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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 162
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XII

Auf die Schiffe schneit es. Die Luft ist ganz weiß weit und breit, und ohne Unterlaß fällt der Schnee, fallt weich in das schwarze Wasser, wo er zerschmilzt. Auf die Erde schneit es: ganz weiß sind die Wege, ganz weiß die schwarzen Umrisse der entlaubten Bäume. Kein Laut als die fernen Glocken von Haarlem, die die Stunden läuten, und das lustige Glockenspiel, das seine erstickten Klänge durch die dicke Luft schickt.

Glocken, läutet nicht; Glöckchen, spielt nicht euere einfachen, süßen Weisen: Don Fadrique naht, der Sohn des Blutherzogs. Er zieht wider dich, Haarlem, du Freiheitsstadt, mit fünfunddreißig Fähnlein Spanier, deine Todfeinde; zweiundzwanzig Fähnlein Wallonen, achtzehn Fähnlein Deutsche, achthundert Pferde und mächtiges Geschütz folgen ihm. Hörst du auf den Karren das Geklirr des mörderischen Eisenzeugs? Falkonetten, Schlangen, Mörser, alles ist für dich, Haarlem. Glocken, läutet nicht; Glockenspiel, schick nicht deine lustigen Klänge in die dicke Schneeluft.

Aber die Glocken sagen: Wir werden läuten. Und das Glockenspiel sagt: Ich werde singen und meine kühnen Klänge in die dicke Schneeluft werfen. Haarlem ist die Stadt der wackern Herzen, der mutigen Frauen. Furchtlos sieht sie von der Höhe ihrer Türme die schwarzen Massen der Henker wogen wie Haufen höllischer Ameisen: Uilenspiegel, Lamme und hundert Wassergeusen sind in ihren Mauern. Die Geusenflotte kreuzt auf der See.

Sie sollen nur kommen! sagen die Einwohner; wir sind nichts als Bürger, Fischer, Seeleute und Frauen. Der Sohn des Herzogs Alba will, so sagt er, keine andern Schlüssel, um zu uns hereinzukommen, als sein Geschütz. Er soll sie öffnen, wenn er kann, diese schwachen Tore; er wird Männer dahinter finden. Läutet, Glocken; schicke, Glockenspiel, deine lustigen Klänge in die dicke Schneeluft.

Wir haben nur schwache Mauern, und die Gräben sind nach alter Art. Vierzehn Stücke speien ihre Sechsundvierzigpfünder auf die Kruispoort. Stellt Männer hin, wo es an Steinen mangelt. Die Nacht kommt, jeglicher werkt; es ist so, als ob nie ein Schuß dort getroffen hätte. Auf die Kruispoort haben sie sechshundertachtzig Kugeln geworfen, auf das St. Johannstor sechshundertfünfundsiebenzig. Diese Schlüssel sperren nicht; denn schon hebt sich dahinter ein neuer Wall. Läutet, Glocken; schicke, Glockenspiel, in die dicke Schneeluft deine lustigen Klänge.

Das Geschütz schlägt, schlägt tagtäglich ins Mauerwerk; die Steine springen, die Krone sinkt. Die Bresche ist breit genug, um ein Fähnlein auf einmal durchzulassen. Sturm! Tod! Tod! schreien sie. Sie kommen heran, es sind ihrer zehntausend. Laßt sie über die Gräben mit ihren Brücken, mit ihren Leitern. Unsere Stücke sind bereit. Da ist ein Haufen von Leuten, die sterben wollen. Grüßt sie, Freiheitsgeschütze! Sie grüßen sie: die Kettenkugeln, die flammenden Pechkränze, zischend und sausend, zerlöchern, zerreißen, verbrennen und verblenden die Masse der Stürmenden; sie sinken und fliehen in wilder Unordnung. Fünfzehnhundert Tote füllen den Graben. Läutet, Glocken; und du, Glockenspiel, schick in die dicke Schneeluft deine lustigen Klänge.

