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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 140
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XXXIV

Als sie an dem Busche von Petegem vorbeizogen, sagte Lamme zu Uilenspiegel: »Ich brate, suchen wir den Schatten auf.«

»Suchen wir ihn auf,« antwortete Uilenspiegel.

Sie setzten sich im Wald ins Gras und sahen ein Rudel Hirsche vorbeikommen. »Gib gut acht, Lamme,« sagte Uilenspiegel, indem er seine deutsche Arkebuse lud. »Sieh die großen alten Hirsche, die noch ihre Geilen haben und ihr achtzehnendiges Geweih kühnlich tragen; sieh die hübschen Spießer, ihre Knappen, die ihnen zur Seite traben, stets bereit, ihnen mit ihrem scharfendigen Gestänge zu dienen. Sie gehn zu ihrem Lagerplatze. Dreh das Rad der Arkebuse, wie ich es tu. Schieß. Der alte Hirsch ist verwundet. Ein Spießer ist am Schenkel getroffen; er flieht. Folgen wir ihm, bis er fällt. Tu wie ich, lauf, spring und flieg.«

»Da sieht man meinen närrischen Freund,« sagte Lamme; »hinter laufenden Hirschen ist er her. Flieg nicht ohne Flügel, es ist verlorene Müh. Du erwischst sie nicht. Ach, der grausame Gesell! Glaubst du, ich bin so behend wie du? Ich schwitze, mein Sohn; ich schwitze, und werde sofort daliegen. Wenn dich der Förster ertappt, wirst du gehenkt. Hirsche sind Königswild; laß sie laufen, mein Sohn, du erwischst sie nicht.«

»Komm,« sagte Uilenspiegel. »Hörst du, wie sein Gestänge die Äste knackt? Wie der Wind saust er dahin. Siehst du, wie die jungen Zweige gebrochen sind, wie das Laub den Boden bedeckt? So, nun hat er noch eine Kugel im Schenkel; wir werden ihn essen.«

»Er ist noch nicht gebraten,« sagte Lamme. »Laß die armen Tiere laufen. Ach, wie heiß ist mir! Sicherlich falle ich und stehe nicht wieder auf.«

Plötzlich füllte sich der Forst von allen Seiten mit zerlumpten und bewaffneten Männern. Ihre Hunde bellten und warfen sich auf die Fährte der Hirsche. Vier Männer mit wilden Gesichtern umringten Lamme und Uilenspiegel und führten sie auf eine Lichtung mitten im Gestrüppe; dort sahen sie in einem Lager von Frauen und Kindern zahlreiche Männer, verschiedentlich bewaffnet mit Schwertern, Armbrüsten, Arkebusen, Lanzen, Spießen und Reiterpistolen. Als sie Uilenspiegel sah, sagte er zu ihnen: »Seid ihr Buschklepper oder Waldbrüder, daß ihr hier, wie es scheint, in Gemeinschaft lebt, um der Verfolgung zu entgehn?«

»Wir sind Waldbrüder,« antwortete ein Greis, der beim Feuer saß und ein paar Vögel in einer Pfanne schmorte. »Aber wer bist du?«

»Ich bin«, antwortete Uilenspiegel, »aus dem schönen Lande Flandern, Maler, Bauer, Edelmann, Bildner, alles miteinander. Und ich wandere also durch die Welt, preisend das Schöne und Gute, über die Dummheit spottend mit vollem Munde.«

»Wenn du so viele Länder gesehn hast,« sagte der alte Mann, »mußt du Schild ende Vriend, Schild und Freund, so aussprechen können, wie die von Gent; sonst bist du ein falscher Vlame und mußt sterben.« Uilenspiegel sprach es aus: »Schild ende Vriend.«

»Und du, Schmerbauch,« fragte der alte Mann Lamme, »was ist dein Geschäft?« Lamme antwortete: »Zu verzehren, was ich habe, Ländereien, Pachtgüter, Meierhöfe und Einkünfte, meine Frau zu suchen und meinem Freund Uilenspiegel allerorten zu folgen.«

»Wenn du so weit gereist bist,« sagte der alte Mann, »so ist dir sicherlich nicht unbekannt, wie die von Weert in Limburg genannt werden?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete Lamme; »aber könnt Ihr mit nicht den Namen des nichtsnutzigen Schuftes sagen, der mir meine Frau von daheim vertrieben hat? Gebt ihn mir, ich bringe ihn auf der Stelle um.«

Der alte Mann antwortete: »Zwei Dinge gibts auf der Welt, die nimmer wiederkommen, wenn sie gegangen sind: das Geld, das ausgegeben ist, und eine verdrossene Frau, die entflogen ist.« Dann sagte er zu Uilenspiegel: »Weißt du, wie die von Weert in Limburg genannt werden?«

