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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 156
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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VI

Es war im Mai, die Linde der Gerechtigkeit war grün, und grün waren auch die Rasenbänke, auf denen die Richter saßen. Nele war zur Zeugenschaft geladen. Und an diesem Tage sollte der Spruch verkündigt werden.

Und das Volk, Männer und Frauen, Bürger und Werkleute, standen rundherum im Felde; und die Sonne blinkte hell.

Katelijne und Joost Damman wurden vors Gericht geführt; und Damman war noch bleicher wegen der Folter des Durstes und der schlaflosen Nächte. Katelijne, der die zitternden Beine den Dienst versagten, wies auf die Sonne und sagte: »Nehmt das Feuer weg, der Kopf brennt!« Und sie sah Joost Damman mit zärtlicher Liebe an.

Und er sah sie mit Haß und Verachtung an.

Und die Herren und Edelleute, seine Freunde, die nach Damme geladen waren, waren alle da, als Zeugen vor dem Gerichte.

Nun sprach der Vogt und sagte: »Nele, das Mädchen, die ihre Mutter Katelijne mit so großer und wackerer Hingebung verteidigt, hat in der Tasche, die an deren Feiertagsrock genäht ist, einen Brief gefunden, der unterzeichnet ist mit Hansken. Unter den Gegenständen, die der Leichnam von Hilbert Rijnvisch bei sich hatte, war auch ein Schubsack, und darin habe ich einen an den Toten gerichteten Brief des besagten Joost Damman gefunden, der als Angeklagter vor euch steht. Beide Briefe habe ich bei mir verwahrt, damit Ihr in dem geeigneten Augenblicke, und der ist jetzt eingetreten, über die Hartnäckigkeit dieses Mannes urteilen und ihn entweder freisprechen oder verdammen könnet nach Recht und Gerechtigkeit. Hier ist das Pergament, das ich in dem Schubsacke gefunden habe; ich habe es nicht berührt und weiß nicht, ob es lesbar ist oder nicht.«

Der Richter hatte sich eine große Aufregung bemächtigt.

Der Vogt versuchte, die Bulle vom Pergamente zu lösen; aber es gelang ihm nicht, und Joost Damman lachte.

Nun sagte ein Schöffe: »Bringen wir die Bulle ins Wasser und dann vors Feuer. Wenn ein geheimnisvoller Kitt da ist, werden ihn das Feuer und das Wasser verzehren.« Man brachte Wasser, und der Henker entzündete ein großes Holzfeuer im Hag; der Rauch stieg blau zum klaren Himmel auf, zwischen den grünenden Zweigen der Linde der Gerechtigkeit.

»Legt den Brief nicht in die Schüssel,« sagte ein Schöffe; »denn wenn er mit gelöstem Ammoniaksalz geschrieben ist, werdet Ihr die Zeichen verlöschen.«

»Nein,« sagte der Wundarzt, der da war, »die Zeichen werden nicht verlöschen, sondern das Wasser wird nur den Überzug erweichen, der das Öffnen dieser magischen Bulle verhindert.« Das Pergament wurde eingetaucht; als es weich war, ließ es sich entfalten. »Jetzt«, sagte der Wundarzt, »haltet es ans Feuer.«

»Ja, ja,« sagte Nele, »haltet das Papier ans Feuer; der Herr Wundarzt ist auf der Spur der Wahrheit, denn der Mörder erbleicht, und seine Beine zittern.«

Da sagte Messire Joost Damman: »Ich erbleiche weder, noch zittere ich, du kleine gemeine Furie, die du den Tod eines Edelmanns willst. Aber du wirst nichts ausrichten; das Pergament muß verfault sein in den sechzehn Jahren, die es in der Erde gelegen hat.«

»Das Pergament ist nicht verfault,« sagte der Schöffe; »der Sack war mit Seide gefüttert: die Seide verzehrt sich nicht in der Erde, und die Würmer haben das Pergament nicht durchgefressen.« Das Pergament wurde ans Feuer gehalten.