Noch einmal zum Sturm! Sie wagens nicht. Sie machen sich wieder daran, zu schießen und Minen zu graben. Auch wir, auch wir verstehn die Kunst der Minen. Unter ihnen, unter ihnen, entzündet die Lunte; lauft, es gilt ein schönes Schauspiel. Vierhundert Spanier fliegen in die Luft. Das ist nicht der Weg zu den ewigen Flammen. O! der schöne Tanz zum silbernen Klange unserer Glocken, zu der lustigen Musik unsers Glockenspiels!

Sie ahnen nicht, daß der Prinz über uns wacht und daß alle Tage, auf wohlgehüteten Wegen, Segelschlitten zu uns kommen mit Korn und Pulver: das Korn für uns, das Pulver für sie. Wo sind ihre sechshundert Deutschen, die wir getötet und ertränkt haben im Busch von Haarlem? Wo sind die elf Fahnen, die wir ihnen genommen haben, und die sechs Feldstücke und die fünfzig Ochsen? Wir haben einen Mauergürtel gehabt, jetzt haben wir zwei. Selbst die Frauen kämpfen, und Kennan führt die wackere Schar. Kommt, Henker, rückt ein in unsere Straßen; die Kinder werden euch die Kniekehlen abschneiden mit ihren Messerlein. Läutet, Glocken; und du, Glockenspiel, schick in die dicke Luft deine lustigen Klänge.

Aber das Glück ist nicht mit uns. Auf dem See ist die Flotte der Geusen geschlagen worden. Sie sind geschlagen, die Truppen, die Oranien zu unserm Entsatz geschickt hat. Es friert, es friert scharf. Kein Entsatz mehr. Dann, fünf Monate lang, leisten wir unser tausend gegen zehntausend Widerstand. Nun müssen wir mit den Henkern unterhandeln. Will er überhaupt in Verhandlungen eingehn, dieser kleine Blutherzog, der unsern Untergang geschworen hat? Lassen wir all unsere Soldaten mit ihren Waffen einen Ausfall tun; sie werden die Reihen der Feinde durchbrechen. Aber die Frauen sind an den Toren, voller Furcht, daß man sie allein die Stadt hüten lasse. Glocken, läutet nicht mehr; Glockenspiel, schicke nicht mehr deine lustigen Klänge in die Luft.

Nun ist es Juni: das Heu duftet, das Korn wird golden in der Sonne, die Vögel singen; wir haben Hunger seit fünf Monaten. Die Stadt ist in Trauer. Wir wollen alle aus Haarlem ausbrechen, die Arkebusiere voran, um den Weg zu bahnen, dann die Frauen, die Kinder und der Magistrat, und den Zug soll das Fußvolk schützen, das die Bresche besetzt hält. Ein Brief, ein Brief vom kleinen Blutherzog! Ist es der Tod, was er verkündet? Nein, das Leben für alles, was in der Stadt ist. O unverhoffte Milde! Eine Lüge vielleicht? Wirst du wieder singen, lustiges Glockenspiel? Sie rücken ein in die Stadt ...

Uilenspiegel, Lamme und Nele hatten die Tracht der deutschen Soldaten angelegt, die, sechshundert an der Zahl, mit ihnen im Augustinerkloster eingeschlossen waren. »Heute müssen wir sterben,« sagte Uilenspiegel ganz leise zu Lamme. Und er schloß den reizenden Körper Nelens, die vor Angst zitterte, an seine Brust.

»Ach, mein Weib,« sagte Lamme, »ich werde dich nimmermehr sehn. Aber vielleicht könnte uns unsere Tracht der deutschen Soldaten das Leben retten?« Uilenspiegel schüttelte das Haupt, um zu zeigen, daß er an keine Gnade glaube.

»Ich höre keinen Lärm einer Plünderung,« sagte Lamme.

Uilenspiegel antwortete: »Nach dem Übereinkommen haben die Bürger die Plünderung und ihr Leben um die Summe von zweihundertvierzigtausend Gulden abgekauft. Einmalhunderttausend Gulden müssen sie bar in zwölf Tagen bezahlen, den Rest drei Monate später. Den Frauen ist befohlen worden, sich in die Kirchen zurückzuziehen. Ohne Zweifel gehn sie daran, mit dem Gemetzel zu beginnen. Hörst du die Schafotte nageln und die Galgen errichten?«

»Ach, wir müssen sterben,« sagte Nele; »ich habe Hunger.«

»Ja,« sagte Lamme leise zu Uilenspiegel, »der kleine Blutherzog hat gesagt, daß wir, wenn wir hungrig sind, williger sein werden auf unserm letzten Gange.«

»Ich habe solchen Hunger,« sagte Nele.

