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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 135
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XXIX

Uilenspiegel und Lamme zogen auf Gent und kamen ums Morgengrauen nach Lokeren. Weit und breit dunstete die Erde im Tau; weiße, frische Nebel lagen über den Wiesen.

Als sie bei einer Schmiede vorbeikamen, trillerte Uilenspiegel wie die Lerche, der Vogel der Freiheit. Und alsbald erschien in der Tür der Schmiede ein Kopf mit flatterndem weißem Haar, und eine schwache Stimme ahmte den Kriegsruf des Hahnes nach.

Uilenspiegel sagte zu Lamme: »Das ist der Smid Wasteele, der bei Tage Spaten, Karste und Pflugscharen verfertigt und das Eisen, wann es heiß ist, zu schönen Chorgittern für die Kirchen hämmert, der aber oftmals des Nachts Waffen erzeugt und fegt für die Soldaten der Gewissensfreiheit. Er hat kein freundliches Gesicht gewonnen bei diesem Spiel; denn er ist bleich wie ein Gespenst, traurig wie ein Verdammter und so mager, daß ihm die Knochen die Haut durchlöchern. Heute hat er sicherlich noch nicht geschlafen, sondern die ganze Nacht gearbeitet.«

»Kommt alle beide herein,« sagte der Smid Wasteele, »und führt euere Esel auf die Wiese hinterm Haus.« Als Uilenspiegel und Lamme nachher in der Schmiede waren, schaffte der Smid Wasteele alles, was er in der Nacht an Schwertern gefegt und an Lanzeneisen gegossen hatte, in den Keller seines Hauses und richtete die Tagesarbeit für seine Gesellen her. Indem er Uilenspiegel mit glanzlosem Auge ansah, fragte er ihn: »Was bringst du mir Neues vom Schweiger?«

Uilenspiegel antwortete: »Der Prinz ist samt seinem Heere aus den Niederlanden gejagt worden dank der Niederträchtigkeit seiner Mietlinge, die schrien: ›Geld, Geld!‹, wo es hätte losschlagen heißen. Er ist nach Frankreich gezogen mit den treuen Soldaten, mit seinem Bruder, dem Grafen Ludwig, und mit dem Herzoge von Zweibrücken, um dem Könige von Navarra und den Hugenotten Hilfe zu bringen; von da hat er sich nach Deutschland begeben, nach Dillenburg, wo mancher Flüchtling aus den Niederlanden bei ihm ist. Du sollst Waffen und das gesammelte Geld hinschicken, während wir auf der See das Werk der freien Männer verrichten wollen.«

»Ich werde tun, was ich soll,« sagte der Smid Wasteele; »ich habe Waffen und neuntausend Gulden. Aber seid ihr nicht auf Eseln gekommen?«

»Ja,« sagten sie.

»Und habt ihr nicht auf euerm Wege die Zeitung von den drei Prädikanten gehört, die getötet, ausgeplündert und in ein Loch in den Maasfelsen geworfen worden sind?«

»Ja,« sagte Uilenspiegel freimütig; »diese drei Prädikanten waren Spione des Herzogs, Mörder, die bezahlt waren, um den Freiheitsprinzen zu töten. Wir zwei, Lamme und ich, haben sie das Leben mit dem Tode tauschen lassen. Ihr Geld ist bei uns und ihre Papiere desgleichen. Wir werden uns nehmen, was wir für die Reise brauchen; der Rest gehört dem Prinzen.« Und Uilenspiegel öffnete sein Wams und das Lammes und brachte die Papiere und Pergamente hervor.

Als sie der Smid Wasteele gelesen hatte, sagte er: »Sie enthalten Pläne für den Krieg und andere Anschläge. Ich werde sie dem Prinzen übergeben lassen, und ihm wird gesagt werden, daß Uilenspiegel und Lamme Goedzak, seine getreuen Landstreicher, sein edels Leben gerettet haben. Ich will auch euere Esel verkaufen lassen, damit man euch nicht an den Tieren erkennt.«

Uilenspiegel fragte den Smid Wasteele, ob ihnen die Schöffenkammer von Namur schon die Häscher auf die Fersen gehetzt habe. »Ich will euch sagen, was ich weiß,« antwortete Wasteele. »Neulich ist ein Schmied von Namur, ein wackerer Reformierter, zu mir gekommen unter dem Vorwand, meine Hilfe für die Gitter, die Wetterfahnen und das andere Eisenzeug für ein Schloß zu erbitten, das man nahe bei La Plante bauen will. Dem hat der Türsteher der Schöffenkammer gesagt, daß seine Herren schon versammelt waren und daß ein Wirt vorgerufen worden ist, der einige hundert Klafter von der Mordstelle wohnt. Auf die Frage, ob er die Mörder gesehn habe oder ob er jemand kenne, der ihm verdächtig sei, hat er geantwortet: ›Ich habe Bauern und Bäuerinnen, die auf Eseln saßen, gesehn; entweder sind sie auf ihren Tieren sitzen geblieben und haben zu trinken verlangt, oder sie sind abgestiegen, um in meinem Hause zu trinken, die Männer Bier, die Frauen und Mädchen Met. Ich habe auch zwei starke Bauern gesehn, die davon gesprochen haben, daß sie den Herrn von Oranien um einen Kopf kürzer machen wollten.‹ Und bei diesen Worten hat der Wirt pfeifend nachgeahmt, wie ein Messer ins Halsfleisch fährt, ›Über Stahlwind‹, hat er gesagt, ›will ich insgeheim mit Euch sprechen, da ich die Erlaubnis dazu habe.‹ Er hat gesprochen und ist entlassen worden. Seit dieser Zeit haben die Gerichtsräte sicherlich ihren untergebenen Räten Sendschreiben geschickt. Der Wirt hat gesagt, er habe nur Bauern und Bäuerinnen auf Eseln gesehn; daraus ergibt sich, daß die Jagd auf alle die gehn wird, die ein Grauchen reiten. Und der Prinz bedarf euerer, meine Kinder.«

