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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 141
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XXXV

In Harlebeke erneuerte Lamme seinen Vorrat an Oliekoekjes; siebenundzwanzig aß er und dreißig steckte er in seinen Korb. Uilenspiegel trug seine Käfige in der Hand. Gegen Abend kamen sie nach Courtrai und kehrten in der Biene ein, bei Gillis Vanden Ende, der auf den Triller der Lerche sofort zur Tür gekommen war.

Dort waren sie versorgt und aufgehoben. Der Wirt übergab Uilenspiegel, nachdem er die Briefe des Prinzen gesehn hatte, fünfzig Karlsgulden für den Prinzen und wollte weder für die Truthenne, die er ihnen vorsetzte, noch für den Klauwaart, der diese befeuchtete, eine Bezahlung annehmen. Auch warnte er Uilenspiegel vor den Spionen des Blutrates, die in Courtrai seien, und empfahl ihm, seine Zunge und die seines Gesellen im Zaume zu halten. »Wir werden uns daran halten,« sagten Uilenspiegel und Lamme. Und sie verließen das Wirtshaus.

Die sinkende Sonne vergoldete die Giebel der Häuser, die Vögel sangen unter den Linden, die Weiber klatschten auf der Schwelle ihrer Türen, die Kinder kugelten sich im Staube, und Uilenspiegel und Lamme strichen auf gut Glück durch die Straßen. Plötzlich sagte Lamme:

»Martin Vanden Ende, den ich gefragt habe, ob er nicht eine Frau, die der meinigen ähnlich sei, gesehn habe – ich habe ihm mein Herzlieb geschildert – hat mir gesagt, daß sich bei der Stevenijne im Regenbogen, an dem Brüggeschen Steinweg außerhalb der Stadt, allabendlich Frauen in großer Zahl versammeln. Ich gehe augenblicklich hin.«

»Ich werde dich alsbald dort treffen,« sagte Uilenspiegel. »Ich will die Stadt abgehn; wenn ich deiner Frau begegne, schicke ich sie dir sofort. Du weißt, daß dir der Baas empfohlen hat, zu schweigen, wenn dir deine Haut lieb ist.«

»Ich werde schweigen,« sagte Lamme.

Uilenspiegel schlenderte dahin; die Sonne sank, und der Abend brach rasch herein. Uilenspiegel kam in das Pierpotstraatje, in die Steintopfgasse. Dort hörte er liebliche Geigenklänge; als er dem Schalle nachging, sah er von weitem eine weiße Gestalt, die ihn lockte und ihn floh und immerfort Geige spielte. Und sie sang, wie ein Seraph, ein süßes, lindes Lied; sie blieb stehn, wandte sich um, lockte ihn und floh ihn immer. Aber Uilenspiegel lief schnell; schon war er bei ihr und wollte zu ihr sprechen, als sie ihm die von Benzoe duftende Hand auf den Mund legte: »Bist du ein Bauer oder ein Edelmann?«

»Ich bin Uilenspiegel.«

»Bist du reich?«

»Genug, um ein großes Vergnügen bezahlen zu können, nicht genug, um meine Seele loszukaufen.«

»Hast du kein Pferd, daß du zu Fuß gehst?«

»Ich habe einen Esel,« sagte Uilenspiegel, »aber ich habe ihn im Stalle gelassen.«

»Wieso bist du allein, ohne Freund, in einer fremden Stadt?«

»Weil sich mein Freund, geradeso wie ich, auf eigene Faust herumtreibt, reizende Neugierige.«

»Ich bin nicht neugierig,« sagte sie. »Ist er reich, dein Freund?«

»An Fett,« antwortete Uilenspiegel. »Bist du bald fertig mit dem Ausfragen?«

»Ich bin fertig,« sagte sie; »laß mich jetzt.«

»Dich lassen?« sagte er. »Ebensogut könnte man von Lamme, wann er Hunger hat, verlangen, er solle eine Schüssel Ammern lassen. Ich will dich aufessen.«

»Du hast mich noch nicht gesehn,« sagte sie. Eine Laterne, die sie plötzlich öffnete, bestrahlte hell ihr Gesicht.

»Du bist schön,« sagte Uilenspiegel. »Ha, die goldene Haut, die süßen Augen, der rote Mund, der reizende Körper! Alles wird mein sein!«

»Alles,« sagte sie.