Am Abende kamen Soldaten und teilten Brot für sechs Mann aus. »Dreihundert wallonische Soldaten«, sagten sie, »sind auf dem Markt gehenkt worden. An euch kommt auch bald die Reihe. Es ist ein alter Ehebund zwischen Geusen und Galgen.«

Am nächsten Abende kamen sie wieder mit ihrem Brote für sechs Mann. »Vier große Bürger«, sagten sie, »sind enthauptet worden. Zweihundertneunundvierzig Soldaten sind zu zwei und zwei zusammengebunden und ins Meer geworfen worden. Die Krabben werden fett sein heuer. Ihr seht nicht mehr gut aus seit dem 7. Juli, daß ihr hier seid. Sie sind Schlemmer und Demmer, diese Niederländer; wir Spanier haben mit zwei Feigen vollauf genug zum Nachtmahl.«

»Daher kommt es also,« antwortete Uilenspiegel, »daß ihr überall bei den Bürgern vier Mahlzeiten haben müßt von Fleisch, Geflügel, Süßigkeiten, Wein und eingemachten Früchten, und daß ihr Milch braucht, um die Leiber euerer Mustachos zu waschen, und Wein, um die Hufe euerer Pferde zu baden?«

Am 18. Juli sagte Nele: »Ich habe feuchte Füße; was ist das?«

»Blut,« sagte Uilenspiegel.

Am Abend kamen die Soldaten wieder mit ihrem Brot für sechs. »Wo der Strick nicht genügt,« sagten sie, »verrichtet das Schwert das Geschäft. Dreihundert Soldaten und siebenundzwanzig Bürger, die aus der Stadt haben ausreißen wollen, wandern jetzt der Hölle zu, ihre Köpfe in den Händen.«

Am nächsten Tage rann das Blut von neuem ins Kloster. Die Soldaten kamen nicht, um Brot zu bringen, sondern nur um die Gefangenen zu betrachten, indem sie sagten: »Die fünfhundert Wallonen, Engländer und Schotten, die gestern geköpft worden sind, sahen besser aus. Die hier haben sicherlich Hunger; aber wer soll denn Hungers sterben, wenn nicht der Geuse?« Und wirklich: bleich, hohläugig, abgezehrt und in Fieberschauern zitternd, glichen sie alle Gespenstern.

Am 16. August, um fünf Uhr abends, traten die Soldaten lachend ein und gaben ihnen Brot, Käse und Bier. Lamme sagte: »Es ist das Henkersmahl.« Um zehn Uhr kamen vier Fähnlein. Die Hauptleute ließen die Klostertore öffnen und befahlen den Gefangenen, in Viererreihen den Pfeifern und Trommlern zu folgen, bis es Halt heiße. Manche Straßen waren rot; und sie zogen aufs Galgenfeld.

Hie und da waren die Wiesen durch Blutlachen besudelt; rund ums Mauerwerk war alles voll Blut. Die Raben kamen in großen Wolken von allen Seiten; die Sonne verbarg sich in einem Bette von Dunst, der Himmel war noch hell, und in seinen Tiefen erwachten furchtsam die Sterne. Plötzlich vernahmen sie ein jammervolles Heulen. Die Soldaten sagten: »Die, die da schreien, sind die Geusen vom Außenwerk Fuike; man läßt sie Hungers sterben.«

»Auch wir,« sagte Nele, »auch wir gehn in den Tod.« Und sie weinte.

»Die Asche schlägt an mein Herz,« sagte Uilenspiegel.

