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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 146
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XL

Auf der Wanderung nach Brügge sagte Uilenspiegel zu Lamme: »Wir haben ein hübsches Stück Geld auf die Anwerbung von Soldaten, auf die Bezahlung der Häscher und auf das Geschenk für die Zigeunerin ausgegeben und auf diese unzähligen Oliekoeken, die du jedesmal viel lieber selbst aufgegessen hast, als auch nur einen zu verkaufen. Nun ist es, ungeachtet den Willen deines Bauches, Zeit, ein vernünftigers Leben zu beginnen. Gib mir dein Geld, ich will für uns beide den Beutel verwahren.«

»Meinetwegen,« sagte Lamme. Und indem ers ihm gab, fuhr er fort: »Laß mich nur ja nicht Hungers sterben; denn bedenke, daß ich, dick und stark, wie ich bin, eine kräftige und ausgiebige Nahrung brauche: bei dir magern und schmächtigen Menschen geht es, daß du so in den Tag hineinlebst und ißt oder nicht ißt, was du findest, wie die Planken auf dem Kai, die von Luft und Wasser leben; aber ich, an dem die Luft zehrt und den der Regen hungrig macht, ich bedarf einer anderen Kost.«

»Du wirst sie bekommen,« sagte Uilenspiegel, »tugendsame Fastenkost. Je mehr der Wanst gefüllt ist, desto weniger hält er aus; wenn er so nach und nach abschwillt, wird der schwerste Mensch leichtfüßig. Und bald wird man dich, wenn einmal genug Schmer weg ist, laufen sehn wie einen Hirsch, Lamme, mein Liebling.«

»Ach,« sagte Lamme, »was wird fortan mein armseliges Los sein? Ich habe Hunger, mein Sohn, und möchte essen.«

Der Abend fiel ein. Sie kamen in Brügge beim Gentischen Tore an. Sie zeigten ihre Pässe. Nachdem sie einen halben Groschen für sich und zwei für ihre Esel bezahlt hatten, durften sie in die Stadt. Lamme, dem Uilenspiegels Worte nicht aus dem Sinn gingen, schien tief bekümmert: »Werden wir bald essen?«

»Ja,« antwortete Uilenspiegel.

Sie stiegen in der Meermin ab, brachten ihre Esel im Stalle unter, und Uilenspiegel verlangte für sich und Lamme Brot, Bier und Käse. Der Wirt grinste, als er das magere Mahl auftrug. Lamme aß mit langen Zähnen und betrachtete Uilenspiegel voll Verzweiflung; der ließ seine Kinnbacken in dem alten Brot und dem jungen Käse arbeiten, als hätte er Fettammern vor sich gehabt. Und Lamme trank sein Dünnbier ohne Vergnügen. Uilenspiegel lachte, als er ihn so betrübt sah. Und es gab noch eine Person, die über ihn lachte, aber im Hofe der Herberge, und oft ihr Mäulchen an den Scheiben zeigte. Uilenspiegel sah, daß es eine Frau war, die ihr Gesicht verbarg; in der Meinung, es sei irgendeine mutwillige Magd, kümmerte er sich nicht weiter um sie. Da er Lamme so bleich, traurig und fahl sah wegen der unbefriedigten Sehnsucht seines Bauches, hatte er Mitleid mit ihm und dachte schon daran, für seinen Gesellen einen Eierkuchen mit Würsten, eine Schüssel Rindfleisch mit Bohnen oder jedes beliebige warme Gericht zu bestellen, als der Baas eintrat und, seine Mütze ziehend, sagte: »Wenn die Herren Reisenden ein bessers Essen wünschen, so mögen sie es sagen und mögen verlangen, was sie wollen.«

Lamme riß die Augen weit auf und den Mund noch weiter und sah Uilenspiegel mit ängstlicher Unruhe an. Der antwortete: »Die wandernden Handwerker sind nicht reich.«

»Es kommt doch manchmal vor,« sagte der Baas, »daß sie nicht wissen, was sie alles haben.« Und auf Lamme zeigend: »Dieses gute Gesicht ist so viel wert wie zwei andere. Was wird den Herrschaften angenehm sein zu essen und zu trinken? Ein Eierkuchen mit fettem Schinken, Soezels – sie sind von heute – Kastanien, ein Kapaun, der auf der Zunge zerschmilzt, ein guter Rostbraten mit einer Tunke mit viererlei Gewürzen, Dobbelen Knol von Antwerpen, Dobbele Kuite von Brügge, Wein von Löwen nach Burgunderart? Und ohne etwas zu bezahlen.«

»Bringt alles,« sagte Lamme.

Bald war der Tisch bestellt, und Uilenspiegel hatte seine Lust daran, dem armen Lamme zuzusehn, der sich, hungriger als je, über den Eierkuchen, die Soezels, den Kapaun, den Schinken und den Braten machte und den Dobbelen Knol, die Dobbele Kuite und den Löwenschen Wein nach Burgunderart maßweise in seinen Schlund goß. Als er nichts mehr hinunterbrachte, schnaufte er vor Behagen wie ein Walfisch und sah auf dem Tisch herum, ob sich nichts mehr für die Zähne finde. Und er knapperte die Krümchen der Kastanien.

Weder er noch Uilenspiegel hatte das hübsche Mäulchen gesehn, das immer wieder im Hofe erschien, um lächelnd durch die Scheiben zu blicken. Nachdem der Baas heißen Wein, gewürzt mit Zimt und Madeirazucker, gebracht hatte, fuhren sie fort zu trinken. Und sie sangen.