Sie führte ihn zur Stevenijne, in den Regenboog an dem Brüggeschen Steinweg. Uilenspiegel sah dort eine große Menge Mädchen, die an den Armen Rädchen trugen von anderer Farbe als ihre Barchentkleider. Sein Mädchen trug ein Rädchen aus Silberstoff auf einem Kleide aus Goldstoff. Und alle andern betrachteten sie eifersüchtig. Beim Eintreten gab sie der Bazinne ein Zeichen, aber Uilenspiegel sah es nicht; sie setzten sich zu zweit nieder und tranken.

»Weißt du,« sagte sie, »daß, wer mich geliebt hat, für immer mein ist?«

»Duftendes Schätzchen,« sagte Uilenspiegel, »das wäre mir ein wonniges Schmausen, immerdar dein Fleisch zu genießen.«

Plötzlich bemerkte er in einem Winkel Lamme, der ein Tischchen mit einem Lichte, mit einem Schinken und mit einer Kanne Bier vor sich hatte und sich keinen Rat wußte, wie Schinken und Bier vor zwei Mädchen verteidigen, die durchaus mit ihm essen und trinken wollten. Als Lamme seinen Gesellen bemerkte, streckte er sich und sprang drei Fuß hoch in die Luft; er schrie: »Gott sei Dank, daß er mir meinen Freund Uilenspiegel wiedergibt! Zu trinken, Bazinne!«

Uilenspiegel zog seine Börse und sagte: »Zu trinken, bis nichts mehr drin ist!« Und er ließ seine Gulden klingen.

»Potzdautz!« rief Lamme, indem er ihm geschickt die Börse aus der Hand nahm, »ich bin es, der zahlt, und nicht du; diese Börse ist mein.« Uilenspiegel wollte sie ihm gewaltsam entreißen, aber Lamme hielt sie fest. Während sie miteinander darum rangen, raunte Lamme Uilenspiegel abgerissene Worte zu: »Horch ... Häscher hier ... vier ... in einer Kammer mit drei Mädchen ... Zwei draußen für dich, für mich ... Habe weggehn wollen ... verhindert ... Das Mädchen in Brokat eine Spionin ... eine Spionin die Stevenijne.«

Unter dem Ringen schrie Uilenspiegel, der aufmerksam lauschte: »Gib mir meine Börse wieder, Nichtsnutz!«

»Du bekommst sie nicht,« sagte Lamme. Und sie faßten sich am Hals und an den Schultern und wälzten sich auf dem Boden, während Lamme Uilenspiegel die Warnung erteilte.

Plötzlich trat der Baas von der Biene ein und hinter ihm sieben Männer, die ihm völlig unbekannt zu sein schienen. Er krähte wie der Hahn, und Uilenspiegel trillerte wie die Lerche. Als er Uilenspiegel und Lamme raufen sah, fragte er die Stevenijne: »Wer sind die zwei?«

Die Stevenijne antwortete: »Taugenichtse, die man lieber trennen sollte, als ihnen gestatten, hier einen solchen Heidenlärm zu verführen, bevor sie an den Galgen gehn.«

»Es soll sich nur einer getrauen, uns zu trennen,« sagte Uilenspiegel; »der muß die Fliesen fressen.«

»Ja, der muß die Fliesen fressen,« sagte Lamme.

»Der Baas kommt uns retten,« sagte Uilenspiegel Lamme ins Ohr. Der Baas, der hinter ihrem Gebaren ein Geheimnis vermutete, stürzte sich mit dem Kopf voran zwischen sie. Lamme flüsterte ihm ins Ohr: »Du uns retten? Wieso?« Der Baas zog Uilenspiegel scheinbar ernsthaft bei den Ohren und flüsterte ihm zu: »Sieben für dich ... starke Männer, Metzger... Ich gehe ... zu bekannt in der Stadt ... Wenn ich weg bin, is 't tijd van te beven den klinkaart ... Alles zusammenschlagen ...«

»Ja,« sagte Uilenspiegel, indem er ihn abschüttelte und ihm einen Fußtritt gab. Der Baas schlug zurück. Und Uilenspiegel sagte zu ihm: »Deine Patschen prasseln tüchtig nieder, du Wanst.«

»Wie Hagel,« sagte der Baas; und zugleich schnappte er Lamme die Börse aus der Hand und gab sie Uilenspiegel. »Da, Kerl,« sagte er, »zahl mir jetzt etwas zu trinken, weil du dein Eigentum wieder hast.«

»Du wirst zu trinken bekommen, schändlicher Taugenichts,« antwortete Uilenspiegel. »Wie frech er ist,« sagte die Stevenijne. »So wie du hübsch, mein Schätzchen,« antwortete Uilenspiegel.