»Gnädiger Herr Vogt, gnädiger Herr Vogt,« sagte Nele, »seht, am Feuer kommt die Tinte zum Vorschein: laßt das Schreiben verlesen.«

Als sich der Arzt zu lesen anschickte, wollte Messire Joost Damman die Arme strecken, um sich des Pergaments zu bemächtigen; aber Nele fiel ihm, rasch wie der Wind, in den Arm und sagte: »Du wirst es nicht berühren, denn hier steht entweder dein Tod oder der Katelijnens geschrieben. Wenn heute dein Herz blutet, du Mörder, so sind es fünfzehn Jahre, daß unsers blutet, fünfzehn Jahre, daß Katelijne duldet, fünfzehn Jahre, daß ihr das Hirn im Kopfe brennt um dich, fünfzehn Jahre, daß Soetkin gestorben ist an den Folgen der Folter, fünfzehn Jahre, daß wir dürftig und zerlumpt im Elend leben, jedoch erhobenen Hauptes. Lest das Papier, lest das Papier! Die Richter sind Gott auf der Erde, denn sie sind die Gerechtigkeit. Lest das Papier!«

»Lest das Papier!« schrien die Männer und die Frauen weinend. »Nele ist wacker! Lest das Papier! Katelijne ist keine Hexe!«

Und der Schreiber las:

»Hilbert, den Sohn von Willem Rijnvisch, Jonker, grüßt Joost Damman, Jonker.
Teuerer Freund, verlier nicht mehr dein Geld im Kartenspiel, mit Würfeln und bei derlei jämmerlichem Tand. Ich werde dir sagen, wie man mit sicherm Zuge gewinnt. Wir wollen Teufel werden, schöne Teufel, wie sie von Frauen und Mädchen geliebt werden. Die häßlichen und armen lassen wir, die schönen und reichen nehmen wir; sie sollen ihr Vergnügen bezahlen. Ich habe bei diesem Geschäfte in Deutschland, in sechs Monaten, fünftausend Reichstaler verdient. Die Weiber geben ihr letztes Hemd für den Mann hin, den sie lieben; meide die geizigen mit der Spitznase, die es auf die lange Bank schieben, ihr Vergnügen zu bezahlen. Was dich betrifft, wann es sich darum handelt, daß du als ein schöner Teufel und ein wirklicher Inkubus erscheinen sollst, so künde, wenn sie dir eine Nacht gewährt haben, dein Kommen mit dem Schrei eines Nachtvogels an. Und damit dein Gesicht dem wirklichen Gesicht eines Teufels gleiche, eines schrecklichen Teufels, so reibe es dir mit Phosphor, der schimmert, wo es feucht ist. Der Geruch ist übel, aber sie werden glauben, es sei der Geruch der Hölle. Töte, wer deinen Weg kreuzt, Mann, Frau oder Tier.
Wir werden bald miteinander zu Katelijne gehen, einer hübschen, gutmütigen Dirne. Ihre Tochter, ein meiniges Kind, wenn mir Katelijne treu war, ist anmutig und liebenswürdig; du wirst sie ohne viel Mühe nehmen: ich schenke sie dir, denn ich schere mich nicht um diese Bastarde, die man nicht mit Sicherheit als sein Fleisch erkennen kann. Ihre Mutter hat mir schon mehr als dreiundzwanzig Karolus gegeben, ihr ganzes Vermögen. Aber sie verbirgt einen Schatz, der, wenn ich nicht auf den Kopf gefallen bin, der Nachlaß von Klaas, dem Ketzer, ist, der in Damme verbrannt worden ist: siebenhundert Karolus, die der Beschlagnahme verfallen wären; aber der gute König Philipp, der so viele seiner Untertanen verbrennen ließ, um sie zu beerben, hat seine Klaue nicht auf diesen süßen Schatz legen können. In meiner Tasche wird er schwerer wiegen als in seiner. Katelijne wird mir sagen, wo er ist. Wir werden ihn teilen; nur wirst du mir die größere Hälfte lassen, weil ich ihn ausgekundschaftet habe.
Was die Weiber betrifft, die unsere süßen Mägde und verliebte Sklavinnen sind, so werden wir sie nach Deutschland bringen. Dort werden wir sie zu weiblichen Teufeln abrichten, die als Succubi alle reichen Bürger und Edelleute bestricken sollen. Dann werden wir, sie und wir, von der Liebe leben, die bezahlt wird mit schönen Reichstalern, mit Samt und Seide, mit Gold und Perlen und Kleinoden; so werden wir reich sein ohne Plage und werden, ohne daß es die Succubi wüßten, von der allerschönsten geliebt werden, im übrigen stets dafür bezahlt. Alle Frauen sind dumm und schwach, wenn es der Mann versteht, das Feuer zu entfachen, das ihnen Gott unterm Gürtel glimmen läßt. Katelijne und Nele werden es noch mehr sein als die andern und uns, weil sie uns für Teufel halten, in allem gehorchen; du behalte deinen Vornamen, nenne aber niemals deinen Vatersnamen Rijnvisch. Wenn der Richter die Frauen greift, so entweichen wir, ohne daß sie uns kennten und uns anzugeben vermöchten. Stoß also zu mir, Herzbruder. Das Glück lächelt den jungen Leuten, wie weiland Seine Heilige Majestät Karl der Fünfte gesagt hat, der vollendete Meister in Sachen des Kriegs und der Liebe.«