»Die Rogstekers, die Rochenbeschwörer,« antwortete Uilenspiegel. »Eines Tages war nämlich ein lebendiger Roche von dem Karren eines Fischers heruntergefallen, und die alten Weiber, die seine Sprünge sahen, hielten ihn für den Teufel; sie sagten: ›Gehn wir zum Pfarrer, damit er den Rochen beschwöre.‹ Der Pfarrer beschwor ihn, schleppte ihn weg und briet ihn zu Ehren derer von Weert. Also mache es Gott mit dem Blutkönig.«

Inzwischen hallte das Kläffen der Hunde im Forste wider. Bewaffnete Männer durchliefen den Busch und schrien, um das Wild zu schrecken. »Es ist der Hirsch und der Spießer, die ich angeschossen habe,« sagte Uilenspiegel. »Wir werden sie verspeisen,« sagte der alte Mann. »Aber wie heißen die von Eindhoven in Limburg?«

»Die Pinnemakers, die Riegelmacher,« antwortete Uilenspiegel. »Als einmal der Feind vor dem Stadttor war, verriegelten sie es mit einer Möhre; nun hackten die Gänse mit gierigem Schnabel in die Möhre und fraßen sie, und der Feind drang in Eindhoven ein. Das aber werden Eisenschnäbel sein, die die Riegel der Gefängnisse, wo man das freie Gewissen einsperren will, fressen werden.«

»Wenn Gott mit uns ist, wer wird wider uns sein?« antwortete der alte Mann.

Uilenspiegel sagte: »Hundegebell, Menschengebrüll und Ästegekrach: es ist ein Wetter im Forste.«

»Ist das ein gutes Fleisch, das Hirschfleisch?« fragte Lamme, indem er die dampfenden Gerichte betrachtete. »Die Schreie der Hetzer nähern sich,« sagte Uilenspiegel zu Lamme; »die Hunde sind ganz nahe. Was für ein Donner! Der Hirsch! Der Hirsch! Gib acht, mein Sohn! Pfui über das häßliche Tier, jetzt hat es meinen dicken Freund umgerannt, mitten unter die Pfannen, Pfännchen, Kessel, Töpfe und Fleischbrocken. Die Frauen und Mädchen laufen davon, verrückt vor Schrecken. Du blutest, mein Sohn?«

»Du lachst, Taugenichts,« sagte Lamme. »Ja, ich blute, er ist mir mit seinem Geweih ins Sitzfleisch gefahren. Da, schau, meine Hosen sind zerfetzt, das Fleisch auch, und das ganze schöne Essen liegt auf der Erde. Ich verliere mein ganzes Blut in die Hosen.«

»Der Hirsch ist ein vorsichtiger Arzt; er rettet dich vor dem Schlagflusse,« antwortete Uilenspiegel.

»Pfui über dich herzlosen Taugenichts,« sagte Lamme. »Aber ich gehe nicht mehr mit dir. Ich bleibe hier bei diesen wackern Männern und wackern Frauen. Kannst du, ohne dich zu schämen, so hart sein bei meiner Kümmernis, wo ich dir auf den Fersen folge wie ein Hund, durch Schnee, Frost, Regen, Hagel und Wind, und mir, wann es heiß ist, die Seele aus der Haut schwitze?«

»Deine Verwundung ist ja nichts. Leg ein Oliekoekje auf, das wird ein Backpflaster sein. Aber weißt du, wie man die von Löwen nennt? Du weißt es nicht, armer Freund. Gut, ich will dirs sagen, damit du zu wimmern aufhörst. Man nennt sie Koelienschieters, Küheschießer, weil sie eines Tages albern genug waren, auf Kühe zu schießen, die sie für feindliche Soldaten hielten. Was uns betrifft, wir schießen auf die spanischen Böcke: das Fleisch ist zwar stinkend, aber die Haut taugt zu Trommelfellen. Und die von Thienen? Du weißt es? Auch nicht? Sie tragen den glorreichen Beinamen Kwekkers; denn bei ihnen fliegt am Pfingsttag in der großen Kirche eine Ente vom Chore auf den Altar, und das ist das Bild ihres Heiligen Geistes. Leg einen Heetekoek auf deine Wunde. Du hebst, ohne ein Wort zu sagen, alles auf, was der Hirsch umgeworfen hat, die Kessel samt dem Fleische. Das ist der Mut der Küche. Du zündest das Feuer wieder an, du stellst den Suppenkessel wieder auf seinen Dreifuß und nimmst dich mit ehrlichem Eifer ums Kochen an. Weißt du, wieso in Löwen vier Wunder sind? Nein. Ich will dirs sagen. Erstens, weil die Lebenden unter den Toten gehn; die Michaeliskirche steht nämlich unten beim Stadttor, und ihr Friedhof ist daher oben auf dem Walle. Zweitens, weil die Glocken außerhalb der Türme sind, wie man bei der Jakobskirche beobachten kann, wo es eine große Glocke und eine kleine Glocke gibt: die kleine hat man im Turme nicht mehr unterbringen können, hat sie daher außen angebracht. Drittens, wegen des Altars außerhalb der Kirche, weil die Vorderseite von St. Jakob einem Altar ähnelt. Viertens, wegen des Turmes ohne Nägel; denn die Spitze von St. Gertrud ist aus Stein statt aus Holz, und man nagelt die Steine nicht, ausgenommen das Herz des Blutkönigs, das ich am liebsten über das große Tor von Brüssel nageln möchte. Aber du hörst mich nicht. Ist kein Salz in den Tunken? Weißt du, warum die von Dendermonde Wärmpfannen heißen, Vierpannen? Dort hat einmal im Winter ein junger Prinz in dem Gasthaus zum Wappen von Flandern übernachtet, und der Wirt wußte nicht, wie die Bettücher wärmen, weil er keine Pfanne hatte; endlich ließ er das Bett durch seine junge Tochter wärmen. Als die den Prinzen kommen hörte, entfloh sie in hellem Laufe, und der Prinz fragte, warum man ihm die Wärmpfanne nicht gelassen habe. Gott gebe es; daß Philipp, eingeschlossen in eine Kapsel aus rotem Eisen, als Wärmpfanne diene für das Bett der Frau Astarte.«