Nun war die Stevenijne gut sechzig Jahre alt und hatte ein Gesicht wie eine Mispel, aber ganz gelb von galligem Zorne. Mitten drin war eine Nase wie der Schnabel eines Uhus. Ihre Augen waren die Augen eines lieblosen Geizigen. Zwei lange Hakenzähne ragten über die dünnen Lippen. Auf der linken Wange hatte sie ein großes Feuermal.

Die Mädchen verspotteten sie lachend und sagten: »Schätzchen, Schätzchen, gib ihm zu trinken.« – »Er wird dich umarmen.« – »Ist es schon lange her seit deiner ersten Liebesnacht?« – »Gib acht, Uilenspiegel, sie wird dich fressen.« – »Schau, ihre Augen, sie blinken, nicht vor Haß, nein, vor Liebe.« – »Man möchte sagen, sie wird dich zu Tode beißen.« – »Hab keine Angst; so tun alle verliebten Frauen.« – »Sie will nur dein Bestes.« – »Sieh, wie aufgeräumt sie ist.« Und wirklich lachte die Stevenijne und blinzelte Gillinen zu, der Dirne im Brokatgewande.

Der Baas trank aus, bezahlte und ging. Die sieben Metzger schnitten den Häschern und der Stevenijne Fratzen zum Zeichen des Einverständnisses. Einer von ihnen gab durch Gebärden zu verstehn, daß er Uilenspiegel für einen Dummkopf halte und ihn ordentlich hineinlegen wolle. Indem er höhnisch auf ihn die Zunge reckte, so daß es die Stevenijne sehn mußte, die lachend ihre Hakenzähne zeigte, sagte er ihm ins Ohr: »'t Is van te beven den klinkaart.« Dann mit ganz lauter Stimme, auf die Häscher weisend: »Lieber Reformierter, wir stehn alle zu dir; zahl uns zu trinken und zu essen.« Und die Stevenijne lachte vor Vergnügen und reckte auch die Zunge auf Uilenspiegel, wann er ihr den Rücken wandte. Und Gilline, die mit dem Brokatkleide, reckte ebenso ihre Zunge.

Und die Mädchen sagten leise: »Diese Spionin, die mit ihrer Schönheit mehr als siebenundzwanzig Reformierte zu grausamer Folter und zu noch grausamerm Tode geführt hat, diese Gilline ist außer sich vor Freude, wenn sie an die Belohnung für ihre Angeberei denkt – die ersten hundert Karlsgulden aus dem Nachlasse der Opfer; aber sie lacht nicht, wenn sie daran denkt, daß sie sie mit der Stevenijne teilen muß.«

Und alle, Häscher, Metzger und Mädchen, streckten die Zunge heraus, um sich über Uilenspiegel lustig zu machen. Und Lamme schwitzte dicke Tropfen und war rot vor Zorn wie ein Hahnenkamm; aber er wollte nicht sprechen.

»Zahl uns zu trinken und zu essen,« sagten die Metzger und die Häscher. »Bring uns also«, sagte Uilenspiegel, indem er von neuem seine Gulden klingen ließ, »bring uns, reizende Stevenijne, zu trinken und zu essen; und trinken wollen wir aus Klingegläsern.« Daraufhin lachten die Mädchen von neuem, und die Stevenijne fletschte ihre Hakenzähne. Doch ging sie in die Küche und in den Keller und brachte Schinken, Würste und Pfannkuchen und auch die Klingegläser, also genannt, weil sie Stiele haben und beim Anstoßen wie ein Glockenspiel klingen. Nun sagte Uilenspiegel: »Wer Hunger hat, der esse, wer Durst hat, der trinke!«

Die Häscher, die Mädchen, die Metzger, Gilline und die Stevenijne spendeten dieser Rede mit Händen und Füßen Beifall. Dann setzte sich jeder nach seinem Belieben, Uilenspiegel, Lamme und die sieben Metzger an den großen Ehrentisch, die Häscher und die Mädchen an zwei Tischchen. Und man trank, und man aß mit mächtigem Gemalme der Kinnbacken, sogar auch die zwei Häscher, die draußen gewesen waren und jetzt von ihren Kameraden geholt wurden, damit sie am Schlemmen teilnähmen. Und aus ihren Taschen guckten die Enden von Stricken und Ketten.

