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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 159
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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IX

Uilenspiegel, Lamme und Nele hatten, ebenso wie ihre Freunde und Gesellen, den Klöstern das Geld weggenommen, das die durch Prozessionen, durch falsche Wunder und durch andres römisches Gaukelspiel aus dem Volke gezogen hatten. Das war gegen den Befehl des Schweigers, des Freiheitsprinzen, geschehn, aber das Geld diente der Kriegführung. Lamme Goedzak, der nicht zufrieden war, sich mit Geld zu versorgen, plünderte in den Klöstern, was er fand, Schinken, Würste, Flaschen mit Bier und Wein; willig trug er auf seiner Brust die Last eines Wehrgehenks von Geflügel, Gänsen, Truthennen, Kapaunen, Hühnern und Hühnchen, und schleifte an einem Stricke manch Klosterkalb und manche Klostersau hinter sich her. Und das nach Kriegsrecht, wie er sagte. Frohgemut nach jeder Beute, brachte er alles aufs Schiff, damit dort Schmaus und Gelage gerüstet würden; aber stets war es sein Kummer, daß der Küchenmeister so unerfahren war in den Wissenschaften der Tunken und Braten.

An diesem Tage sagten die Geusen, nachdem sie siegesfreudig den Trunk geschlürft hatten: »Uilenspiegel, du hast ja immer die Nase im Winde, um die Zeitungen des Festlandes zu wittern, und du kennst all die Abenteuer des Krieges; singe sie uns: Lamme soll die Trommel schlagen, und das hübsche Pfeiferlein soll das Lied im Takte begleiten.«

Und Uilenspiegel sagte: »An einem Maientage, frisch und klar, will Ludwig von Nassau in Bergen einrücken; da findet er weder sein Fußvolk noch seine Reiterei. Etliche Vertraute halten ein Tor offen und die Zugbrücke heruntergelassen, damit er die Stadt nehme. Aber die Bürger bemeistern sich des Tors und der Brücke. Wo sind die Soldaten des Grafen Ludwig? Die Bürger gehn daran, die Brücke aufzuziehen. Der Graf Ludwig stößt ins Horn.«

Und Uilenspiegel sang:

Wo bleibt dein Fußvolk und Reiterei?
Sie irren im Busche und treten darnieder
Die trockenen Zweiglein, die Blüten des Mais.
Frau Sonne blinket im Widerschein
Auf den roten Kriegergesichtern
Und den glänzenden Rücken der Renner.
Der Graf von Nassau, er stößt ins Horn:
Sie hörens. Schlagt sachte die Trommel!

Im scharfen Trabe, den Zügel verhängt,
Wie der Wetterstrahl durch die Wolken fährt,
Im Wirbel von klirrendem Eisen,
So sprengt sie einher, die stampfende Jagd.
Nur rasch! Nur rasch! Zu Hilfe! Zu Hilf!
Schon hebt sich die Brücke ... und der Sporn
Zerreißt die blutenden Weichen.
Schon hebt sich die Brücke: verloren die Stadt!

Jetzt sind sie da. Ists schon zu spät?
Im wilden Galopp! Den Zügel verhängt!
Guitoy von Chaumont, auf seinem Hengst,
Sprengt auf die Brücke; sie fällt zurück.
Genommen die Stadt! Auf dem Pflaster von Bergen,
Wie der Wetterstrahl, der die Wolken zerbricht,
Der Wirbel von klirrendem Eisen!

Heil dem von Chaumont und seinem Hengst!
Laßt jauchzen die Zinken! Die Trommeln gerührt!
Im Heumond ists, die Wiesen duften,
Die Lerche schwingt sich himmelwärts:
Dem Vogel der Freiheit Heil!
Die Trommeln des Ruhmes erdröhnen.
Heil dem von Chaumont und seinem Hengst! Wein her!
Die Stadt ist genommen! ... Den Geusen Heil!

Und die Geusen sangen auf den Schiffen: »Christus, schau deine Soldaten! Fege unsere Waffen, Herr! Heil den Geusen!«

Und Nele ließ lächelnd die Pfeife erklingen, und Lamme schlug die Trommel, und empor zum Himmel, zum Tempel Gottes, hoben sich die Goldkelche und schwangen sich die Hymnen der Freiheit. Und die Wogen, klar und frisch, summten rings um das Schiff harmonisch wie Sirenen.

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