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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 138
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XXXII

Eines Tages kam das Mädchen, in Tränen aufgelöst, und sagte zu Lamme und Uilenspiegel:

»Spelle läßt die Mörder und Diebe in Meulestede für Geld entwischen. In den Tod schickt er die Unschuldigen. Unter diesen ist mein Bruder Michielken. Ach, laßt es mich euch sagen: wenn ihr Männer seid, so werdet ihr ihn rächen. Ein gemeiner und schamloser Bock, Pieter de Roose, ein gewohnheitsmäßiger Schänder von Kindern und Mädchen, hat alles auf dem Gewissen. Ach! Mein armer Bruder Michielken und Pieter de Roose haben sich eines Abends, zwar nicht an demselben Tische, aber in demselben Wirtshaus, im Falken, getroffen, wo Pieter de Roose von jedermann gemieden wurde wie die Pest. Mein Bruder, der nicht mit ihm in dem nämlichen Zimmer sein wollte, hat ihn einen widernatürlichen Lüstling genannt und ihm befohlen, sich aus dem Zimmer zu packen. Pieter de Roose hat geantwortet: ›Der Bruder einer gemeinen Dirne darf sich nicht aufs hohe Roß setzen.‹ Er hat gelogen; denn ich bin nicht gemein, sondern ich schenke mich nur dem, der mir gefällt. Nun hat ihm Michielken seine Bierkanne an die Nase geschleudert und ihm erklärt, er habe gelogen als ein stinkender Bock, der er sei, und hat ihm gedroht, er werde ihn seine Faust bis zum Ellbogen schlucken lassen, wenn er sich nicht sofort aus dem Staube mache. Der andere hat nicht still sein wollen, aber Michielken hat getan nach seinen Worten: er hat ihm zwei ordentliche Hiebe in die Kinnlade gegeben und ihn bei den Zähnen, womit er biß, bis auf die Straße gezogen; dort hat er ihn erbarmungslos im Blute liegen lassen.

Als Pieter de Roose geheilt war, ging er, weil er nicht einsam leben mochte, in das Vagevier, ein wahres Fegefeuer und elendes Wirtshaus, wo niemand sonst hinkommt als arme Leute. Auch dort ließ man ihn allein, sogar all die Lumpen. Und niemand sprach mit ihm, höchstens ein paar Bauern, die ihn nicht kannten, und etliche landstreichende Gauner oder weggelaufene Soldaten. Selbst dort wurde er zu mehrern Malen geprügelt, weil er ein Nörgler war.

Als der Profoß Spelle mit zwei Häschern nach Meulestede gekommen ist, hat sich Pieter de Roose wie ein Hund an sie herangemacht und hat ihnen Wein und Fleisch bezahlt und manch andres Vergnügen, das man um Geld kauft. So ist er ihr Gesell und Kamerad geworden und nahm nun all seine Schlechtigkeit zu Hilfe, um die zu verderben, die er verabscheute: und das waren alle Einwohner von Meulestede, aber sonderlich mein armer Bruder.

Mit Michielken hat er angefangen. Falsche Zeugen, geldgierige Galgenvögel, haben erklärt, daß Michielken ein Ketzer sei, daß er im Wirtshaus zum Falken über Unsere Frau schändliche Reden geführt und manchmal den Namen Gottes und der Heiligen gelästert habe und daß er überdies gut dreihundert Gulden in einer Truhe verwahre.

Ungeachtet daß die Zeugen keineswegs von einwandfreiem Lebenswandel waren, ist Michielken gegriffen worden; Spelle und seine Häscher haben die Verdachtsgründe für genügend befunden, um den Angeklagten der Folter zu unterwerfen. Michielken wurde mit den Armen an einen an der Decke angebrachten Kloben gehängt, und an jedem Fuße befestigte man ihm ein Gewicht von fünfzig Pfund. Er leugnete alles und sagte, wenn es in Meulestede einen Schurken, Sodomiten, Lästerer und Wüstling gebe, so sei das Pieter de Roose und nicht er. Aber Spelle wollte nichts hören und befahl seinen Häschern, Michielken bis zur Decke emporzuziehen und ihn mit Wucht herunterfallen zu lassen samt den Gewichten an den Füßen. Das taten sie und so grausam, daß ihm die Haut und die Muskeln der Knöchel rissen und die Füße kaum noch an den Beinen hafteten. Michielken blieb bei seiner Beteuerung, er sei unschuldig; Spelle ließ ihn von neuem foltern, gab ihm aber dabei zu verstehn, er werde ihn frei und ledig lassen, wenn er ihm hundert Gulden zahle. Michielken sagte, lieber wolle er sterben.

