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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 163
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XIII

Dort wurde Lamme wieder froh. Gern stieg er ans Land, um auf Ochsen, Schafe und Geflügel Jagd zu machen, wie auf Hasen, Hirsche und Ammern. Und er war nicht allein bei dieser nahrhaften Jagd. Es war ein hübscher Anblick, die Jäger mit Lamme an der Spitze heimkehren zu sehn, wie sie das Großvieh an den Hörnern zogen, das kleine vor sich herstießen, die Gänseherden mit der Gerte trieben und Hühner, Hühnchen und Kapaune an ihren Gaffeln aufgespießt trugen, trotz dem Verbote. Da gab es auf den Schiffen ein Schlemmen und Demmen. Und Lamme sagte: »Der Duft der Brühen steigt zum Himmel auf, um die Engel zu letzen, und die sagen: ›Das ist das Beste am Schmause.‹«

Derweil sie kreuzen, kommt eine Kauffahrteiflotte von Lissabon, deren Befehlshaber nicht weiß, daß Vlissingen in die Hände der Geusen gefallen ist. Man befiehlt ihm, die Anker auszuwerfen, und die Flotte ist umzingelt. Heil den Geusen! Trommeln und Pfeifen geben das Zeichen zum Entern; die Kauffahrer haben Geschütze, Piken, Äxte und Arkebusen.

Ein Kugelregen ergießt sich von den Schiffen der Geusen. Ihre Arkebusiere, rund um den Hauptmast verschanzt hinter hölzernen Wehren, feuern mit sicherm Schuß, in voller Ruhe. Die Kauffahrer fallen wie die Fliegen.

»Drauf!« sagte Uilenspiegel zu Lamme und zu Nele, »drauf! Da gibts Spezerei, Kleinode, Leckerbissen, Zucker, Muskat, Gewürznelken, Ingwer, Realen, Dukaten, blinkende Lammsgulden! Mehr als fünfhunderttausend Stück! Der Spanier zahlt die Kriegskosten. Trinken wir! Singen wir die Geusenmesse, das ist die Schlacht.« Und Uilenspiegel und Lamme rannten überall herum wie Löwen. Nele spielte die Pfeife in der Deckung der Holzwehr. Die ganze Flotte wurde genommen.

Als man die Toten gezählt hatte, waren es ihrer tausend auf der Seite der Spanier, dreihundert auf der Seite der Geusen; unter den gefallenen Geusen war auch der Küchenmeister des Vlieboots den Briel.

Uilenspiegel erbat sich das Wort vor Treslong und den Matrosen, und Treslong bewilligte es ihm gerne. Und er hielt ihnen diese Rede: »Herr Kapitän und Kameraden, wir haben da eine hübsche Ladung Spezerei geerbt, und hier steht Lamme, der gute Wanst, der gefunden hat, daß der arme Tote da, Gott schenke ihm die ewige Seligkeit, kein großer Gelehrter in der Bratenwissenschaft war. Stellen wir ihn an seinen Platz, und er wird uns himmlisches Schmorfleisch und paradiesische Suppen bereiten.«

»Das ist uns recht,« sagten Treslong und die andern; »Lamme soll der Küchenmeister des Schiffes sein. Er soll den großen Holzlöffel führen, um den Schaum von den Tunken und den Abschaum der Schiffsjungen aus der Küche zu entfernen.«

»Herr Kapitän, Kameraden und Freunde,« sagte Lamme, »ihr seht mich vor Freude weinen; eine so hohe Ehre verdiene ich nicht. Trotzdem, weil ihr denn auf meine Unwürdigkeit zurückgegriffen habt, nehme ich die edle Würde eines Meisters der schmorenden Künste auf dem wackern Vlieboote den Briel an, aber ich bitte euch ehrfurchtsvoll, mich mit der obersten Küchengewalt derart zu bekleiden, daß euer Küchenmeister – das werde ich sein – durch Recht, Gesetz und Gewalt jeglichem verwehren darf, den Teil der andern zu essen.« Treslong und die andern riefen: »Heil Lamme! Du hast das Recht, das Gesetz und die Gewalt.«

