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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XII

In der Vogtei von Meiborg kam Klaas durch ein Wäldchen; trottend weidete der Esel die Disteln ab, und Uilenspiegel warf seine Mütze nach den Schmetterlingen und erhaschte sie wieder, ohne den Rücken des Grautiers zu verlassen. Klaas aß eine Schnitte Brot mit der Absicht, sie in der nächsten Schenke tüchtig zu befeuchten. Von der Ferne hörte er den Klang eines Glöckleins und den Lärm eines großen Haufens durcheinander sprechender Menschen. »Das ist«, sagte er, »irgendeine Wallfahrt, und die Herrn Wallfahrer sind zweifellos zahlreich. Halte dich nur, mein Sohn, auf dem Hengste, damit sie dich nicht herunterstoßen. Gehn wir schauen. Vorwärts, Grauchen, friß mein Fersen!«

Und das Grauchen setzte sich in Trab.

Als sie über den Rand des Waldes hinaus waren, ging es abwärts gegen eine weite Hochebene, die an ihrem westlichen Hange von einem Flusse eingesäumt wurde; an der Seite des östlichen Hanges war eine kleine Kapelle erbaut: der Giebel trug das Bild Unserer Frau, ihr zu Füßen zwei kleine Figuren, deren jede einen Stier darstellte. Auf den Stufen der Kapelle standen grinsend ein Einsiedler, der das Glöckchen läutete, fünfzig Büttel mit brennenden Kerzen, Trommler, Zinkenisten, Pfeifer, Schalmeien- und Dudelsackbläser und ein Troß fröhlicher Gesellen, die eiserne Kästchen voll alten Eisenzeugs in der Hand hielten; aber in diesem Augenblicke war alles ruhig.

Fünftausend und mehr Wallfahrer kamen daher in geschlossenen Reihen zu sieben Mann; auf dem Haupte hatten sie Helme, und in den Händen trugen sie Stöcke von grünem Holze. Und wenn neue also behelmte und gewappnete dazukamen, so ordneten sie sich mit großem Getöse hinter die andern. Zu sieben und sieben bei der Kapelle vorbeiziehend, ließen sie ihre Stöcke segnen, erhielten jeder eine Kerze aus den Händen der Büttel und zahlten dafür Mann für Mann dem Einsiedler einen halben Gulden. Und ihr Zug war so lang, daß die Kerzen der vordersten mit ihrem Dochte zu Ende waren, bevor die der letzten anbrennen konnten vor der Fülle des Talges.

Mächtig verdutzt sahen also Klaas, Uilenspiegel und der Esel eine große Mannigfaltigkeit von Wanstträgern, Trägern von weiten, hohen, langen, spitzigen, trotzigen, festen oder schlaff auf die natürliche Unterlage fallenden Wänsten. Und all diese Wallfahrer trugen Helme. Sie hatten solche von Troja und ähnlich den phrygischen Mützen oder gekrönt von einem Busche roten Haars; manche, obgleich pausbackig und panstig, trugen Helme mit ausgespannten Vogelflügeln, ohne auch nur eine Ahnung von der Voglerei zu haben, und dann kamen einige mit Pickelhauben, die den Heringen zu schlecht gewesen wären. Aber die meisten trugen so alte und verrostete Helme, daß sie auf die Zeiten von Gambrinus zurückzugehn schienen, dem Könige Flanderns und des Bieres, der neunhundert Jahre vor Unserm Herrn lebte und sich, damit er nicht wegen des Mangels eines Bechers aufs Trinken verzichten müsse, eine Kanne aufs Haupt setzte.

Plötzlich läuteten, wimmerten, donnerten, hämmerten, kläfften, brausten, klirrten die Glocken, Dudelsäcke, Schalmeien und Eisenstücke. Auf dieses Getöse, das ein Signal für sie war, kehrten die Wallfahrer um, stellten sich in Rotten zu sieben einander gegenüber und stießen sich gegenseitig, statt einer Herausforderung, die brennenden Kerzen unter die Nase. Da gabs denn ein mächtiges Niesen. Und das Grünholz regnete. Und sie schlugen einander mit den Fäusten, den Köpfen, den Absätzen und allem. Manche stürzten sich auf ihre Gegner wie die Widder, den Helm voran, rannten in diesen hinein bis an die Schultern und fielen, blind geworden, auf eine Siebenerrotte wütender Wallfahrer, von denen sie ohne Milde empfangen wurden. Andere, Greiner und Memmen, klagten über die erhaltenen Schläge; während sie aber ihren traurigen Rosenkranz murmelten, stürzten, wild wie der Wetterstrahl, zwei Siebenerrudel kämpfender Wallfahrer über sie und warfen die armen Greiner zur Erde und rasten mitleidslos über sie hinweg. Und der Einsiedler lachte.

Andere Siebenerrudel, die einander festhielten wie die Traube den Schuß, rollten den Hang hinunter in den Fluß, und auch dort prügelten sie sich, ohne daß sich ihre Wut gekühlt hätte. Und der Einsiedler lachte.

Die, die oben geblieben waren, schlugen sich die Augen dick, zerstießen sich die Zähne, rissen sich die Haare aus und zerfetzten sich Wams und Hosen. Und der Einsiedler lachte und sagte: »Mut, Freunde, je besser einer schlägt, desto stärker ist seine Liebe. Den tüchtigsten Kampen die Liebe ihrer Schönen! Unsere Frau von Rindbisbels, hier ist es, wo man sieht, wer ein Mann ist!«

Und die Wallfahrer gaben sichs nach Herzenslust.