 

Und der Schreiber sagte, als er mit dem Lesen zu Ende war: »Das ist der Brief, und er ist unterzeichnet: Joost Damman, Jonker.«

Und das Volk schrie: »In den Tod mit dem Mörder! In den Tod mit dem Hexenmeister! Ins Feuer mit dem Frauenbetörer! An den Galgen mit dem Dieb!«

Nun sagte der Vogt: »Leute, verhaltet euch ruhig, damit wir in aller Freiheit über den Mann richten.« Und er sprach zu den Schöffen und sagte: »Ich will Euch den andern Brief vorlesen, den Nele in der Tasche von Katelijnens Feiertagsrock gefunden hat. Er lautet folgendermaßen:

Allerliebste Hexe, hier das Rezept einer Salbe, das mir Luzifers Frau selbst geschickt hat; durch diese Salbe kannst du dich auf die Sonne, den Mond und die Sterne erheben, kannst mit den Elementargeistern verkehren, die die Gebete der Menschen zu Gott tragen, kannst alle Städte, Flecken, Ströme und Wiesen der ganzen Welt durchwandern: du mengst miteinander in gleichen Dosen: Stramonium, Solanum somniferum, Bilsenkraut, Opium, frische Hanfspitzen, Belladonna und Datura.
Wenn es dir recht ist, so gehn wir heute abend auf den Hexensabbat; aber du mußt mich mehr lieben und darfst nicht so knauserig sein wie neulich, wo du mir zehn Gulden verweigert hast mit der Ausflucht, du habest sie nicht. Ich weiß, daß du einen Schatz verbirgst und mir nicht sagen willst wo. Liebst du mich nicht mehr, süßes Herz?
Dein kalter Teufel
Hansken.«

»In den Tod mit dem Hexenmeister!« schrie das Volk.

Der Vogt sagte: »Man muß die eine Schrift mit der andern vergleichen.« Als das geschehn war, wurde festgestellt, daß sie einander gleich waren.

Nun sagte der Vogt zu den anwesenden Herren und Edelleuten: »Erkennt Ihr den da für den Messire Joost Damman, Sohn des Schöffen von der Keure in Gent?«

»Ja,« sagten sie.

»Habt Ihr«, sagte er, »Messire Hilbert, Sohn von Willem Rijnvisch, Jonker, gekannt?«

Ein Edelmann, der sich Van der Zickele nannte, sprach und sagte: »Ich bin aus Gent, mein Steen ist auf dem Michaelsplatz; ich kenne Willem Rijnvisch, Junker und Schöffen der Keure in Gent. Er hat, es sind fünfzehn Jahre her, einen Sohn von dreiundzwanzig Jahren verloren, einen Wüstling, Spieler und Müßiggänger; aber dem vergab es jeder seiner Jugend halber. Seit dieser Zeit hat niemand etwas von ihm vernommen. Ich möchte den Degen, den Dolch und den Schubsack des Toten sehn.«

