Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles de Coster >

Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 160
Quellenangabe
pfad/coster/uilensp2/uilensp2.xml
typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120424
projectid53c21dfa
Schließen

Navigation:

X

An einem Tage im August, einem drückend schwülen Tage, brütete Lamme Schwermut. Seine lustige Trommel schwieg und schlief, und die Klöppel guckten aus der Öffnung seiner Tasche. Uilenspiegel und Nele, lächelnd vor Liebeslust, ließen sich von der Sonne bescheinen. Die Späher in den Mastkörben pfiffen und sangen vor sich hin, während sie ihre Augen übers weite Meer schweifen ließen, ob sie nicht irgendwo am Horizont eine Beute ersähen; Treslong fragte sie, und sie sagten stets: »Niets.«

Und Lamme, bleich und matt, seufzte erbärmlich. Und Nele sagte zu ihm: »Woher kommt es, Lamme, daß du so traurig bist?« Und Uilenspiegel sagte zu ihm: »Du magerst ab, mein Sohn.«

»Ja,« sagte Lamme, »ich bin traurig und mager. Mein Herz verliert seinen Frohsinn und mein gutes Gesicht seine Frische. Ja, lacht nur über mich, die ihr euch gefunden habt durch tausenderlei Fährlichkeiten. Macht euch nur lustig über den armen Lamme, der, obwohl er verheiratet ist, wie ein Witwer lebt, während die« – dabei wies er auf Nele – »ihren Mann den Küssen der Hanfschlinge, die sein letztes Liebchen sein wird, hat entreißen dürfen. Sie hat recht getan, Gott sei gesegnet; aber sie soll nicht lachen über mich. Ja, Nele, meine Freundin, du darfst nicht lachen über den armen Lamme. Meine Frau lacht für zehn. Ach! ihr Weiber seid grausam bei fremden Schmerzen. Ja, mein Herz ist traurig, geschlagen mit dem Schwerte der Verlassenheit, und nichts sonst wird es trösten können als sie.«

»Oder irgendein Braten,« sagte Uilenspiegel.

»Ja,« sagte Lamme, »wo gibts denn Fleisch auf diesem traurigen Schiffe? In der Flotte des Königs haben sie es viermal die Woche – außer zur Fastenzeit – und dreimal Fisch. Was die Fische betrifft, so verdamm mich Gott, wenn dieses Faserzeug – ich will sagen, ihr Fleisch – eine andere Wirkung auf mich hat, als zwecklos mein Blut zu erhitzen, mein armes Blut, das bald zu Wasser werden wird. Die haben Bier, Käse, Suppe und guten Trunk. Ja, sie haben alles, was ihr Magen begehrt: Zwieback, Roggenbrot, Bier, Butter, Rauchfleisch; ja, alles: Dörrfisch, Käse, Senf, Salz, Bohnen, Erbsen, Grütze, Essig, Öl, Fett, Holz und Kohle. Uns, uns ist man mit dem Verbote gekommen, das Vieh wegzutreiben, wem immer es gehört, Bürger, Abt oder Edelmann. Wir essen Heringe und trinken Dünnbier. Ach, ich habe nichts mehr: kein liebendes Weib, keinen guten Wein, kein Braunbier, keine gute Kost. Was sind hier unsere Freuden?«

»Ich will es dir sagen. Lamme,« antwortete Uilenspiegel. »Aug um Aug, Zahn um Zahn: In Paris haben sie in der Bartholomäusnacht zehntausend freie Herzen getötet, in der Stadt Paris allein; der König hat selber in sein Volk geschossen. Wach auf, Vlame, pack die Axt ohne Gnade; das sind unsere Freuden: schlag zu auf den Feind, auf den spanischen und auf den römischen, wo du ihn triffst. Laß einstweilen dein Futter. Sie haben die Opfer, tot oder lebendig, zum Flusse geschleppt und haben sie, einen vollen Karren nach dem andern, ins Wasser geworfen. Tot oder lebendig, hörst dus, Lamme? Die Seine war rot neun Tage lang, und die Raben ließen sich in Wolken auf die Stadt nieder. In La Charité, in Rouen, in Toulouse, in Lyon, in Bordeaux, in Bourges, in Meaux war das Gemetzel furchtbar. Siehst du die Rudel vollgefressener Hunde neben den Leichnamen liegen? Ihre Zähne sind müde. Der Flug der Raben ist schwer, so haben sie sich den Magen mit dem Fleische der Opfer überladen. Hörst du. Lamme, die armen Seelen um Rache und Erbarmen schreien? Erwache, Vlame! Du sprichst von deiner Frau. Ich halte sie nicht für untreu, sondern für wahnwitzig, und sie liebt dich noch, armer Freund; sie war keineswegs unter den Damen des Hofes, die in derselbigen Mordnacht mit ihren zarten Händen die Leichname entkleidet haben, um die Größe oder Kleinheit des fleischlichen Mannestums zu betrachten. Und sie lachten, die hohen Damen, in ihrer Geilheit. Sei wieder froh, mein Sohn, trotz deinem Fische und deinem Dünnbier. Wenn der Nachgeschmack des Herings schal ist, noch schaler ist der Geruch dieses Unflats. Die, die getötet haben, schlemmen nach Herzenslust und zerteilen mit den schlecht gewaschenen Händen die fetten Gänse, um die Flügel, die Bügel und den Bürzel den edeln Frauen von Paris anzubieten. Und die haben eben erst ein ander Fleisch in der Hand gehabt, ein kaltes Fleisch.«

»Ich will nicht mehr klagen, mein Sohn,« sagte Lamme, indem er sich erhob; »die Heringe sind Ammern, und Malvasier ist das Dünnbier für die freien Herzen.«

Und Uilenspiegel sagte:

Den Geusen Heil! Weint nicht, ihr Brüder!
In all dem Elend und in dem Blut
Erblüht die Rose der Freiheit.
Wenn Gott mit uns ist, wer ist dawider?

Der Hyäne Triumph ist schnell zu Ende,
Wenn der Löwe sich stürzt auf sie.
Ein Schlag mit der Tatze, sie ist verreckt.
Aug um Aug, Zahn um Zahn. Heil den Geusen!

Und die Geusen sangen auf den Schiffen:

Vom Herzog harrt unser das gleiche Los.
Aug um Aug, Zahn um Zahn,
Stich um Stich. Heil den Geusen!

 << Kapitel 159  Kapitel 161 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.