»Ah,« sagte Lamme auf vlämisch – die Soldaten des Geleites verstanden diese kühne Sprache nicht – »ah, wenn ich diesen Blutherzog in meiner Gewalt hätte und ihn zwingen könnte, alles zu fressen, bis ihm das Fell platzte, all die Stricke, Galgen, Folterbänke, Gewichte und spanische Stiefel, wenn ich ihn zwingen könnte, all das Blut zu saufen, das er vergossen hat, und auch das, das herausspritzen müßte aus seiner durch Stockschläge zerfetzten Haut und aus seinen mit Eisenstangen aufgewühlten Gedärmen, und wenn er dann noch immer nicht verrecken wollte, dann risse ich ihm das Herz aus der Brust und gäbe es ihm roh und giftig zu fressen. Dann führe er sicherlich in den Höllenschlund, wo ihn der Teufel zwingen könnte, es zu fressen und wieder zu fressen. Und also die ganze lange Ewigkeit.«

»Amen,« sagten Uilenspiegel und Nele.

»Aber siehst du nichts?« sagte sie. »Nein,« sagte er.

»Ich sehe im Westen«, sagte sie, »fünf Männer und zwei Frauen, die in der Runde sitzen. Der eine ist in Purpur gekleidet und trägt eine goldene Krone. Er scheint das Oberhaupt der andern zu sein, die alle zerrissen und zerlumpt sind. Von Osten her sehe ich eine andere Schar von sieben kommen; auch sie befehligt einer, der in Purpur gekleidet ist, aber nicht gekrönt. Und sie stellen sich denen des Westens entgegen. Und sie kämpfen gegen sie im Gewölke; aber ich sehe nichts mehr.«

»Die Sieben,« sagte Uilenspiegel.

»Ich höre«, sagte Nele, »ganz nahe bei uns im Laubwerk eine Stimme, wie ein Hauch, und sie flüstert:

Durch das Feuer und durch den Krieg,
Durch die Piken und durch die Schwerter
Suche;
In dem Tode und in dem Blut,
In den Trümmern und in den Tränen
Finde.«

»Andere als wir werden das Land Flandern befreien,« sagte Uilenspiegel. »Die Nacht wird schwarz, die Soldaten zünden Fackeln an. Wir sind beim Galgenfelde. O süßes Herz, warum bist du mir gefolgt? Hörst du nichts mehr, Nele?«

»Ja,« sagte sie, »Waffengeklirr im Korn. Und da, über diesem Hügel, der den Weg beherrscht, den wir betreten, siehst du den Stahl blitzen im roten Widerscheine der Fackeln? Ich sehe die Feuerpunkte von Arkebusenlunten. Schlafen denn unsere Wächter, oder sind sie blind? Hörst du den Donnerschlag? Siehst du die Spanier fallen, durchbohrt von den Kugeln? Hörst du es: Heil den Geusen! Im Laufe ersteigen sie den Pfad, die Pike voran; sie kommen mit Äxten herunter den Hang entlang. Heil den Geusen!«

»Heil den Geusen!« schreien Lamme und Uilenspiegel.

»Da sieh,« sagt Nele, »Soldaten geben uns Waffen. Nimm, Lamme! Nimm, Geliebter! Heil den Geusen!«

»Heil den Geusen!« schreit die ganze Schar der Gefangenen.

»Die Arkebusen hören nicht auf zu schießen,« sagt Nele; »sie fallen wie die Fliegen, beleuchtet, wie sie sind, durch den Fackelschein. Heil den Geusen!«

»Heil den Geusen!« schreit die Schar der Retter.

»Heil den Geusen!« schreien Uilenspiegel und die Gefangenen. »Die Spanier sind in einem Kreise von Eisen! Tod! Tod! Keiner darf entkommen. Tod! Kein Erbarmen, kein Quartier. Und nun packen wir uns fort nach Enkhuizen. Wer hat die Tuch- und Seidenkleider der Henker? Wer hat ihre Waffen?«

»Alle, alle!« schreien sie. »Heil den Geusen!«

Und wirklich gewinnen sie auf einem Boote Enkhuizen; dort verbleiben die befreiten Deutschen mit ihnen, um die Stadt zu hüten.

Und Lamme, Nele und Uilenspiegel finden ihr Schiff wieder. Und von neuem singen sie auf dem freien Meere: »Heil den Geusen!«

Und sie kreuzen auf der Reede von Vlissingen.

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