Als die von Meulestede von der Gefangennahme und der Folter hörten, boten sie das Haufenzeugnis an, das alle unbescholtenen Einwohner einer Gemeinde ablegen. Einstimmig sagten sie, Michielken sei in keiner Weise ein Ketzer und gehe alle Sonntage zur Messe und an den großen Festen zum Tische des Herrn, er habe den Namen Unserer Frau niemals in den Mund genommen, außer um bei schwierigen Umständen ihre Hilfe zu erbitten, und es sei ganz ausgeschlossen, daß er über die himmlische Mutter Gottes jemals garstig gesprochen hätte, wo er so etwas nicht einmal über eine irdische Frau getan habe; was die Lästerungen betreffe, die die falschen Zeugen im Falken gehört zu haben behaupteten, so sei das lauter Falsch und Lüge.

Michielken wurde freigelassen, die falschen Zeugen wurden bestraft, und Spelle zog Pieter de Roose vor sein Gericht; aber um hundert Gulden, die ihm sofort ausgezahlt wurden, entließ er ihn ohne Verhör und Folter.

Pieter de Roose ist aus Angst, das Geld, das ihm geblieben war, könnte neuerlich die Aufmerksamkeit Spelles auf ihn lenken, aus Meulestede entflohen, während Michielken, mein armer Bruder, an dem Brande gestorben ist, der seine Füße befallen hat.

Er, der mich nicht mehr hatte sehn wollen, hat mich doch vor seinem Tode gerufen, um mir zu sagen, ich solle mich hüten vor dem Feuer meines Leibes, das mich ins Höllenfeuer führen werde. Und ich habe nichts können als weinen; denn das Feuer ist in mir. Und er hat seine Seele in meinen Armen ausgehaucht.

Ach, der, der den Tod meines teuern, süßen Michielken an Spelle rächte, der wäre mein Herr für die Ewigkeit, und ich gehorchte ihm wie eine Hündin!«

 

Während sie sprach, schlug die Asche Klaasens an Uilenspiegels Brust. Und er beschloß, daß Spelle, der Mörder, hangen müsse.

Boelkin – so hieß das Mädchen – kehrte zurück nach Meulestede, wo sie sich nun in ihrem Häuschen vor der Rache Pieters de Roose sicher fühlte; denn ein Ochsentreiber, der durch Destelbergen gekommen war, hatte ihr erzählt, der Pfarrer und die Bürger hätten erklärt, daß sie Spelle vor den Herzog bringen würden, wenn er Michielkens Schwester antaste. Uilenspiegel, der ihr nach Meulestede gefolgt war, trat in ein niedriges Zimmer im Hause Michielkens. Dort sah er das Konterfei eines Pastetenbäckers; er aber vermutete, es sei das des Toten. Und Boelkin sagte zu ihm: »Das ist mein Bruder.«

Uilenspiegel nahm das Konterfei und sagte im Weggehn: »Spelle wird gehenkt!«

»Wie wirst du das ins Werk setzen?« sagte sie. »Wenn du es wüßtest,« sagte er, »hättest du kein Vergnügen daran, es geschehn zu sehn.« Boelkin schüttelte den Kopf und sagte mit trauriger Stimme: »Du hast kein Vertrauen zu mir.«

»Heißt dir das nicht«, sagte er, »ein außerordentliches Vertrauen bezeigen, wenn ich dir sage: ›Spelle wird gehenkt!‹? Mit dem einen Wort allein kannst du mich an den Galgen bringen, vor ihm.«

»Das ist wahr,« sagte sie. »Geh also«, sagte Uilenspiegel, »und hol mir guten Ton, eine Doppelkanne Braunbier, klares Wasser und ein paar Schnitten Rindfleisch. Aber bring es nicht durcheinander. Das Fleisch ist für mich, das Braunbier fürs Fleisch, das Wasser für den Ton und der Ton für das Konterfei.«

