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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 161
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XI

In einer schwarzen Nacht, der Sturm heulte in den Tiefen der Wolken, war Uilenspiegel mit Nele auf dem Schiffsdeck. Er sagte: »Alle unsere Feuer sind ausgelöscht. Wir sind Füchse, die in der Nacht die Fährte des spanischen Federwilds belauern, das heißt, ihre zweiundzwanzig Assabern, reiche Schiffe, deren Laternen blinken, die für sie die Sterne des Unheils sind. Und wir stürzen uns auf sie.«

Nele sagte: »Diese Nacht ist eine Zaubernacht. Der Himmel ist schwarz wie der Höllenschlund, die Blitze zucken wie das Lächeln Satans, dumpf grollt das ferne Unwetter, die Möwen flattern mit lauten Schreien, und das Meer rollt schimmernde Wogen wie silberne Schlangen. Thijl, mein Liebster, komm in die Geisterwelt. Nimm das Pulver der Gesichte ....«

»Werde ich die Sieben sehn, mein Lieb?«

Und sie nahmen das Pulver der Gesichte. Und Nele schloß die Augen Uilenspiegels, und Uilenspiegel schloß die Augen Nelens. Und sie sahen ein grausames Schauspiel.

Himmel, Erde und Meer waren voller Männer, Frauen und Kinder, die werkten, schwammen, gingen oder träumten. Das Meer schaukelte sie, die Erde trug sie. Und sie wimmelten wie Aale in einem Korbe.

Sieben Männer und Frauen waren mitten am Himmel, sitzend auf Thronen und die Stirnen gegürtet mit blitzenden Sternen; aber sie waren so verschwommen, daß Nele und Uilenspiegel nichts unterscheiden konnten als ihre Sterne.

Das Meer stieg bis zum Himmel an und wälzte auf seinem Schaume eine unzählige Menge von Schiffen, deren Mäste und Taue sich stießen, sich kreuzten, sich brachen und sich zerschmetterten, gehorchend den Stößen der stürmischen Wogen. Dann hob sich ein Schiff hervor in der Mitte aller andern. Sein Bug war aus flammendem Eisen. Sein Kiel war aus Stahl, scharf wie ein Messer. Das Wasser schrie wimmernd in der Furche. Auf dem Hinterdeck saß grinsend der Tod, in der einen Hand die Hippe, in der andern eine Geißel, womit er auf sieben Gestalten einschlug. Die eine war ein trauriger Mann, mager, trotzig, schweigend; in der einen Hand hielt er ein Scepter, in der andern ein Schwert. Neben ihm saß auf einer Ziege ein rotwangiges Mädchen, die Brüste nackt und das Kleid offen, und ihr Auge war keck. Sie reckte sich wollüstig gegen einen alten Juden, der Nägel auflas, und gegen einen dicken gedunsenen Mann, der jedesmal umfiel, wann sie ihn aufrecht stellte, während eine magere, rasende Frau alle beide schlug. Weder der dicke Mann noch seine rotwangige Gefährtin übte Vergeltung. Mitten unter ihnen aß ein Mönch Würste. Eine Frau, die auf dem Boden lag, kroch wie eine Schlange zwischen den andern herum; sie biß den alten Juden wegen seiner alten Nägel, den aufgedunsenen Mann wegen seiner allzu großen Gemächlichkeit, die rotwangige Frau wegen des feuchten Schimmers ihrer Augen, den Mönch wegen seiner Würste und den magern Mann wegen seines Scepters. Und bald kämpften sie alle miteinander.

Als sie vorbeikamen, war der Kampf schrecklich auf dem Meere, im Himmel und auf der Erde. Es regnete Blut. Die Schiffe wurden zertrümmert mit Axthieben, mit Arkebusenschüssen und mit Geschützkugeln. Ihre Trümmer flogen in die Luft, mitten im Pulverdampfe. Auf der Erde stießen die Heere gegeneinander wie eherne Mauern. Städte, Flecken, Ernten brannten unter Schreien und Tränen; die Glockentürme, steinerne Spitzen, zeigten mitten im Feuer ihre stolzen Umrisse, bevor sie mit Krachen zusammenstürzten wie gefällte Eichen. Schwarze Reiter, zahllos und geschlossen wie Haufen von Ameisen, wüteten, das Schwert in der Hand, die Pistole in der Faust, unter den Männern, den Frauen, den Kindern; etliche machten Löcher ins Eis und begruben dann lebendige Greise, andere schnitten den Frauen die Brüste ab und streuten Pfeffer auf die Wunden, und andere hängten die Kinder in die Rauchfänge. Die, die müde waren des Metzelns, schändeten irgendeine Magd oder Frau, tranken, würfelten, wühlten in den Goldhaufen, der Frucht der Plünderung, und räkelten ihre blutigen Finger.