Inzwischen hatte sich Klaas dem Einsiedler genähert, während Uilenspiegel lachend und schreiend den Hieben Beifall klatschte. »Mein Vater,« sagte Klaas, »was für ein Verbrechen haben denn diese armen Schlucker begangen, daß sie sich so grausam schlagen müssen?« Aber ohne auf ihn zu hören, schrie der Einsiedler: »Ihr Bärenhäuter, ihr verliert den Mut! Wenn die Fäuste müde sind, sind es deswegen auch die Füße? Gott verdamm mich! Da gibts Leute, die die Beine haben, um davonzulaufen wie die Hasen! Was läßt das Feuer aus dem Steine spritzen? Das Eisen, das ihn schlägt. Was ists, was die Manneskraft der alten Leute belebt, wenn nicht eine tüchtige Tracht Prügel, gewürzt mit männlicher Wut?«

Auf diese Worte hin fuhren die braven Pilger fort, aufeinander loszugehn mit den Helmen, den Händen und den Füßen. Es war ein so wildes Getümmel, daß Argus samt seinen hundert Augen nichts hätte unterscheiden können, als den aufwallenden Staub und dann und wann eine Helmspitze.

Plötzlich läutete der Einsiedler die Glocke. Die Pfeifen, die Trommeln, die Trompeten, die Dudelsäcke, die Schalmeien und das Eisenzeug verstummten. Und das war das Zeichen des Friedens.

Die Wallfahrer lasen ihre Verwundeten zusammen. Unter diesen sah man manche, denen die vor Wut geschwollenen Zungen zum Maule heraushingen; aber die Jungen kehrten von selbst in ihre gewohnte Pfalz zurück. Das Schwierigste war, die von den Helmen zu lösen, die sie sich bis an den Hals hinaufgerannt hatten und nun den Kopf schüttelten, freilich ohne daß die Helme anders gefallen wären als grüne Zwetschen. Unterdessen sagte ihnen der Einsiedler: »Sprecht jeder ein Ave und kehrt heim neben euere Weiber. In neun Monaten wirds in der Vogtei um so viel Kinder mehr geben, als es heute auf der Walstatt tüchtige Kämpen gab.« Und der Einsiedler sang das Ave, und alle sangen mit ihm. Und das Glöcklein läutete.

Dann segnete er sie im Namen Unserer Frau von Rindbisbels und sagte zu ihnen: »Ziehet hin in Frieden!«

Sie zogen von dannen nach Meiborg, schreiend, sich stoßend und singend. Und die Weiber, alte und junge, erwarteten sie auf der Schwelle der Häuser, wo sie eindrangen wie die Kriegsknechte in eine im Sturme genommene Stadt. Die Glocken von Meiborg dröhnten im vollen Schwunge; die Buben pfiffen, schrien und spielten auf dem Rommelpot. Die Kannen, Humpen, Becher, Gläser, Flaschen und Schoppen klingklangelten wunderbar. Und der Wein floß in Strömen in die Kehlen.

Während dieses Geläutes und während der Wind die Stimmen der singenden Männer, Frauen und Kinder stoßweise zu ihm herübertrug, sprach Klaas abermals mit dem Einsiedler und fragte ihn, was das für eine himmlische Gnade sei, die die braven Leute durch dies rauhe Gehaben zu erlangen hofften.

Lachend antwortete ihm der Einsiedler: »Du siehst auf dieser Kapelle zwei Bildwerke, die zwei Stiere darstellen. Sie sind hier angebracht zum Gedächtnis des Wunders, das der heilige Martin verrichtet hat: er hat nämlich zwei Ochsen in Stiere verwandelt, indem er sie einander mit den Hörnern stoßen ließ, ihnen dann mit einer Kerze übers Maul strich und sie mit grünem Holze eine Stunde lang und noch länger schlug.

In Kenntnis dieses Wunders und ausgestattet mit einem Breve Seiner Heiligkeit, das ich teuer bezahlt habe, habe ich mich hier niedergelassen. Von Stund an waren auf meine Predigten hin alle alten Hustriche und Wanstträger von Meiborg und dem Lande herum sicher, daß sie sich nach einer tapfern Schlägerei mit der Kerze, das ist die Salbung, und mit dem Stocke, das ist die Stärke, Unsere Frau günstig stimmen würden. Die Weiber schicken ihre alten Männer her. Die Kinder, die durch die Kraft der Wallfahrt geboren werden, sind ungeschlacht, kühn, wild und behend und geben vollkommene Soldaten.«

Gählings sagte der Einsiedler zu Klaas: »Kennst du mich?«

»Ja,« antwortete Klaas; »du bist mein Bruder Judocus.«

»Der bin ich,« erwiderte der Einsiedler; »wer ist denn aber der kleine Kerl da, der mir Fratzen schneidet?«

»Das ist dein Neffe.«

»Was ist bei dir für ein Unterschied zwischen mir und Kaiser Karl?«

»Der ist groß,« antwortete Klaas.

»Er ist klein,« versetzte Judocus; »denn wir tun beide dasselbe zu unserm Vorteile und Vergnügen: er läßt die Menschen einander töten und ich sie einander schlagen.« Dann führte er sie in seine Einsiedelei, und dort zechten und schmausten sie elf Tage lang ohne einen Waffenstillstand.

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