Nun zeigte die Stevenijne die Zunge und sagte grinsend: »Niemand kommt hinaus, bevor ich nicht bezahlt bin.« Und sie ging alle Türen schließen und steckte die Schlüssel in die Tasche.

Gilline hob das Glas: »Der Vogel ist im Käfig; trinken wir!«

Daraufhin sagten zwei Mädchen, Gena und Margot mit Namen, zu ihr: »Ist wieder einer da, den du in den Tod schicken willst, schlechtes Weib?«

»Ich weiß nicht,« sagte Gilline; »trinken wir!« Aber die drei Mädchen wollten nicht trinken mit ihr.

Und Gilline nahm ihre Geige und sang:

Beim hellen Klange der Geigen
Durchjauchze ich Nacht und Tag;
Ich bin der ganzen Welt eigen,
Wer mich nur kaufen mag!

Astarte macht meine Lenden
Zum Netze der Feuersnot;
Meine weißen Schultern verblenden,
Und mein schöner Leib ist Gott.

Heraus aus euern Taschen
Die Gulden all so blank:
Das rote Gold soll mir waschen
In Strömen die Füßchen schlank.

Ich bin gezeugt von der Schlange
Mit Eva in wilder Lust:
Und träumst du auch noch so bange,
Es erfüllt sich an meiner Brust.

Kalt bin ich oder glühend,
In üppigem Schmachten verliebt,
Bin lau, verzückt oder sprühend,
Mein Herr, wie dir es beliebt.

Ich verkaufe mein heimlichstes Sehnen,
Mein Herz und die Lippen rot,
Das Lachen, das Glück und die Tränen
Und, wenn du willst, auch den Tod!

Beim hellen Klange der Geigen
Durchjauchze ich Nacht und Tag;
Ich bin der ganzen Welt eigen,
Wer mich nur kaufen mag!

Und indem sie ihr Lied sang, war Gilline so schön, so süß und so lieblich, daß alle Männer, die Häscher, die Metzger, Lamme und Uilenspiegel, stummlächelnd dasaßen, hingerissen und verzückt von ihrem zauberischen Reize.

Plötzlich brach Gilline in ein Lachen aus, indem sie Uilenspiegel ansah: »So lockt man die Vögel in den Käfig!« Und ihr Zauber war gebrochen.

Uilenspiegel, Lamme und die Metzger sahen einander an. »Wohlan, bezahlt Ihr mich?« sagte die Stevenijne. »Bezahlt Ihr mich, Herr Uilenspiegel, der Ihr vom Prädikantenfleisch so gutes Fett abschöpft?«

Lamme wollte reden, aber Uilenspiegel winkte ihm zu schweigen und sagte zu der Stevenijne: »Wir bezahlen nicht vorher.«

»So werde ich mich aus deiner Hinterlassenschaft bezahlt machen,« sagte die Stevenijne.

»Die Geier leben von Leichen,« antwortete Uilenspiegel. »Ja,« sagte der eine Häscher, »die zwei haben das Geld der Prädikanten genommen, mehr als dreihundert Karlsgulden. Das ist ein hübscher Groschen für Gilline.« Die sang:

Such anderswo solch Sehnen,
Hier steht es zu deinem Gebot:
Die Freuden, Küsse und Tränen
Und, wenn du willst, auch der Tod.

Dann sagte sie kichernd: »Trinken wir!«

»Trinken wir,« sagten die Häscher.

»Potzdautz,« sagte die Stevenijne, »trinken wir! Die Türen sind verschlossen, die Fenster haben starke Balken: die Vögel sind im Käfig; trinken wir!«

»Trinken wir!« sagte Uilenspiegel.

»Trinken wir!« sagte Lamme.

»Trinken wir!« sagten die sieben.

»Trinken wir!« sagten die Häscher.

»Trinken wir!« sagte Gilline und ließ die Saiten klingen. »Ich bin schön; trinken wir! Ich fange den Erzengel Gabriel in dem Netze meiner Lieder!«

»Also Wein her,« sagte Uilenspiegel, »den besten Wein, um das Fest zu krönen; einen Tropfen flüssigen Feuers für jedes Härchen unserer vertrockneten Körper!«

»Trinken wir!« sagte Gilline; »noch zwanzig Gründlinge wie du, und die Hechte hören auf zu singen!«

Die Stevenijne brachte Wein. Alle saßen sie jetzt, schlemmend und demmend, die Häscher und Mädchen beieinander. Die sieben, die mit Uilenspiegel und Lamme saßen, warfen den Mädchen Schinken, Wurst, Kuchen und Flaschen hin, und die Mädchen fingen alles im Fluge auf, so, wie die Karpfen die Fliegen über dem Weiher schnappen. Und die Stevenijne fletschte lachend ihre Haken und wies auf Päckchen von Kerzen, fünf auf das Pfund, die über dem Schenktische hingen. Es waren die Kerzen der Mädchen. Und sie sagte zu Uilenspiegel: »Wann einer zum Scheiterhaufen geht, trägt er ein Talglicht; willst du einstweilen eins?«

»Trinken wir!« sagte Uilenspiegel. »Trinken wir!« sagten die sieben.