Um die Feierstunde fragte er sie, ob sie jeder auf ihr großes, schönes Zimmer hinaufgehn wollten. Uilenspiegel antwortete, daß ein kleines für sie beide genügen werde. Der Baas antwortete: »So eins habe ich nicht; ihr werdet jeder ein Zimmer bekommen wie für einen Prinzen, ohne Bezahlung.« Und wirklich führte er sie in reich eingerichtete und mit Teppichen belegte Zimmer. In dem Lammes war ein großes Bett. Uilenspiegel, der tüchtig getrunken hatte und vor Schlaf umfiel, hieß ihn sich niederlegen und tat sofort ebenso.

Am nächsten Tage trat er um die Mittagsstunde in das Zimmer Lammes, und er fand ihn schlafend und schnarchend. Neben ihm lag ein zierliches Täschchen voll Geld. Er öffnete es und sah, daß es Karlsgulden und Silberplappart waren. Er rüttelte Lamme, um ihn zu erwecken; der fuhr aus dem Schlafe, rieb sich die Augen, sah unruhig herum und sagte: »Meine Frau! Wo ist meine Frau?« Und er wies auf den leeren Platz an seiner Seite im Bette: »Eben erst war sie da.«

Dann sprang er aus dem Bette, sah von neuem überall herum, durchsuchte alle Ecken und Winkel des Zimmers, den Alkoven und die Schränke und sagte, mit dem Fuße stampfend: »Meine Frau! Wo ist meine Frau?« Auf den Lärm kam der Baas.

»Taugenichts,« sagte Lamme, indem er ihn bei der Gurgel packte, »wo ist meine Frau? Was hast du mit meiner Frau gemacht?«

»Du grober Mensch,« sagte der Baas, »deine Frau? Was für eine Frau? Du bist allein gekommen. Ich weiß von nichts.«

»Ha, er weiß nichts,« sagte Lamme, »er weiß nichts!« Und er durchstöberte von neuem alle Ecken und Winkel des Zimmers. »Ach! Sie war da, heute nacht, in meinem Bette, wie zu der schönen Zeit unserer Liebe. Ja. Wo bist du, Herzlieb?« Und er warf das Täschchen zur Erde.

»Dein Geld brauche ich nicht, sondern dich, deinen süßen Leib, dein gutes Herz, o meine Geliebte! O Himmelswonnen, ihr kehrt nicht wieder! Ich hatte mich schon gewöhnt gehabt, dich nicht mehr zu sehn und ohne Liebe zu leben, mein süßer Schatz. Und jetzt, wo du wieder bei mir gewesen bist, verläßt du mich. Aber ich will sterben. Ha! Meine Frau! Wo ist meine Frau?« Und er warf sich auf den Boden und weinte heiße Tränen. Plötzlich riß er die Tür auf und rannte durch die ganze Herberge und auf die Straße hinaus, im Hemde, und schrie: »Meine Frau! Wo ist meine Frau?« Aber er kam bald wieder zurück; denn die bösen Buben höhnten ihn und warfen Steine nach ihm.

Und Uilenspiegel zwang ihn, sich anzukleiden, und sagte zu ihm: »Sei nicht trostlos; du wirst sie wiedersehn, da du sie einmal gesehn hast. Sie liebt dich noch, weil sie wieder zu dir gekommen ist und weil es sicherlich sie ist, die das Essen und die Herrenzimmer bezahlt und dir das volle Täschchen da ins Bett gelegt hat. Die Asche sagt mir, daß eine Frau, die so handelt, nicht untreu ist. Weine nicht mehr und ziehn wir weiter zur Verteidigung des Landes der Väter.«

»Bleiben wir noch in Brügge,« sagte Lamme; »ich will die ganze Stadt ablaufen und werde sie finden.«

»Du wirst sie nicht finden,« sagte Uilenspiegel, »weil sie sich vor dir verbirgt.«

Lamme verlangte Aufklärungen vom Wirt, aber der wollte nichts sagen.

Und sie machten sich auf nach Damme.

 

Derweil sie ihren Weg verfolgten, sagte Uilenspiegel zu Lamme: »Warum sagst du mir nicht, wie du sie bei dir gefunden hast heute nacht und wie sie dich verlassen hat?«

»Mein Sohn,« antwortete Lamme, »du weißt, wie wir geschwelgt haben in Fleisch, Bier und Wein, und daß ich kaum einen Atem bekam, als wir schlafen gingen. Zur Beleuchtung hatte ich eine Wachskerze, wie ein großer Herr, und den Leuchter hatte ich auf eine Truhe gestellt; die Tür war halb offen geblieben, und die Truhe stand ganz nahe dabei. Unter dem Auskleiden betrachtete ich mein Bett liebevoll und schläfrig; plötzlich erlosch die Kerze. Ich hörte etwas wie einen Hauch und ein Geräusch von leichten Tritten in meinem Zimmer; da ich aber mehr schlaftrunken als ängstlich war, ließ ich mich wuchtig ins Bett fallen. Wie ich am Einschlafen war, sagte ein Stimme, ihre Stimme, o meine Frau, meine arme Frau! zu mir: ›Hast du gut gegessen. Lamme?‹ Und ihre Stimme war bei mir und ihr Gesicht auch und ihr süßer Körper.«

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