Als er sie vor sich hatte, sagte er: »Der Degen und der Dolch tragen am Knaufe das Wappen der Rijnvisch, nämlich drei silberne Fische auf azurnem Grunde. Dasselbe Wappen sehe ich auf einem Goldschilde zwischen den Maschen der Tasche. Woher ist der andere Dolch da?«

Der Vogt sprach und sagte: »Das ist der, der in dem Leichnam von Hilbert Rijnvisch, dem Sohne Willems, gesteckt hat, als wir ihn gefunden haben.«

»Ich erkenne«, sagte der Herr, »das Wappen der Damman; den roten Turm auf silbernem Felde. So wahr mir Gott helfe und alle seine Heiligen.«

Die andern Edelleute sagten ebenso: »Wir erkennen die besagten Wappen als die von Rijnvisch und Damman. So wahr uns Gott helfe und alle seine Heiligen.«

Nun sagte der Vogt: »Nach den mündlichen und schriftlichen Inzichten, die das Gericht der Schöffen geprüft hat, ist Messire Joost Damman ein Hexenmeister, ein Mörder, ein Frauenbetörer und ein Dieb am königlichen Gut und, weil er das ist, schuldig des Verbrechens der beleidigten göttlichen und menschlichen Majestät.«

»Ihr sagt es, Herr Vogt,« entgegnete Joost, »aber Ihr werdet mich nicht verurteilen, da es an genügenden Inzichten gebricht. Ich bin und war niemals ein Hexenmeister; und ich habe den Teufel nur gespielt. Was mein schimmerndes Gesicht betrifft, so habt Ihr das Rezept ebenso wie das der Salbe, die, samt dem, daß sie das Bilsenkraut, eine Giftpflanze, enthalt, nur als Schlafmittel wirkt. Wann es diese Frau, eine wirkliche Hexe, anwandte, schlummerte sie ein und dachte, sie gehe zum Sabbat, tanze dort mit nach auswärts gekehrtem Gesichte im Kreise und bete den Teufel an, der in der Gestalt eines Bockes auf dem Altar sitze. Und wann der Tanz aus war, glaubte sie ihn, wie es die Hexen tun, unterm Schwanze zu küssen, um sich dann mit mir, ihrem Freunde, den seltsamen Begattungen hinzugeben, die ihrem ausschweifenden Sinne gefielen. Wenn ich, wie sie sagt, kalte Arme und einen frischen Körper hatte, so war das ein Zeichen der Jugend und nicht der Hexerei. Bei den Werken der Liebe dauert die Frische nicht an. Aber Katelijne wollte das glauben, was sie ersehnte, und wollte mich für einen Teufel nehmen, ungeachtet daß ich ein Mensch bin aus Fleisch und Knochen wie Ihr, die Ihr mich anseht. Sie allein ist schuldig: da sie mich für einen Dämon hielt und mich in ihr Lager aufgenommen hat, hat sie, in der Absicht und in der Tat, gesündigt wider Gott und den Heiligen Geist. Nicht ich bin es also, sondern sie ist es, die das Verbrechen der Hexerei begangen hat, sie ist es, der der Feuertod gebührt als einer wütenden, tückischen Hexe, die für närrisch gelten will, um ihre Tücke zu verbergen.«

Aber Nele sagte: »Hört ihr den Mörder? Er hat, wie eine feile Dirne, die das Rädchen am Arme trägt, aus der Liebe ein Geschäft und eine Ware gemacht. Hört ihr ihn? Um sich zu retten, will er die verbrennen lassen, die ihm alles gegeben hat.«

»Nele ist garstig,« sagte Katelijne; »hör nicht auf sie, Hans, mein Geliebter.«

»Nein,« sagte Nele, »nein, du bist kein Mensch: du bist ein Teufel, feige und grausam.« Und sie schloß Katelijne in ihre Arme. »Herren Richter,« rief sie, »hört nicht auf diesen bleichen Schandbuben: er hat keine andere Sehnsucht, als meine Mutter brennen zu sehn, die sonst keinen Fehler begangen hat, als daß sie von Gott mit Narrheit geschlagen worden ist und Traumgespinste für Wirklichkeit gehalten hat. Sie hat schon genug gelitten, am Leib und am Geist. Erspart ihr den Tod, Herren Richter. Laßt die Unschuldige ihr trauriges Leben in Frieden hinbringen.«