Gilline sagte: »Uilenspiegel hat glänzende Augen wie ein sterbender Schwan.«

»Wenn man sie den Schweinen zu fressen gäbe?« sagte die Stevenijne. »Da würden sie nicht fett davon,« sagte Uilenspiegel; »trinken wir!«

»Würde es dir ein Vergnügen machen,« sagte die Stevenijne, »wenn man dir auf dem Schafott die Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrte?«

»Sie könnte dann besser pfeifen; trinken wir!« entgegnete Uilenspiegel.

»Du sprächest weniger,« sagte die Stevenijne, »wenn du gehenkt wärest und dein Schätzchen käme dich ansehn.«

»Ja,« sagte Uilenspiegel, »aber ich würde mehr wiegen und dir auf deine liebliche Schnauze fallen; trinken wir!«

»Was würdest du sagen, wenn man dich stäupte und dir die Stirn und die Schulter brandmarkte?«

»Ich würde sagen,« antwortete Uilenspiegel, »daß man das Fleisch verwechselt hat und statt die Muttersau Stevenijne zu braten, den Eber Uilenspiegel hitzt; trinken wir!«

»Da dir von alledem nichts paßt,« sagte die Stevenijne, »wird man dich auf die Schiffe des Königs bringen und dich verurteilen, von vier Galeeren zerrissen zu werden.«

»Dann«, sagte Uilenspiegel, »werden die Haie meine vier Glieder haben, und du wirst essen, was sie nicht mögen; trinken wir!«

»Warum ißt du keine von diesen Kerzen?« sagte sie; »sie könnten dir in der Hölle zu deiner ewigen Verdammung leuchten.«

»Ich sehe gut genug,« sagte Uilenspiegel, »um deinen leuchtenden Rüssel zu sehn, du schlecht gebrühte Sau; trinken wir!«

Plötzlich klopfte er mit dem Fuße seines Glases auf den Tisch und ahmte mit den Händen leise das Geräusch nach, das der Polstermacher erregt, wenn er die Wolle einer Matratze auf einer Horde im Takte klopft; und er sagte: »'t Is van te beven den klinkaart.« Das ist in Flandern das Zeichen, daß die Zecher erbost sind und daß in den Häusern mit den roten Laternen alles kurz und klein geschlagen werden soll.

Uilenspiegel trank, ließ sein Glas auf dem Tische tanzen und sagte: »'t Is van te beven den klinkaart.« Und die sieben taten wie er.

Alle verhielten sich still: Gilline wurde bleich, und die Stevenijne war verdutzt. Die Häscher sagten: »Halten die sieben zu ihnen?« Aber die Metzger zwinkerten ihnen beruhigend zu und sagten ohne Unterlaß immer lauter mit Uilenspiegel: »'t Is van te beven den klinkaart, 't Is van te beven den klinkaart.« Die Stevenijne trank, um sich Mut zu machen.

Nun schlug Uilenspiegel mit der Faust auf den Tisch nach dem Takte des Matratzenklopfens, und die sieben taten wie er: Gläser, Krüge, Schüsseln, Kannen und Becher begannen einen langsamen Tanz, fielen um, zerbrachen und erhoben sich auf der einen Seite, um auf die andere zu fallen, und immer drohender, ernster, kriegerischer und eintöniger klang das »'t Is van te beven den klinkaart.«

»Ach,« sagte die Stevenijne, »sie wollen alles zusammenschlagen.« Und vor Angst fuhren ihr die zwei Haken noch weiter aus dem Munde.