»Verkauf die Esel«, sagte Uilenspiegel, »und bewahre den Erlös für den Schatz des Prinzen.« Die Esel wurden verkauft.

»Nun braucht ihr«, sagte Wasteele, »jeder ein Gewerbe, das frei ist und keiner Zunft untersteht; kannst du Vogelkäfige und Mäusefallen machen?«

»Einmal habe ich sie gemacht,« antwortete Uilenspiegel.

»Und du?« fragte Wasteele Lamme.

»Ich werde Heetekoeken und Oliekoeken verkaufen.«

»Folgt mir; Käfige und Mäusefallen sind schon bereit, ebenso Werkzeug und Kupferdraht, um sie auszubessern und neue zu machen: einer meiner Spione hat sie mir gebracht. Das ist für dich, Uilenspiegel. Für dich, Lamme, ist hier ein kleiner Ofen und ein Blasebalg; Mehl, Butter und Öl bekommst du auch noch, damit du die Heetekoeken und Oliekoeken machen kannst.«

»Er wird sie essen,« sagte Uilenspiegel. »Wann machen wir die ersten?« fragte Lamme. Wasteele antwortete: »Ihr werdet mir zuerst eine Nacht oder zwei helfen; ich kann meine große Arbeit nicht allein bewältigen.«

»Ich habe Hunger,« sagte Lamme; »wird hier gegessen?«

»Es gibt Brot und Käse,« sagte Wasteele. »Ohne Butter?« fragte Lamme. »Ohne Butter,« sagte Wasteele. »Hast du Bier oder Wein?« fragte Uilenspiegel. »Ich trinke derlei niemals,« antwortete er, »aber ich will in den ›Pelikaan‹ hiernebenan gehn und holen, was ihr wünscht.« »Ja,« sagte Lamme, »und bring uns Schinken.«

»Ich werde tun, was ihr wollt,« sagte Wasteele, indem er Lamme verachtungsvoll anblickte. Immerhin brachte er Dobbelen Klauwaart und einen Schinken; Lamme aß wohlgemut für fünf. Und er sagte: »Wann machen wir uns ans Werk?«

»Heute nacht,« sagte Wasteele. »Aber bleib in der Schmiede und hab keine Angst vor meinen Gesellen; sie sind Reformierte wie du.«

»Das ist recht,« sagte Lamme.

Zur Nachtzeit, als die Feierglocke geläutet hatte und die Türen verschlossen waren, ließ sich Wasteele von Uilenspiegel und Lamme helfen, schwere Packe Waffen aus dem Keller in die Werkstatt hinaufzuschaffen. »So,« sagte er, »da sind zwanzig Arkebusen, die ausgebessert werden sollen, dreißig Lanzeneisen zum Fegen, und Blei, um fünfzehnhundert Kugeln zu gießen; ihr sollt mir helfen.«

»Mit beiden Händen,« sagte Uilenspiegel; »hätte ich nur ihrer vier, um dir zu dienen.«

»Lamme wird uns zu Hilfe kommen,« sagte Wasteele. »Ja,« jammerte Lamme, der schier vor Schlaf umfiel wegen der Ausschreitung im Trinken und Essen. »Du wirst das Blei schmelzen,« sagte Uilenspiegel. »Ich werde das Blei schmelzen,« sagte Lamme.

Während Lamme sein Blei schmolz und seine Kugeln goß, sah er den Schmied Wasteele, der ihn samt seiner Schlaftrunkenheit zu wachen zwang, mit scheelem Auge an. Er goß die Kugeln mit verbissenem Zorn und hätte am liebsten das geschmolzene Blei dem Schmied Wasteele über den Kopf geschüttet. Aber er hielt sich zurück. Um Mitternacht jedoch übermannte ihn die Wut zu gleicher Zeit wie das Übermaß der Ermattung, und er hielt, während Wasteele mit Uilenspiegel geduldig Rohre, Büchsen und Lanzeneisen fegte, mit zischender Stimme folgende Ansprache an den Schmied: »So siehst du also aus, mager, bleich und kümmerlich, und rackerst in dem Glauben an die Aufrichtigkeit der Prinzen und Großen dieser Erde in übertriebenem Eifer deinen Leib, deinen edeln Leib, den du in Elend und Niedrigkeit zugrunde gehn läßt. Das war nicht die Absicht Gottes, als er ihn mit Frau Natur gemacht hat. Wisse, daß unsere Seele, nämlich der Lebenshauch, um zu atmen, alles möglichen bedarf, der Bohnen, des Fleisches, des Biers, des Weins, des Schinkens, der Würste und der Ruhe; du aber lebst von Wasser und Brot und von Nachtwachen.«

»Woher kommt dir dieser Wortschwall?« fragte ihn Uilenspiegel.