Die sieben Sternengekrönten schrien: »Gnade für die arme Welt!« Und die Phantome grinsten. Und ihre Stimmen waren gleich denen von tausend Adlern, die auf einmal schreien. Und der Tod schwang seine Hippe.

»Hörst du sie?« sagte Uilenspiegel; »das sind die Raubvögel der armen Menschen. Sie leben von den kleinen Vögeln, die die einfältigen und die guten sind.«

Die sieben Sternengekrönten schrien: »Liebe, Gerechtigkeit, Mitleid!« Und die sieben Phantome grinsten. Und ihre Stimmen waren gleich denen von tausend Adlern, die auf einmal schreien. Und der Tod schlug sie mit seiner Geißel.

Und das Schiff zog durch die Flut, alles entzweischneidend, Boote, Männer, Frauen, Kinder. Über dem Meere hallten die Klagen der Opfer wider, und sie schrien: »Gnade!«

Und das rote Schiff fuhr über sie alle hinweg, während die Phantome lachten, schreiend wie Adler. Und der Tod trank grinsend das Wasser, das voll Blut war.

Als das Schiff im Nebel verschwunden war, legte sich der Kampf, und die sieben Sternengekrönten entschwanden. Und Uilenspiegel und Nele sahen nichts mehr als den schwarzen Himmel, die hohlgehende See, die düstern Wolken, die sich über das schimmernde Wasser schoben, und ganz nahe rote Sterne.

Das waren die Laternen der zweiundzwanzig Assabern. Das Meer und der Donner rollten dumpf. Und Uilenspiegel läutete leise die Wacharmglocke und rief: »Der Spanier! Der Spanier! Er hält auf Vlissingen zu!« Und der Ruf wurde weitergegeben in der ganzen Flotte.

Und Uilenspiegel sagte zu Nele: »Ein grauer Schatten spannt sich über Himmel und Meer. Die Laternen blinken nur noch schwach, die Morgendämmerung steigt auf, der Wind bläst kühler, die Wogen schleudern ihren Schaum aufs Deck, und ein starker Regen fällt ein und läßt auch schon nach; und strahlend erhebt sich die Sonne, den Kamm der Fluten vergoldend: es ist dein Lächeln, Nele, das frisch ist wie der Morgen, süß wie der Sonnenstrahl.«

Die zweiundzwanzig Assabern kommen vorüber: auf den Schiffen der Geusen wirbeln die Trommeln, schrillen die Pfeifen; Lumey schreit: »Drauf für den Prinzen!« Ewont Pietersen Wort, der Unteradmiral, schreit: »Drauf für Oranien und den Admiral!« Auf allen Schiffen, auf der Johanna, dem Schwan, der Anne-Mie, dem Geusen, dem Kompromiß, dem Egmont, dem Hoorne und dem Willem de Zwijger, schreien alle Kapitäne: »Drauf für Oranien und den Admiral!«

»Drauf! Heil den Geusen!« schreien die Soldaten und die Matrosen.

Die Hulke Treslongs, den Briel genannt, auf der Lamme und Uilenspiegel sind, und dicht hinter ihr die Johanna, der Schwan und der Geuse entern vier Assabern. Die Geusen werfen alles ins Wasser, was spanisch ist, nehmen die Niederländer gefangen, leeren die Schiffe wie Eierschalen und lassen sie ohne Mast und Segel in die Reede treiben. Dann verfolgen sie die achtzehn andern Assabern. Der Wind weht scharf von Antwerpen her, und die Mauer der flüchtigen Schiffe neigt sich im Flußwasser unter dem Gewichte der Segel, die gebläht sind wie die Wangen eines Mönches von dem Winde, der aus der Küche kommt. Die Assabern sind schnell; die Geusen verfolgen sie bis in die Reede von Middelburg unter das Feuer der Außenwerke. Dort entwickelt sich eine blutige Schlacht. Die Geusen schwingen sich mit Äxten auf die Schiffe, die gar bald bedeckt sind mit abgehackten Armen und Beinen, die man nach dem Kampfe körbeweise in die Fluten werfen muß. Die Werke schießen auf sie; sie spotten der Schüsse und schleppen bei dem Kriegsschrei: »Heil den Geusen!« alles weg auf den Assabern, Pulver, Geschütze, Kugeln und Korn. In die leeren Schiffe werfen sie Feuer und lassen sie rauchend und flammend in der Reede, während sie nach Vlissingen fahren.

Von dort aus werden sie Rotten ausschicken, die die Deiche Seelands und Hollands durchstechen und beim Bau von neuen Schiffen helfen sollen, besonders von Vliebooten zu hundertvierzig Tonnen, die bis zu zwanzig Stücke aus Gußeisen tragen.

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