Und das Blut wallte siedend auf vor Wut und Zorn in den Herzen der sieben, Lammes und Uilenspiegels. Und ohne ihren eintönigen, drohenden Gesang zu unterbrechen, nahmen alle, die am Tische Uilenspiegels waren, ihre Gläser, um sie im Takt auf dem Tisch zu zerschlagen, und sie ritten auf den Stühlen, und sie hatten die Messer blank gezogen. Und sie verführten einen solchen Lärm mit ihrem Singen, daß alle Scheiben im Hause zitterten. Dann machten sie wie eine Horde tollgewordener Teufel die Runde um den Saal und alle Tische und sangen ohne Unterlaß: »'t Is van te beven den klinkaart!«

Nun erhoben sich die Häscher, zitternd vor Furcht, und griffen um ihre Ketten und Stricke. Aber die Metzger, Uilenspiegel und Lamme versorgten die Messer, sprangen auf, packten die Stühle und rasten, sie wie Prügel schwingend, durch das Zimmer, indem sie Hiebe nach rechts und links austeilten, ohne jemand zu schonen als die Mädchen, sonst alles, Gerät, Fenster, Truhen, Geschirr, Kannen, Schüsseln, Gläser und Flaschen zusammenschlugen, die Häscher erbarmungslos prügelten und immerfort nach dem Takte des Matratzenklopfens sangen: »'t Is van te beven den klinkaart! 't Is van te beven den klinkaart!«, während Uilenspiegel die Stevenijne, der er nach einem Faustschlage übers Maul die Schlüssel aus der Tasche genommen hatte, zwang, ihre Kerzen zu essen.

Die schöne Gilline scharrte wie eine geängstigte Katze mit ihren Nägeln an den Türen, Verschlägen, Fenstern und Laden; da alle ihre Bemühungen, hinauszukommen, erfolglos blieben, kauerte sie sich, ganz bleich, in einen Winkel: ihr Blick war verstört, sie zeigte die Zähne, und sie hielt die Geige wie zum Schutze vor sich.

Die sieben und Lamme sagten zu den Mädchen: »Euch geschieht nichts«; und von ihnen unterstützt, fesselten sie die Häscher mit Ketten und Stricken. Und die zitterten in ihren Hosen und wagten keinen Widerstand, weil sie sicher waren, daß sie die Metzger, die der Baas von der Biene unter den stärksten auserwählt hatte, mit ihren Messern zerstückeln würden.

Bei jeder einzelnen Kerze, die Uilenspiegel die Stevenijne essen ließ, sagte er: »Die ist für das Henken – die für das Stäupen – die da für das Brandmarken – diese vierte für das Loch in meiner Zunge – diese zwei ausgezeichneten und sehr fetten für die Schiffe des Königs und das Vierteilen durch die Galeeren – die für dein Spionennest – die da für deine Dirne im Brokatkleide – und alle andern für mein Vergnügen.« Und die Mädchen lachten, als sie sahen, wie die Stevenijne ihre Kerzen, niesend vor Zorn, ausspeien wollte. Aber es war umsonst, weil sie den Mund zu voll hatte. Uilenspiegel, Lamme und die sieben hörten nicht auf, im Takte zu singen: »'t Is van te beven den klinkaart.«

Dann hörte Uilenspiegel auf und gab ihnen ein Zeichen, den Reim nur noch zu murmeln. Sie taten es, während er den Häschern und den Mädchen diese Ansprache hielt: »Wenn jemand von euch um Hilfe schreit, wird er unverzüglich getötet.«

»Getötet!« sagten die Metzger.

»Wir werden ruhig sein,« sagten die Mädchen; »tu uns nichts zuleide, Uilenspiegel.« Aber Gilline, die in ihrem Winkel kauerte, die Augen aus den Höhlen, die Zähne aus dem Munde, konnte nicht reden und preßte ihre Geige an sich.

Und die sieben murmelten immerfort im Takte: »'t Is van te beven den klinkaart!«

Die Stevenijne wies auf die Kerzen, die sie im Munde hatte, und machte ein Zeichen, daß auch sie schweigen wolle. Die Häscher versprachen es gleicherweise.

Uilenspiegel fuhr in seiner Rede fort: »Ihr seid hier in unserer Gewalt: die Nacht ist schwarz eingefallen; die Lys ist nahe, wo ihr leicht ertrinkt, wenn man euch hineinstößt. Die Tore von Courtrai sind geschlossen. Wenn die Nachtwächter den Lärm gehört haben, werden sie sich in ihrer Faulheit nicht darum kümmern, sondern denken, daß das gute Vlamen sind, die beim Zechen fröhlich singen zum Klange der Kannen und Flaschen. Verhaltet euch also ruhig vor euern Meistern.«

Dann sprach er zu den sieben: »Ihr zieht auf Petegem zu den Geusen?«

»Wir haben uns darauf vorbereitet auf die Zeitung von deiner Ankunft.«

»Von dort geht ihr an die See?«

»Ja,« sagten sie.

