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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 152
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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II

In den ersten Tagen des Mai, als das Schiff bei heiterm Himmel kühn die Wogen spaltete, sang Uilenspiegel:

Die Asche des Vaters schlägt an mein Herz.
Die Henker, sie kamen, sie schlugen zu
Mit dem Dolch, mit dem Feuer, mit der Kraft und dem Schwert.
Sie haben bezahlt den feilen Verrat;
Wo einstens Liebe und Treue geblüht,
Da haben sie Tücke und Mißtraun gesät.
Auf daß die Schlächter ihr Schicksal ereil,
Schlaget die Trommel des Kriegs!

Den Geusen Heil! Die Trommel gerührt!
Briel ist genommen und ebenso
Vlissingen, der Schlüssel der Schelde;
Gott ist gerecht, genommen Kampveer,
Wo war da Seelands Geschütz?
Wir haben Kugeln und Pulver und Blei,
Die Kugeln aus Eisen und Stückgut.
Gott ist mit uns, wer ist dawider?

Schlaget die Trommel des Kriegs und des Ruhms!
Den Geusen Heil! Die Trommel gerührt!

Das Schwert ist gezogen, hoch poche das Herz!
Fest sei der Arm! Das Schwert ist blank.
Nieder der Zehnte, der Stifter der Not,
Dem Henker den Tod, dem Räuber den Strick,
Dem eidbrüchigen König ein aufrührisch Volk.
Das Schwert ist gezogen für unser Recht,
Für unsere Heimat, für Weib und Kind.
Das Schwert ist gezogen. Die Trommel gerührt!

Hoch pocht unser Herz, die Arme sind fest.
Nieder der Zehnte und die schändliche Gnad,
Schlaget die Trommel! Die Trommel gerührt!

»Ja, Brüder und Freunde,« sagte Uilenspiegel, »in Antwerpen, vor dem Stadthaus, haben sie ein prächtiges Schaugerüst errichtet, bedeckt mit rotem Tuch; und dort sitzt der Herzog inmitten seiner Staffiere und Soldaten wie ein König auf seinem Throne. Er will gütig lächeln, aber er schneidet eine häßliche Fratze. Schlaget die Trommel des Kriegs!

Er hat einen Gnadenerlaß gewährt: schweigt still; sein goldener Küraß blinkt in der Sonne, der Oberprofoß hält zu Pferde neben dem Thronhimmel: nun kommt der Herold mit seinen Paukenschlägern; er liest: es ist die Begnadigung für alle, die nicht gefehlt haben; die andern sollen grausam gestraft werden.

Höret, Brüder: er liest das Edikt, das bei der Strafe des Aufruhrs die Bezahlung des zehnten und zwanzigsten Pfennigs befiehlt.«

Und Uilenspiegel sang:

O Herzog, hörst du die Stimme des Volks,
Das rauschende Tosen? So wie das Meer,
Wann es hohlgeht in stürmischen Wogen.
Genug des Geldes, genug des Bluts,
Genug des Elends! Die Trommel gerührt!
Das Schwert ist gezogen. Die Trommel der Trauer gerührt!

Mit den Krallen hinein in die blutende Wund,
Der Dieb nach dem Mörder. Schmeckt dir das Gemisch
Von unserm Golde in unserm Blut?
Wir wandelten den Pfad der Pflicht,
Dem Könige treu. Er brach den Schwur.
Wir sind unsers Eides entbunden.
Schlaget die Trommel des Kriegs!

O Herzog von Alba, du Blutherzog,
Die Schuppen und Läden, sie sind gesperrt,
Nicht Bier, nicht Brot und nicht Spezerei
Verkauft der Händler, damit er nicht zahlt.
Wer grüßt dich denn noch, wo immer du gehst?
Kein Mensch. Spürst du, wie dich, gleich dem Hauch
Der Pest, Verachtung und Haß umschleicht?

Im schönen Lande zu Flandern,
Im fröhlichen Lande Brabant
Herrscht nur noch Grabesruh.
Da, wo dereinst in der Freiheit Zeit
Die Geigen und Pfeifen erklangen,
Ist dumpfes Schweigen nur und Tod.
Schlaget die Trommel des Kriegs!

Wo früher nur lustge Gesichter
Beim Trunk und beim Liebeslied,
Da harren die bleichen Opfer
Ergebungsvoll des Richtschwerts,
Mißbraucht in rechtloser Willkür.
Schlaget die Trommel des Kriegs!

Nicht hört man mehr in den Schenken
Das fröhliche Klingen der Kannen,
Nicht mehr auf den Straßen die Stimmen
Der singenden Rudel von Mädchen.
Und Brabant und Flandern, die Lande der Lust,
Sind geworden zu Landen der Tränen.
Die Trommel der Trauer gerührt!

Du Erde der Väter, du duldendes Lieb,
Beug nicht die Stirn unter den Fuß des Mörders.

Ihr fleißigen Bienen, stürzt euch im Schwarme
Auf die spanischen Drohnen.
Ihr Frauen und Mädchen, lebendig begraben,
Schreiet zu Christus um Rache!

Ihr armen Seelen, irrt nächtlich durchs Feld
Und schreiet zu Gott! Der Arm zittert zum Schlage,
Das Schwert ist gezogen, wir reißen dir das Gedärm heraus,
O Herzog, und zerbleun dir damit die Fratze.
Schlaget die Trommel! Das Schwert ist gezogen.
Schlaget die Trommel! Den Geusen Heil!

Und die Seeleute und die Soldaten von Uilenspiegels Schiff und den andern Schiffen sangen einstimmig:

Das Schwert ist gezogen! Den Geusen Heil!

Und ihre Stimmen rollten wie ein Donner der Erlösung.

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