Unter dem Essen und Trinken knetete Uilenspiegel den Ton; mehrmals schluckte er auch ein Stückchen davon, aber er achtete es nicht und blickte das Bild Michielkens mit unverwandter Aufmerksamkeit an. Als der Ton geknetet war, machte er daraus eine Maske, deren Nase, Mund, Augen und Ohren dem Konterfei des Toten so ähnlich waren, daß Boelkin staunte. Dann legte er die Maske in den Ofen. Als sie trocken war, bemalte er sie mit der Farbe der Leichen; in die Augen legte er einen unheimlichen Blick und in das schmerzliche Gesicht die verschiedenen Zuckungen eines Sterbenden. Das Mädchen staunte nicht mehr, sondern betrachtete die Maske, ohne einen Blick davon verwenden zu können, verfärbte sich und erbleichte, bedeckte sich das Gesicht und sagte schaudernd: »Er ists, mein armes Michielken!« Und er verfertigte auch zwei blutige Füße.

Als sie den ersten Schrecken überwunden hatte, sagte sie: »Gebenedeit sei der, der den Mörder mordet.«

Uilenspiegel nahm die Maske und die Füße und sagte: »Ich brauche einen Helfer.« Boelkin antwortete: »Geh in die Blauwe Gans zu Joost Lansaem von Ypern, der das Wirtshaus hält. Er war der beste Kamerad und Freund meines Bruders. Sag ihm, daß dich Boelkin schickt.«

Uilenspiegel tat, was sie ihn hieß.

 

Wann der Profoß Spelle genug Todesarbeit getan hatte, ging er in den Valk, um dort heißen Dobbelen Klauwaart, gewürzt mit Zimt und Madeirazucker, zu trinken. Man getraute sich ihm in dieser Herberge nichts zu verweigern, aus Furcht vor dem Stricke. Pieter de Roose, der seinen Mut wiedergefunden hatte, war nach Meulestede zurückgekehrt. Überall folgte er Spelle und dessen Häschern, um sich durch sie beschützen zu lassen. Manchmal zahlte Spelle einen Trunk. Und lustig vertranken sie miteinander das Geld der Opfer.

Die Herberge zum Falken war nicht mehr so besucht wie in den schönen Tagen, wo das Dörfchen, dem Herrgott gut katholisch dienend, in Freuden gelebt hatte und noch niemand um der Religion willen verfolgt worden war. Jetzt war es wie in Trauer mit den zahlreichen leeren oder verschlossenen Häusern in den verlassenen Straßen, wo nur etliche magere Hunde herumstrichen, um im Mist ihre verfaulte Nahrung zu suchen.

Für niemand war mehr Platz in Meulestede als für die zwei Schurken. Die furchtsamen Bewohner des Dörfchens sahen sie bei Tag trotzig durch die Straßen ziehen, um die Häuser der zukünftigen Opfer zu bezeichnen und die Totenlisten festzustellen; und am Abend sahen sie sie, schmutzige Lieder singend, vom Falken heimkehren, während ihnen zwei so wie sie betrunkene Häscher, bis an die Zähne bewaffnet, als Schutzwache folgten.

 

Uilenspiegel ging in die Blauwe Gans zu Joost Lansaem, der an seinem Schenktische stand. Uilenspiegel zog ein Fläschchen Branntwein aus der Tasche und sagte zu ihm: »Boelkin hat davon zwei Faß zu verkaufen.«

»Komm in meine Küche,« sagte der Baas. Dort schloß er die Tür und sah ihn prüfend an: »Du bist kein Branntweinhändler; was bedeutet dein Augenzwinkern? Wer bist du?«

Uilenspiegel antwortete: »Ich bin der Sohn des Klaas, der in Damme verbrannt worden ist; die Asche des Toten schlägt an meine Brust: ich will Spelte töten, den Mörder.«

»Ist es Boelkin, die dich schickt?« fragte der Wirt. »Boelkin schickt mich,« antwortete Uilenspiegel. »Ich werde Spelle töten; du wirst mir helfen.«