»Kennt ihr unter den Häschern einen oder zwei, die man freilassen könnte, damit sie uns dienten?«

»Zwei,« sagten sie, »Nikolaas und Joost; die haben niemals die armen Reformierten verfolgt.«

»Wir sind treu,« sagten Nikolaus und Joost.

Nun sagte Uilenspiegel: »Hier sind zwanzig Karlsgulden für euch zwei, zweimal mehr, als ihr an Schandlohn für die Angeberei erhalten hättet.« Im Augenblicke schrien die andern vier: »Zwanzig Gulden! Für zwanzig Gulden werden auch wir dem Prinzen dienen. Der König zahlt schlecht. Gib jedem von uns die Hälfte, und wir sagen dem Richter, was du willst.«

Die Metzger und Lamme murmelten dumpf: »'t Is van te beven den klinkaart! 't Is van te beven den klinkaart!«

»Damit ihr nicht zu viel sprechet,« sagte Uilenspiegel, »werden euch die sieben gefesselt bis nach Petegem zu den Geusen mitnehmen. Ihr bekommt zehn Gulden, wann ihr auf dem Meere seid; so werden wir sicher vor euch sein, bis euch dort die Feldküche treu erhalten wird bei Brot und Suppe. Wenn ihr wacker seid, sollt ihr euern Teil von der Beute bekommen. Wenn ihr versucht zu entfliehn, werdet ihr gehenkt. Wenn ihr entkommt, so daß ihr dem Stricke entrinnt, so verfallt ihr dem Messer.«

»Wir werden dem dienen, der uns bezahlt,« sagten sie.

»'t Is van te beven den klinkaart! 't Is van te beven den klintaart!« sagten Lamme und die sieben und schlugen mit Topfscherben und zerbrochenen Gläsern auf die Tische.

»Ebenso werdet ihr«, sagte Uilenspiegel, »Gilline, die Stevenijne und die drei Dirnen mitnehmen. Wenn eine ausreißen will, so werdet ihr sie in einen Sack nähen und in den Fluß werfen.«

»Er hat mich nicht getötet,« sagte Gilline, indem sie aus ihrem Winkel sprang und die Geige in der Luft schwenkte. Und sie sang:

Der Traum, er war so bange,
Der Traum in meiner Brust;
Ich bin gezeugt von der Schlange
Mit Eva in wilder Lust.

Die Stevenijne und die andern machten weinerliche Gesichter. »Fürchtet nichts. Schätzchen,« sagte Uilenspiegel, »ihr seid so lieblich und süß, daß man euch überall lieben, verzärteln und hätscheln wird. Von jeder Kriegsbeute sollt ihr euern Teil erhalten.«

»Mir wird man nichts geben,« heulte die Stevenijne, »weil ich alt bin.«

»Einen Groschen für den Tag, Krokodil,« sagte Uilenspiegel; »du wirst nämlich die Sklavin der vier hübschen Mädchen sein und ihnen die Röcke, Tücher und Hemden waschen.«

«Ich, mein Gott!« sagte sie. Uilenspiegel antwortete: »Du hast sie lange genug geknechtet, hast von dem Gewinne ihrer Körper gelebt und hast sie darben und hungern lassen. Du kannst wimmern und brällen, es bleibt so, wie ich gesagt habe.« Nun begannen die vier Mädchen zu lachen und die Stevenijne zu hänseln; sie zeigten ihr die Zunge und sagten: »An jede kommt einmal die Reihe in dieser Welt. Wer hätte das von der geizigen Stevenijne gesagt? Sie wird als Sklavin für uns arbeiten. Gesegnet sei der Herr Uilenspiegel!«

Uilenspiegel sagte zu den Metzgern und Lamme: »Leert die Weinkeller und nehmt das Geld; es soll zum Unterhalt der Stevenijne und der vier Mädchen dienen.«

»Sie knirscht mit den Zähnen, die geizige Stevenijne,« sagten die Mädchen. »Du warst hart, man ist es ebenso mit dir. Gesegnet sei der Herr Uilenspiegel!« Dann wandten sich die drei zu Gilline: »Du warst ihre Tochter, ihr Brotverdienst, mit ihr hast du den Lohn deiner schändlichen Angeberei geteilt. Wirst du es jetzt noch wagen, uns zu schlagen und zu beschimpfen, du mit deinem Brokatkleide? Du hast uns verhöhnt, weil wir nichts andres zum Anziehen hatten als Barchent. Von nichts sonst stammt dein reiches Kleid als von dem Blute der Opfer. Nehmen wir ihrs weg, damit sie uns gleich sei.«

»Das erlaube ich nicht,« sagte Uilenspiegel. Und Gilline sprang ihm an den Hals: »Gesegnet seist du, daß du mich nicht getötet hast und nicht willst, daß ich häßlich sei!« Und die eifersüchtigen Mädchen sahen Uilenspiegel an und sagten: »Er ist vernarrt in sie, wie alle.«

Gilline sang zu ihrer Geige.

