackeln verschwinden?«

»Verfolgt sie!« sagte der Admiral Worst. »Verfolgt sie!« sagten die Kapitäne.

Aber die Verfolgung dauerte nicht lange, da die Flüchtigen einen Vorsprung von hundert Schritten und die Beine furchtsamer Hasen hatten. Und bei den Menschen, die auf dem Eise schrien und starben, wurden außer Schmuck und Gold auch Stricke gefunden, womit die Geusen hätten gebunden werden sollen.

Und nach diesem Siege sagten die Geusen zueinander: »Als God met ons is, wie zal tegen ons zijn? Wenn Gott mit uns ist, wer wird gegen uns sein? Heil den Geusen!«

Am Morgen des dritten Tages erwartete Messire Worst voller Unruhe einen neuen Angriff. Lamme sprang aufs Deck und sagte zu Uilenspiegel: »Führe mich zu diesem Admiral, der dich nicht hat hören wollen, als du den Frost prophezeit hast.«

»Geh, ohne daß man dich führte,« sagte Uilenspiegel.

Lamme ging, nicht ohne vorher die Küche wohlverschlossen zu haben. Der Admiral war auf dem Deck und lugte aus, ob er keine Bewegung von der Stadtseite her wahrnehme. Lamme trat hin und sagte: »Herr Admiral, darf Euch ein geringer Küchenmeister eine Andeutung geben?«

»Sprich, mein Sohn,« sagte der Admiral.

»Gnädiger Herr,« sagte Lamme, »das Wasser taut auf in den Krügen, das Geflügel wird wieder zart, die Wurst verliert ihren Reifschimmel, die Butter schmilzt, das Öl ist flüssig, und das Salz weint. Es wird bald regnen, und wir werden gerettet sein, gnädiger Herr.«

»Wer bist du?« fragte Messire Worst.

»Ich bin«, antwortete er, »Lamme Goedzak, der Küchenmeister der Briel. Und wenn alle diese großen Weisen, die Astronomen genannt werden wollen, ebensogut in den Sternen läsen, wie ich in meinen Tunken, so könnten sie uns sagen, daß es heute nacht mit großem Ungestüm von Sturm und Hagel tauen wird; aber das Tauwetter wird nicht anhalten.«

Und Lamme kehrte zu Uilenspiegel zurück; gegen Mittag sagte er zu ihm: »Meine Prophezeiung trifft langsam ein: der Himmel wird schwarz, der Wind bläst stürmisch, und ein warmer Regen fällt ein; schon steht das Wasser einen Fuß hoch auf dem Eise.«

Am Abende schrie er frohlockend: »Die Nordsee ist angeschwollen: es ist die Stunde der Flut; die hohen Wogen wälzen sich in die Zuidersee und zerbrechen das Eis, das zu großen Stücken birst und auf die Schiffe springt: es sprüht Lichtfunken. Da ist der Hagel. Der Admiral befiehlt uns, uns von der Stellung vor Amsterdam zurückzuziehen, und das mit so viel Wasser, daß es unser größtes Schiff flott macht. Nun sind wir im Hafen von Enkhuizen. Das Meer friert von neuem zu. Ich bin ein Prophet, und das ist ein Wunder Gottes.« Und Uilenspiegel sagte: »Trinken wir, um ihn zu segnen.«

Und der Winter schied, und der Sommer kam.

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