Und Katelijne sagte: »Nele ist garstig; du darfst ihr nicht glauben, Hans, mein Herr.«

Und im Volke weinten die Frauen, und die Männer sagten: »Gnade für Katelijne.«

Der Vogt und die Schöffen gaben über Joost Damman, nachdem er nach einer neuerlichen Folter ein Geständnis abgelegt hatte, den Spruch ab: er wurde verurteilt, seines Adels entkleidet zu werden und lebendig an einem linden Feuer verbrannt zu werden, bis der Tod eintrete; und er erlitt seine Strafe am nächsten Tage vor den Wehren des Stadthauses, indem er immerfort sagte: »Richtet die Hexe hin, sie allein ist schuldig! Vermaledeit sei Gott! Mein Vater wird die Richter töten.« Und er gab seinen Geist auf.

Und das Volk sagte: »Seht den fluchenden Lästerer; er verendet wie ein Hund.«

Am nächsten Tage gaben der Vogt und die Schöffen ihren Spruch ab über Katelijne, die verurteilt wurde, sich der Wasserprobe im Kanale von Brügge zu unterziehen: schwimme sie, so solle sie als Hexe verbrannt werden, sinke sie zugrunde und sterbe sie, so solle sie als christlich verstorben betrachtet und als Christin auf dem Gottesacker begraben werden.

Am nächsten Tage wurde Katelijne, eine Kerze in der Hand, mit nackten Füßen und in einem Hemd aus schwarzer Leinwand, den Bäumen entlang ans Ufer des Kanals geführt, in großer Prozession. Vor ihr schritten, Totengebete singend, der Dechant von Unserer Frau, seine Meßhelfer und der Küster mit dem Kreuze, hinter ihr der Vogt von Damme, die Schöffen, die Schreiber, die Stadtschergen, der Profoß und der Henker mit seinen beiden Knechten. An den Ufern war eine große Menge Volks versammelt: die Frauen weinten und die Männer murrten, aus Mitleid mit Katelijne, die sich wie ein Lamm dahinführen ließ, ohne zu wissen wohin, und immerfort sagte: »Nehmt das Feuer weg, der Kopf brennt! Hans, wo bist du?«

Mitten unter den Frauen schrie Nele: »Ich will mit ihr hineingeworfen werden.« Aber die Frauen ließen sie nicht zu Katelijne.

Ein scharfer Wind blies von der See; vom grauen Himmel fiel ein dünner Hagel in das Wasser des Kanals. Es lag eine Barke da, und die nahm der Henker mit seinen Knechten im Namen Seiner Königlichen Majestät. Auf ihren Befehl stieg Katelijne hinein. Der Henker stand aufrecht und hielt sie: auf das Zeichen des Profoßen, der den Stab des Gerichtes hob, warf er Katelijne in den Kanal; sie schlug ein paarmal, aber nicht oft, um sich und sank zugrunde, nachdem sie geschrien hatte: »Hans! Hans! Zu Hilfe!«

Und das Volk sagte: »Dieses Weib ist keine Hexe.«

Etliche Männer warfen sich in den Kanal und zogen Katelijne heraus, die besinnungslos war und starr wie eine Tote. Dann wurde sie in eine Schenke gebracht und vor ein großes Feuer gesetzt; Nele entledigte sie der nassen Kleider samt der Wäsche und gab ihr andere. Als sie zu sich kam, sagte sie zitternd und zähneklappernd: »Hans, gib mir einen Wollenmantel.«

Und Katelijne konnte sich nicht mehr erwärmen. Und sie starb am dritten Tage. Und sie wurde auf dem Gottesacker begraben.

Und die verwaiste Nele wanderte nach Holland zu Rosa van Auwegem.

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