Die sieben machten sich gegen Petegem auf und führten die Häscher und die Mädchen der Lys entlang mit. Und unter dem Wandern murmelten sie: »'t Is van te beven den klinkaart! 't Is van te beven den klinkaart!«

Beim Tagesgrauen kamen sie zum Lager; sie trillerten wie die Lerche, und das Geschmetter des Hahns antwortete ihnen. Die Mädchen und die Häscher wurden unter eine scharfe Bewachung gestellt. Trotzdem wurde am dritten Tage zu Mittag Gilline tot gefunden, das Herz durchbohrt von einer langen Nadel. Die Stevenijne wurde von den drei Mädchen der Tat beschuldigt und wurde vor das Gericht geführt, zu dem der Hauptmann, seine Rottmeister und seine Korporale zusammengetreten waren. Ohne daß es der Folter bedurft hätte, gestand sie, sie habe Gilline aus Eifersucht auf ihre Schönheit getötet und aus Wut, weil sie von der Dirne erbarmungslos als Sklavin behandelt worden sei.

Und die Stevenijne wurde gehenkt und im Busch begraben.

Auch Gilline wurde begraben, und man sprach die Totengebete über ihrem lieblichen Körper.

Inzwischen waren die zwei Häscher, denen Uilenspiegel ihr Verhalten eingeschärft hatte, vor dem Kastellan von Courtrai erschienen; denn die Plünderung und die lärmenden Ausschreitungen, die im Hause der Stevenijne geschehn waren, hätten von diesem Kastellan bestraft werden sollen, weil das Haus der Stevenijne in der Kastellanei lag, außerhalb der Gerichtsbarkeit der Stadt Courtrai. Nachdem sie dem Herrn Kastellan berichtet hatten, was vorgefallen war, sagten sie mit ernster Festigkeit und mit schlichter Einfachheit der Sprache: »Die Mörder der Prädikanten sind auf keinen Fall Uilenspiegel und sein Herzbruder Lamme Goedzak, die in den Regenbogen nur der Unterhaltung halber gekommen sind. Sie haben sogar Pässe vom Herzog, die wir gesehn haben. Die wirklich Schuldigen sind zwei Kaufleute aus Gent, der eine mager, der andere sehr dick, und die sind nach Frankreich entflohen, nachdem sie bei der Stevenijne alles in Stücke geschlagen haben; die haben sie samt den vier Mädchen zu ihrer Ergötzung mitgenommen. Wir hätten sie schon dingfest gemacht, wenn nicht sieben Metzger, die dort waren, lauter baumstarke Männer, ihre Partei ergriffen hätten. Sie haben uns alle gefesselt und haben uns nicht früher losgelassen, als bis sie weit genug auf französischem Boden waren. Da sieht man noch die Striemen von den Stricken. Die andern vier sind ihnen auf den Fersen und warten noch auf eine Verstärkung, um Hand an sie zu legen.«

Der Kastellan gab ihnen jedem zwei Karlsgulden und ein neues Kleid für ihre pflichteifrigen Dienste. In der Folge schrieb er an den Rat von Flandern, an die Schöffenkammer von Courtrai und an andere Gerichtshöfe, daß die wirklichen Mörder entdeckt seien. Und er berichtete ihnen alle Einzelheiten der Geschichte des langen und breiten. Darüber entsetzten sich die vom Rate von Flandern und von den andern Gerichtshöfen. Und der Kastellan erntete großes Lob für seine Scharfsichtigkeit.

Und Uilenspiegel und Lamme wanderten friedlich auf der Straße, die von Petegem der Lys entlang nach Gent führt, in dem Verlangen, Brügge zu erreichen, wo Lamme seine Frau zu finden hoffte, und Damme, wo Uilenspiegel, der ganz versonnen war, schon längst hätte sein wollen, um Nele wiederzusehn, die traurig bei Katelijne, der Verrückten, lebte.

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