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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 142
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XXXVI

Seit längerer Zeit waren im Weichbilde von Damme und in der Umgebung etliche entsetzliche Verbrechen geschehn. Mädchen, Knaben, alte Männer, die, wie man wußte, mit einer Summe Geldes nach Brügge oder Gent oder in eine andere Stadt oder einen Flecken Flanderns gegangen waren, wurden tot aufgefunden, nackt wie die Würmer und im Nacken eine Bißwunde von so scharfen Zähnen, daß allen die Wirbelsäule gebrochen war. Die Ärzte und Bartscherer erklärten, daß diese Zähne die eines großen Wolfes seien; »zweifellos«, sagten sie, »sind nach dem Wolfe Räuber gekommen und haben die Opfer geplündert.« Ungeachtet aller Nachforschungen konnte niemand entdecken, wer die Räuber seien. Bald war der Wolf vergessen.

Mehrere angesehne Bürger, die sich mutig ohne Geleite auf eine Reise begeben hatten, verschwanden, ohne daß man erfahren hätte, was mit ihnen geschehn war, wenn nicht manchmal irgendein Bauer, der am Morgen zur Ackerarbeit ging, auf seinem Felde eine Wolfsfährte gefunden hätte; dann brachte sein Hund, der die Ackerkrume mit den Pfoten aufwühlte, einen armen Leichnam ans Tageslicht, der die Bisse von Wolfszähnen am Nacken oder unterm Ohr aufwies, manchmal auch am Beine, aber immer von rückwärts. Und stets war dort der Knochen gebrochen.

Dann lief wohl der erschrockene Bauer unverzüglich zum Vogt, um ihm zu berichten, und der kam mit dem Gerichtsschreiber, zwei Schöffen und zwei Wundärzten an den Ort, wo der Getötete lag. Sie untersuchten ihn genau und sorgfältig und stellten auch bisweilen, wenn das Gesicht noch nicht von den Würmern zerfressen war, seinen Stand, ja sogar seinen Namen und sein Geschlecht fest; und immer waren sie erstaunt, daß der Wolf, der doch aus Hunger tötet, den Leichnam sonst unversehrt gelassen hatte. Und die von Damme lebten in Entsetzen, und niemand getraute sich des Nachts ohne Geleit hinaus.

Nun geschah es, daß etliche wackere Soldaten auf die Suche nach dem Wolfe geschickt wurden mit dem Auftrage, Tag und Nacht in den Dünen dem Meere entlang zu spüren. Damals waren sie in der Nähe von Heist in den großen Dünen. Die Nacht war gekommen. Einer von ihnen wollte im Vertrauen auf seine Stärke die andern verlassen und allein, mit einer Arkebuse bewaffnet, auf die Suche gehn. Sie ließen ihn gewähren, beruhigt darüber, daß er, tapfer und wohlbewaffnet, wie er war, den Wolf töten würde, wenn sich der zu zeigen wagte.

Als ihr Gesell fort war, zündeten sie ein Feuer an, würfelten und ließen die Branntweinflasche umgehn. Und von Zeit zu Zeit riefen sie: »Also, Kamerad, komm zurück: der Wolf hat Angst; komm trinken!« Aber er antwortete nicht.

Plötzlich hörten sie einen mächtigen Schrei wie von einem Manne, der stirbt; sie liefen in der Richtung, woher der Schrei gekommen war, und riefen: »Halte dich wacker, wir kommen dir zu Hilfe.« Aber es dauerte lange, bevor sie ihren Kameraden fanden; denn die einen sagten, der Schrei sei aus der Niederung gekommen, die andern, von der höchsten Düne. Schließlich, nachdem sie Düne und Niederung gründlich mit ihren Laternen abgesucht hatten, fanden sie ihren Kameraden mit Bißwunden am Bein und am Arme, das Genick von rückwärts gebrochen wie bei den andern Opfern.

Auf dem Rücken liegend, hielt er sein Schwert in der gekrampften Hand; seine Arkebuse lag im Sande. Neben ihm lagen drei abgeschnittene Finger, nicht von ihm. Sie nahmen sie mit. Sein Schubsack war verschwunden. Sie luden den Leichnam ihres Gesellen, sein gutes Schwert und seine tüchtige Arkebuse auf ihre Schultern und trugen den Körper, traurig und ergrimmt, auf die Vogtei; dort übernahm ihn der Vogt gemeinsam mit dem Gerichtsschreiber, zwei Schöffen und zwei Wundärzten. Die abgeschnittenen Finger wurden untersucht, und der Befund ging dahin, daß sie die Finger eines Greises seien, der keinerlei Handarbeit verrichte; denn sie waren schmal, und die Nägel waren lang, wie bei den Männern vom Gerichte oder von der Kirche.

Am nächsten Tage gingen der Vogt, die Schöffen, der Schreiber, die Wundärzte und die Soldaten an den Ort, wo der arme Tote gebissen worden war, und sie sahen, daß von dort Blutspuren liefen bis zum Meere, wo sie sich verloren.

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