»Aber ich habe euch«, sagte er, »noch eine andere Bitte ehrfurchtsvoll vorzubringen. Ich bin fett, groß und ungeschlacht, tief ist mein Wanst, tief mein Magen; mein armes Weib – Gott schenke sie mir wieder – hat mir stets zwei Portionen statt einer gegeben: gewährt mir dieselbe Gunst.« Treslong, Uilenspiegel und die Matrosen sagten: »Du sollst zwei Portionen haben, Lamme.«

Und Lamme wurde plötzlich trübselig und sagte: »Mein Weib, mein süßes Lieb! wenn mich irgendetwas trösten kann über deine Abwesenheit, so wird es das sein, daß mich mein Amt an deine himmlische Küche in unserer süßen Behausung erinnern wird.«

»Du mußt einen Eid leisten, mein Sohn,« sagte Uilenspiegel. »Bringt den großen hölzernen Schöpflöffel und den großen Kupferkessel.«

»Ich schwöre«, sagte Lamme, »bei Gott, der mir darin ein Helfer sein möge, ich schwöre Treue dem gnädigen Herrn Prinzen von Oranien, genannt der Schweiger, der die Provinzen Holland und Seeland für den König regiert, Treue dem Messire von Lumey, befehlendem Admiral unserer edeln Flotte, und Treue dem Messire Treslong, Vizeadmiral und Kapitän der Briel; ich schwöre, daß ich mit dem Fleisch und Geflügel, das uns das Glück bescheren wird, nach meinen schwachen Kräften und nach dem Beispiele von Brauch und Gewohnheit der großen Köche alter Zeiten, die über die hohe Kunst der Küche schöne Bücher mit Holzschnitten hinterlassen haben, ernähren werde den besagten Messire Treslong, Kapitän, seinen Stellvertreter, das ist mein Freund Uilenspiegel, und euch alle, Bootsmann, Lotse, Schiemann, Kameraden, Soldaten, Stückmeister, Flaschenmeister, Schiffsputzer, Kapitänspage, Wundarzt, Trompeter, Matrosen und alle andern. Wenn der Braten zu blutig ist oder das Geflügel zu wenig gebräunt, wenn die Suppe einen schalen Geruch aushaucht, zuwider aller guten Verdauung, wenn euch nicht alle der Brodem der Tunken anreizt, in die Küche zu stürzen, immerhin meine Einwilligung vorausgesetzt, wenn ihr nicht alle froh seid und gedeiht bei meiner Kost, dann will ich auf mein edels Amt verzichten und mich für unfähig erklären, weiterhin den Thron der Küche innezuhaben. So wahr mir Gott helfe in diesem Leben und im andern!«

»Heil dem Küchenmeister,« riefen sie, »dem König der Küche, dem Kaiser des Schmorfleisches! Sonntags soll er drei Portionen haben statt zweier!«

Und Lamme wurde Küchenmeister auf der Briel. Und während die würzigen Suppen in den Töpfen brodelten, stand er an der Küchentür, trotzig und den großen Holzlöffel wie ein Scepter in der Hand. Und Sonntags bekam er seine drei Portionen.

Wann die Geusen mit dem Feinde handgemein wurden, hielt er sich willig in seinem Tunkenlaboratorium; aber er verließ es, um aufs Deck zu gehn und etliche Arkebusenschüsse abzufeuern, worauf er wieder hinunterstieg, um über den Tunken zu wachen. Da er sich also als treuer Koch und wackerer Soldat bewährte, liebte ihn jedermann. Aber in die Küche durfte ihm niemand kommen; dann wurde er wie der Teufel und teilte mit seinem Holzlöffel Hiebe und Streiche aus ohne Gnade.

Und er wurde von neuem genannt: Lamme der Löwe.

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