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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 143
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XXXVII

Es war zur Zeit der reifen Trauben, im Weinmonate, an seinem vierten Tage, wo in der Stadt zu Brügge nach dem Hochamte vom Niklasturme Säcke mit Nüssen ins Volk geworfen werden.

In der Nacht wurde Nele durch Schreie geweckt, die von der Straße kamen. Sie suchte Katelijne im Zimmer und fand sie nicht. Sie lief hinunter und öffnete die Tür; Katelijne trat ein und sagte: »Rette mich! Rette mich! Der Wolf! Der Wolf!« Und Nele hörte ein Heulen fern im Felde. Zitternd zündete sie alle Lampen, Kerzen und Lichter an.

»Was ist geschehn, Katelijne?« sagte sie und schloß sie in die Arme. Katelijne setzte sich wirren Blickes und sagte, die Kerzen betrachtend: »Das ist die Sonne, die verjagt die bösen Geister. Der Wolf, der Wolf heult im Felde.«

»Aber«, sagte Nele, »warum bist du aus dem Bette gestiegen, wo dir warm war, um dir in den feuchten Septembernächten das Fieber zu holen?« Und Katelijne sagte: »Hansken hat diese Nacht geschrien wie der Adler; ich habe die Tür geöffnet. Und er hat zu mir gesagt: ›Trink den Sehertrank‹, und ich habe getrunken. Hansken ist schön. Nehmt das Feuer weg. Dann hat er mich an den Kanal geführt und zu mir gesagt: ›Katelijne, ich werde dir die siebenhundert Karlsgulden zurückbringen; du wirst sie Uilenspiegel, dem Sohne Klaasens, geben. Da hast du zwei auf ein Kleid; bald wirst du tausend haben.‹ ›Tausend?‹ sagte ich; ›mein Geliebter, da werde ich also reich sein?‹ ›Du wirst sie haben,‹ sagte er; ›aber gibt es nicht in Damme Frauen oder Mädchen, die heute schon so reich sind, wie du sein wirst?‹ ›Ich weiß es nicht,‹ antwortete ich. Aber ich wollte ihre Namen nicht sagen aus Angst, er könnte sie lieben. Nun sagte er zu mir: ›Erkundige dich und sage mir ihre Namen, wann ich wiederkomme.‹

Die Luft war kalt, der Nebel glitt über die Wiesen, die dürren Zweiglein fielen von den Bäumen auf den Weg. Und der Mond blinkte, und auf dem Wasser des Kanals waren Feuer. Hansken sagte zu mir: ›Es ist die Nacht der Werwölfe; alle schuldigen Seelen verlassen die Hölle. Du mußt dreimal das Kreuzeszeichen mit der linken Hand machen und rufen: Salz! Salz! Salz!, weil das das Sinnbild der Unsterblichkeit ist; und sie werden dir nichts zuleide tun.‹ Und ich sagte: ›Ich tu, was du willst, Hansken, mein Liebster.‹ Er umarmte mich und sagte: ›Du bist meine Frau.‹ ›Ja,‹ sagte ich. Und bei seinem süßen Worte glitt eine himmlische Wonne wie ein Balsam über meinen Leib. Er kränzte mich mit Rosen und sagte zu mir: ›Du bist schön.‹ Und ich sagte zu ihm: ›Du bist auch schön, Hansken, mein Liebster, in deinen feinen Kleidern aus grünem Samt mit den goldenen Tressen, mit deiner langen Straußenfeder, die an deinem Hute flattert, und mit deinem Gesichte, so bleich wie die Brandung der Meereswogen. Und wenn dich die Mädchen von Damme sähen, sie liefen dir alle nach und bäten dich um dein Herz; aber du darfst es niemand schenken als mir, Hansken.‹ Er sagte: ›Trachte zu erfahren, wer die reichsten sind, ihr Vermögen soll für dich sein.‹ Dann ging er und ließ mich, nachdem er mir verboten hatte, ihm zu folgen.

Ich blieb dort und ließ die zwei Gulden in meiner Hand klingen, zitternd und starr vom Nebelfroste, als ich auf einmal einen Wolf vom Ufer aus die Böschung erklettern sah, und er hatte ein grünes Gesicht und sein weißes Fell war voll langen Schilfgrases. Ich schrie: Salz! Salz! Salz! und machte das Kreuzeszeichen, aber er schien davor keine Furcht zu haben. Und ich lief, was ich nur konnte; ich schrie und er heulte, und ich hörte das trockene Knarren seiner Zähne dicht hinter mir und einmal so nahe meiner Schulter, daß ich schon glaubte, nun packe er mich. Aber ich lief schneller als er. Zum größten Glücke begegnete ich an der Ecke der Reigerstraat dem Nachtwächter mit seiner Laterne. ›Der Wolf! Der Wolf!‹ schrie ich. ›Hab keine Angst,‹ sagte der Nachtwächter, ›ich will dich heimführen, verrückte Katelijne.‹ Und ich fühlte, daß seine Hand, die mich hielt, zitterte. Und er hatte ebenso Furcht.«

»Aber er hat wieder Mut gefaßt,« sagte Nele. »Hörst du ihn jetzt singen, wie er seine Stimme zieht: ›De klok is tien, tien slaat de klok!‹? Und er läßt seine Klapper rasseln.«

»Nehmt das Feuer weg,« sagte Katelijne; »der Kopf brennt. Komm zurück, Hansken, mein Liebster.«

Und Nele sah Katelijne an: und sie bat Unsere Frau, aus ihrem Kopfe das Feuer der Narrheit zu nehmen; und sie weinte über sie.

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