»Laß mich in Ruhe,« sagte Lamme; »ich schere mich den Kuckuck um dich, die Vierpannen, den Turm ohne Nägel und den andern Krimskram. Laß mich bei meinen Tunken.«

»Gib acht,« sagte Uilenspiegel, »das Gekläff hallt noch immer – es wird stärker – die Hunde heulen – das Horn schmettert. Gib acht auf den Hirsch. Du reißt aus. Das Horn schmettert.«

»Das ist das Jägerrecht,« sagte der alte Mann. »Komm zurück, Lamme, zu deinem Kochen; der Hirsch ist tot.«

»Das wird uns ein gutes Mahl sein,« sagte Lamme. »Ihr werdet mich doch zum Schmause einladen zum Dank für die Mühe, die ich mir um euch gebe. Die Tunke der Wachteln wird gut sein, wenn sie auch ein wenig prasselt; das kommt aber daher, weil sie in den Sand gefallen sind, als mir der große Teufel von einem Hirsch das Wams samt dem Fleisch zerfetzt hat. Aber habt ihr keine Angst vor den Förstern?«

»Wir sind zu zahlreich,« sagte der alte Mann; »sie haben Furcht und beunruhigen uns nicht. Ebenso ist es mit den Häschern und den Richtern. Die Bewohner der Ortschaften haben uns gern, weil wir ihnen nichts zuleide tun. Wir werden noch eine Zeit in Frieden leben, wenigstens so lang, bis uns das spanische Heer umzingelt. Wenn das geschieht, so werden wir alle, alte und junge Männer, Frauen, Mädchen und Kinder, unser Leben teuer verkaufen und lieber einander töten, als unter der Hand des Blutherzogs tausend Martern zu erleiden.«

Uilenspiegel sagte: »Jetzt hat es keinen Sinn mehr, den Henker zu Lande zu bekämpfen; es ist das Meer, wo seine Kraft gebrochen werden muß. Zieht über Brügge, Heist und Knokke gegen die Inseln von Seeland.«

»Wir haben kein Geld,« sagten sie.

Uilenspiegel antwortete: »Da sind tausend Karlsgulden vom Prinzen. Haltet euch an die Wasserläufe, Kanäle, Flüsse und Ströme. Wenn ihr Schiffe seht, die das Zeichen J-H-S tragen, sott einer von euch trillern wie die Leiche; das Geschmetter des Hahns wird ihm antworten. Und ihr werdet bei Freunden sein.«

»Wir werden es tun,« sagten sie.

Bald erschienen die Jäger, begleitet von ihren Hunden; sie zogen den toten Hirsch an Stricken nach.

Nun setzten sich alle rund ums Feuer. Es waren gut ihrer sechzig, Männer, Weiber und Kinder. Das Brot wurde aus der Tasche gezogen, die Messer aus den Scheiden; der Hirsch wurde zerstückelt, abgedeckt, ausgeweidet und zugleich mit kleinerm Wildbret an den Spieß gesteckt. Als das Essen zu Ende war, sah man Lamme, mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt und den Kopf auf der Brust, schnarchend schlafen.

Als der Abend einfiel, zogen sich die Waldbrüder in ihre Schlupfwinkel unter der Erde zurück, um zu schlafen; ebenso taten Lamme und Uilenspiegel. Bewaffnete Männer bewachten das Lager; und Uilenspiegel hörte das trockene Laub unter ihren Füßen rascheln.

Am Morgen brach er mit Lamme auf, und die im Lager sagten zu ihm: »Gesegnet seist du, wir ziehen an die See.«

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