»Ich will es,« sagte der Baas; »was heißt es tun?« Uilenspiegel antwortete: »Du gehst zum Pfarrer, zu dem guten Hirten, dem Feinde Spelles. Du versammelst deine Freunde und gehst mit ihnen morgen nach der Feierglocke in die Evergemische Straße, an Spelles Haus vorbei, und stellst dich mit ihnen zwischen dem Falken und dem Hause auf. Ihr werdet euch allesamt im Schatten halten und keine lichte Kleidung anhaben. Schlag zehn Uhr wirst du sehn, wie Spelle das Wirtshaus verläßt und wie von der andern Seite her ein Karren kommt. Benachrichtige deine Freunde noch nicht heute abend; sie schlafen zu nahe dem Ohr ihrer Frauen. Such sie erst morgen auf. Kommt, horcht auf alles und behaltet es wohl im Gedächtnis.«

»Wir werden alles behalten,« sagte Joost. Und er hob seinen Becher: »Ich trinke auf den Strick für Spelle.«

»Auf den Strick,« sagte Uilenspiegel. Dann trat er mit dem Baas ins Schenkzimmer zurück, wo einige Genter Trödler zechten, die vom Samstagsmarkte in Brügge zurückkamen; dort hatten sie um schweres Geld goldgestickte Mäntel und Wämser verkauft, die sie um ein paar Groschen von abgehausten Edelleuten eingehandelt hatten, welche durch ihren Aufwand den Spaniern hatten nachahmen wollen. Und nun schlemmten und demmten sie wegen des guten Geschäftes.

Uilenspiegel und Joost Lansaem saßen trinkend in einem Winkel; ohne gehört zu werden, besprachen sie sich, daß Joost vorerst zum Pfarrer gehn sollte, zu dem guten Hirten, der über Spelle, den Mörder der Unschuldigen, erbost war; dann erst sollte er seine Freunde aufsuchen.

Am nächsten Tage verließen Joost Lansaem und die von ihm verständigten Freunde Michielkens beim Klange der Feierglocke die Blauwe Gans, wo sie, wie gewöhnlich und um keinen Verdacht zu erregen, geschöppelt hatten; sie schlugen verschiedene Wege ein und kamen in die Evergemische Straße. Sie waren ihrer siebenzehn.

Um zehn Uhr ging Spelle aus dem Falken weg, hinter ihm seine beiden Häscher und Pieter de Roose. Lansaem und seine Leute waren in der Scheuer Samson Boones, eines Freundes Michielkens, versteckt. Das Tor der Scheuer war offen. Spelle sah sie nicht. Sie hörten ihn vorbeigehn, wackelnd vom Trunk ebenso wie Pieter de Roose und seine beiden Häscher; und er sagte mit teigichter Stimme, die oft durch Rülpser unterbrochen war: »Profoßen, Profoßen! Ihr Leben ist schön auf dieser Welt! Stützt mich, ihr Galgenvögel, die ihr von meinen Abfällen lebt.«

Plötzlich hörte man auf der Straße von der Seite des freien Feldes her das Brüllen eines Esels und das Klatschen einer Peitsche. »Aha,« sagte Spelle, »ein widerspenstiges Grauchen, das nicht vorwärts will trotz dieser hübschen Aufmunterung.«

Plötzlich hörte man starkes Rädergeknarre und die Sprünge eines Karrens, der die Straße herunterkam. »Haltet ihn auf!« schrie Spelle.

Als der Karren bei ihnen vorbeikam, warfen sich Spelle und seine zwei Häscher dem Esel in die Zügel. »Der Karren ist leer,« sagte der eine Häscher. »Dummkopf,« sagte Spelle, »seit wann laufen die leeren Karren in der Nacht herum, ganz allein? In dem Karren ist einer, der sich verbirgt; zündet die Laternen an, hebt sie, ich will nachsehn.« Die Laternen wurden angezündet, und Spelle stieg, die seinige in der Hand, auf den Karren; aber kaum hatte er einen Blick hineingetan, als er einen mächtigen Schrei ausstieß und nach rückwärts niederschlug: »Michielken! Michielken! Jesus, hab Erbarmen mit mir!«

Nun erhob sich im Karren ein Mann, weiß gekleidet wie die Pastetenbäcker, der in beiden Händen blutige Füße hielt.

