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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 132
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XXVI

Rittlings auf den Eseln sitzend, zogen Lamme und Uilenspiegel ihren Weg weiter. »Höre, Lamme,« sagte Uilenspiegel; »der Adel der Niederlande hat aus Eifersüchtelei auf Oranien die Sache der Verbündeten verraten, den heiligen Bund und wackern Vertrag, geschlossen für das Wohl des Vaterlandes. Egmont und Hoorne waren gleichermaßen Verräter, ohne daß es ihnen etwas genutzt hätte; Brederode ist tot. In diesem Kriege bleibt uns nur noch das arme Volk Brabants und Flanderns, das auf ehrliche Häupter wartet, um loszubrechen, dann bleiben uns noch die Inseln, mein Sohn, die Inseln von Seeland, auch Nordholland, wo der Prinz Statthalter ist, und noch weiter draußen, auf der See, noch Edzard, der Graf von Emden und Ostfriesland.«

»Ach,« sagte Lamme, »ich sehe es deutlich, wir pilgern zwischen Strick, Rad und Scheiterhaufen, halbtot vor Hunger, lechzend vor Durst und ohne Hoffnung auf Ruhe.«

»Wir sind erst beim Beginne,« antwortete Uilenspiegel. »Bedenke doch, daß das alles nur ein Vergnügen für uns ist, indem wir unsere Feinde töten, sie hinters Licht führen und die Taschen voller Gulden haben; und dazu haben wir Fleisch, Bier, Wein und Schnaps verstaut. Was braucht es noch mehr, Federsack? Sollen wir unsere Esel verkaufen und Pferde einhandeln?« »Mein Sohn,« sagte Lamme, »der Trab eines Pferdes ist gar hart für einen Mann von meiner Beleibtheit.«

»Du kannst dich ja hinaufsetzen,« antwortete Uilenspiegel, »wie es die Bauern tun, und niemand wird dich auslachen, weil du als Bauer gekleidet bist und kein Schwert wie ich, sondern nur einen Spieß trägst.«

»Mein Sohn,« sagte Lamme, »bist du sicher, daß uns unsere Pässe in den kleinen Städten etwas nütz sein können?«

»Habe ich nicht den Schein des Pfarrers«, sagte Uilenspiegel, »mit dem großen roten Wachssiegel der Kirche, das daran an zwei Pergamentbändern baumelt, und unsere Beichtzettel? Die Soldaten und Häscher des Herzogs vermögen nichts gegen zwei so wohlversehne Männer. Und die schwarzen Rosenkränze, die wir zu verkaufen haben? Beide sind wir Reiter, du ein vlämischer, ich ein deutscher, die auf einen ausdrücklichen Auftrag des Herzogs herumwandern, um durch den Verkauf geweihter Gegenstände die Ketzer dieses Landes dem heiligen katholischen Glauben zu gewinnen. So werden wir überall hineinkommen, in die Schlösser der edeln Herren und in die fetten Abteien. Und sie werden uns mit salbungsvoller Gastfreundschaft aufnehmen. Und wir werden ihre Geheimnisse erlauern. Leck dir dein Schmollmaul, süßer Freund.«

»Mein Sohn,« sagte Lamme, »auf diese Weise treiben wir das Handwerk der Spione.«

»Nach Kriegsbrauch und Recht,« antwortete Uilenspiegel.

»Wenn sie die Geschichte mit den drei Prädikanten erfahren, dann müssen wir sicherlich dran glauben.«

Uilenspiegel sang:

›Leben!‹ schrieb ich auf meine Fahne,
Im Lichte leben allzumal:
Meine erste Haut, sie ist aus Leder,
Meine zweite aber ist aus Stahl!

Aber Lamme seufzte: »Ich habe nur eine Haut, eine gar zarte, die nicht dem geringsten Dolchstich standhielte. Wir täten besser daran, irgendeinen nützlichen Beruf zu ergreifen, als so Berg und Tal abzulaufen den großen Prinzen zu Gefallen, die ihre Füße in Samtgamaschen stecken und auf goldenen Tischen Fettammern speisen. Für uns außer Schlägen, Angst und Kampf noch Regen, Hagel und Schnee, die magern Suppen der Landstreicher; für sie leckere Würstchen, fette Kapaune, duftende Drosseln und saftige Masthühnchen.«

»Das Wasser läuft dir im Munde zusammen, mein süßer Freund,« sagte Uilenspiegel.

»Wo seid ihr, frisches Brot, goldbraune Koekebakken, köstliche Milchgerichte? Wo bist du, mein Weib?«

Uilenspiegel antwortete: »Die Asche schlägt an mein Herz und treibt mich in den Kampf. Du aber, du süßes Lamm, der du weder den Tod deines Vaters, noch deine Mutter zu rächen hast, nicht den Kummer derer, die du liebst, noch deine derzeitige Armut, du laß mich meinen Weg allein gehn, wenn dich die Mühsal des Krieges schreckt.«

»Allein?« sagte Lamme. Und mit einem Ruck hielt er seinen Esel an. Der machte sich über einen Busch Disteln, deren es auf dem Wege die Hülle und Fülle gab; auch der Esel Uilenspiegels blieb stehn und begann zu fressen.

»Allein?« sagte Lamme. »Du wirst mich nicht allein lassen, mein Sohn; das wäre eine ungeheuere Grausamkeit. Nicht genug an der Frau, soll ich auch noch den Freund verlieren. Das darf nicht sein. Ich will nicht mehr greinen, ich verspreche es dir. Und weil es einmal so sein soll,« – er hob trotzig sein Haupt – »so werde ich mich in den Kugelregen stürzen! Ja! Und in das Schwertergetümmel! Ja! Aug in Aug mit diesen schändlichen Soldaten, die das Blut trinken wie die Wölfe. Und wenn ich eines Tages an deiner Seite falle, blutig und todwund, so begrabe mich, und wann du meine Frau siehst, so sag ihr, daß ich gestorben bin, weil ich nicht habe leben können, ohne von irgend jemand auf dieser Welt geliebt zu werden. Nein, ich könnte es wirklich nicht, mein Sohn Uilenspiegel.«

Und Lamme weinte. Und Uilenspiegel war gerührt über diesen süßen Mut.

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