»Er weiß nicht, was er sagt,« antwortete Wasteele traurig.

Aber Lamme wurde ärgerlich. »Ich weiß es besser als du. Ich sage, wir sind Narren, ich, du und Uilenspiegel, daß wir unsere Augen schinden für all diese Prinzen und Großen der Erde, die gründlich über uns lachen würden, wenn sie uns sähen, wie wir uns müde schinden und uns um den Schlaf betrügen, um ihnen zuliebe Waffen zu fegen und Kugeln zu gießen. Während sie französischen Wein aus Goldhumpen trinken und deutsche Kapaune von Schüsseln aus englischem Zinn essen, bekümmern sie sich keinen Deut darum, wenn uns, die wir in der Luft Gott suchen, durch den sie mächtig sind, ihre Feinde mit ihren Sensen die Beine abschneiden und uns in die Totengruben werfen. Sie, die weder Reformierte noch Kalvinisten, weder Lutheraner noch Katholiken, sondern allesamt Skeptiker und Zweifler sind, kaufen und unterwerfen sich derweilen Fürstentümer, verzehren das Gut der Mönche, der Äbte und der Klöster, haben alle, die sie begehren, Jungfrauen, Frauen und tolle Mädchen, und trinken aus ihren Goldhumpen auf ihr ewiges Wohlleben und auf unsere ewige Dummheit, Verrücktheit und Eselei und dann auf die sieben Todsünden, die sie, o Smid Wasteele, vor deiner Nase begehn, die mager ist vor Begeisterung. Betrachte die Felder, die Wiesen, betrachte die Ernten, die Gärten und die Rinder und das Gold, das aus der Erde kommt, betrachte das Wild der Wälder, die Vögel des Himmels, die leckern Ammern, die herrlichen Drosseln, den Eberkopf, die Rehkeule: alles gehört ihnen, Jagd, Fischfang, Land, Meer, alles. Und du, du lebst von Wasser und Brot, und wir, wir rackern uns hier zu Tode für sie, ohne zu schlafen, ohne zu essen und ohne zu trinken. Und wann wir gestorben sein werden, so werden sie unsern Äsern einen Fußtritt versetzen und zu unsern Müttern sagen: ›Macht uns andere, die sind uns nichts mehr nütze.‹«

Uilenspiegel lachte, ohne ein Wort zu sagen, Lamme blies vor Unmut, aber Wasteele sprach mit milder Stimme: »Du sprichst leichtfertig. Ich lebe nicht für den Schinken, nicht fürs Bier oder für die Ammern, sondern für den Sieg der Gewissensfreiheit. Der Prinz der Freiheit tut ebenso. Er opfert sein Gut, seine Ruhe und sein Glück, um die Henker und die Tyrannei aus den Niederlanden zu vertreiben. Tu wie er und trachte mager zu werden. Nicht mit dem Bauche rettet man die Völker, sondern mit dem kühnen Mut und dem lautlosen Ertragen der Mühsal bis zum Tode. Und jetzt geh zu Bette, wenn du schläfrig bist.« Aber Lamme wollte nicht, weil er sich schämte.

Und sie fegten Waffen und gossen Kugeln bis zum Morgen. Und so drei Tage lang.

Dann brachen sie in der Nacht auf nach Gent; sie verkauften Käfige, Mäusefallen und Oliekoeken.

In Meulestede, dem Mühlenstädtchen, dessen rote Dächer man überall sieht, machten sie Halt; sie kamen überein, ihre Geschäfte einzeln zu betreiben und sich am Abende vor der Feierglocke im Zwaan zu treffen.

Lamme bekam Geschmack an seinem Berufe, als er durch die Straßen von Gent strich und seine Oliekoeken verkaufte; er suchte seine Frau, leerte manchen Krug und aß ohne Unterlaß. Uilenspiegel bestellte Briefe des Prinzen an Jacob Scoelap, Lizentiaten der Medizin, an Lieven Smet, Schneider, an Jan de Wulfslaeger, an Gillis Coorne, Rotfärber, und an Jan de Roose, Ziegelbrenner; sie gaben ihm das Geld, das sie für den Prinzen gesammelt hatten, und hießen ihn einige Tage in Gent und der Umgebung warten, weil sie ihm noch mehr geben würden.

Alle diese Männer wurden später um Ketzerei am Neuen Galgen gehenkt, und ihre Leichname wurden auf dem Galgenfelde nächst dem Brüggeschen Tore verscharrt.

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