Als Pieter de Roose den Mann sich erheben sah, beleuchtet von den Laternen, schrie er ebenso wie die beiden Häscher: »Michielken! Michielken, der Verstorbene! Herr, hab Erbarmen mit uns!«

Auf den Lärm kamen die siebenzehn herbei, um das Schauspiel zu betrachten; und sie waren entsetzt, beim Mondenschein zu sehn, wie ähnlich das Bild Michielkens, des armen Toten, war. Und das Gespenst bewegte die blutigen Füße. Es war ganz sein volles und rundes Gesicht, nur todesbleich, drohend, blau angelaufen und unter dem Kinn von den Würmern zerfressen. Und das Gespenst, das immerfort die blutigen Füße bewegte, sagte zu Spelle, der wimmernd auf dem Rücken lag: »Spelle, Profoß Spelle, steh auf!« Aber Spelle rührte sich nicht.

»Spelle,« sagte von neuem das Gespenst, »Profoß Spelle, steh auf, oder du mußt mit mir hinunter in den gähnenden Höllenschlund.«

Spelle erhob sich und schrie, die Haare vor Angst, gesträubt: »Michielken, Michielken! Hab Erbarmen!«

Die Bürger waren näher gekommen, aber Spelle sah nichts als die Laternen, die ihn Augen von Teufeln deuchten. So hat er später bekannt.

»Spelle,« sagte das Gespenst Michielkens, »bist du vorbereitet auf den Tod?«

»Nein,« antwortete der Profoß, »nein, Herr Michielken, ich bin nicht vorbereitet und will nicht vor Gott treten mit meiner sündenschwarzen Seele.«

»Du erkennst mich?« sagte das Gespenst.

»Gott sei mir gnädig,« antwortete Spelle; »ja, ich erkenne Euch: Ihr seid das Gespenst von Michielken, dem Pastetenbäcker, der unschuldig gestorben ist in seinem Bette an den Folgen der Folter, und die zwei blutigen Füße sind die, an deren jeden ich ein Gewicht von fünfzig Pfund habe hängen lassen. Ha, Michielken, verzeiht mir, dieser Pieter de Roose war der Verführer; er hat mir fünfzig Gulden geboten, damit ich Euern Namen in das Verzeichnis setze, und ich habe sie genommen.«

»Du willst beichten?« sagte das Gespenst.

»Ja, Herr, ich will beichten, alles sagen und Buße tun. Aber habt die Gnade, entfernt diese Teufel da, die mich verschlingen wollen. Ich will alles sagen. Nehmt diese Feueraugen weg! Ich habe dasselbe in Tournai getan mit fünf Bürgern; ebenso in Brügge mit vieren. Ich weiß ihre Namen nicht mehr, aber ich will sie Euch sagen, wenn Ihrs verlangt. Auch anderswo hab ich gesündigt, Herr, und mein Werk ists, daß neunundsechzig Unschuldige in der Grube liegen. Michielken, dem König hats an Geld gebrochen. Das hat man mich wissen lassen, aber auch mir hats daran gebrochen. Es ist in Gent, im Keller, unter den Fliesen, bei der alten Grovels, meiner rechten Mutter. Ich habe alles gesagt, alles, Gnade und Erbarmen! Nehmt die Teufel weg! Herr Gott, Jungfrau Maria, Jesus, sprecht für mich; entfernt die Höllenfeuer: ich will alles verkaufen und alles den Armen geben und Buße tun.«

Da Uilenspiegel sah, daß die Menge der Bürger bereit war, ihm zur Seite zu stehn, sprang er vom Wagen herab, Spelle an die Gurgel, und wollte ihn erwürgen. Aber der Pfarrer trat hinzu: »Laßt ihn leben; es ist besser, daß er durch den Strick des Henkers stirbt als unter den Fingern eines Gespenstes.«

»Was wollt Ihr mit ihm tun?« fragte Uilenspiegel. »Ihn vor dem Herzog anklagen und ihn henken lassen,« antwortete der Pfarrer. »Aber wer bist du?«

»Ich bin«, antwortete Uilenspiegel, »die Maske Michielkens und spiele den armen vlämischen Fuchs, der sich vor den spanischen Jägern in seinen Bau zurückzieht.« Inzwischen war Pieter de Roose Hals über Kopf entflohen.

Und Spelle wurde gehenkt; sein Gut wurde eingezogen.

Und der König erbte.

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