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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 128
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XXII

Damals traten Uilenspiegel und Lamme, mit ihren Pässen versehn, in eine kleine Herberge, die sich an die stellenweise mit Bäumen bewachsenen Felsen der Sambre lehnte. Auf dem Schilde stand: Chez Marlaire. Nachdem sie manches Fläschchen des trefflichen, nach Burgunderart gekelterten Maasweins getrunken und einen ganzen Fischbehälter leer gegessen hatten, unterhielten sie sich mit dem Wirte, einem Papisten vom reinsten Wasser, der wegen des reichlich genossenen Weines schwatzhaft war wie eine Elster und fortwährend arglistig mit den Augen zwinkerte. Uilenspiegel, der hinter dem Zwinkern irgendeine Heimlichkeit witterte, verleitete ihn zu weiterm Trinken so trefflich, daß der Wirt zu tanzen anfing und in ein Lachen ausbrach; dann setzte er sich wieder an den Tisch und sagte: »Gute Katholiken, ich trinke euch zu.«

»Und wir dir,« antworteten Lamme und Uilenspiegel. – »Auf die Vertilgung aller Pestilenz der Empörung und der Ketzerei!« – »So sei es,« antworteten Lamme und Uilenspiegel; dabei füllten sie stets den Becher, den der Wirt nie voll sehn konnte.

»Ihr seid Biedermänner,« sagte er. »Ich trinke auf euere Uneigennützigkeit; ich verdiene ja an dem getrunkenen Weine. Wo sind euere Pässe?«

»Hier,« antwortete Uilenspiegel. »Unterschrieben vom Herzog,« sagte der Wirt. »Ich trinke auf den Herzog.«

»Aufs Wohl des Herzogs,« antworteten Lamme und Uilenspiegel.

Der Wirt fuhr fort: »Wie fängt man Mäuse und Ratten? Mit Fallen. Wer ist der Ratz? Das ist der große Ketzer, dessen Name die Farbe des Höllenfeuers bedeutet. Gott ist mit uns. Sie werden kommen. Hi! Hi! Zu trinken! Gieß ein: ich brenne, ich glühe. Zu trinken! Drei hübsche, kleine Reformiertenprädikanten ... Ich sage kleine ... hübsche, kleine, wackere, starke Soldaten, aus Eichen ... Zu trinken! Wollt ihr nicht mit ihnen gehn ins Lager des großen Ketzers? Ich habe Pässe, von ihm selbst unterschrieben ... Ihr sähet sie bei der Arbeit.«

»Wir werden ins Lager mitgehn,« antwortete Uilenspiegel.

»Sie werden sich gut dazu schicken, und in der Nacht, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet,« – und der Wirt ahmte pfeifend einen Mann nach, der einem andern die Kehle abschneidet – »wird Stahlwind der Amsel Nassau das Pfeifen für immer verleiden. Drauf, laßt uns trinken, drauf!«

»Du bist ein lustiger Bruder, unbeschadet deiner Eigenschaft als Ehemann,« antwortete Uilenspiegel.

Der Wirt sagte: »Ich bin nicht verheiratet, und ich war es nicht. Ich hüte die Geheimnisse der Fürsten. Zu trinken! Meine Frau würde sie mir vom Polster wegstehlen und mich henken lassen, um früher Witwe zu werden, als es die Natur will. Gottverdamm mich! Sie werden kommen ... Wo sind die neuen Pässe? Auf meinem christlichen Herzen. Trinken wir! Sie sind da, da, dreihundert Schritt von hier, bei Marche-les-Dames. Seht Ihr sie? Trinken wir!«

»Trink,« sagte Uilenspiegel zu ihm, »trink. Ich trinke auf den König, auf den Herzog, auf die Prädikanten, auf Stahlwind, ich trinke auf dich, auf mich; ich trinke auf den Wein und auf die Flasche. Du trinkst ja nicht.« Und bei jeder Gesundheit füllte Uilenspiegel das Glas des Wirtes, und der leerte es. Uilenspiegel betrachtete ihn eine Weile; dann erhob er sich und sagte: »Er schläft; gehn wir. Lamme.« Und als sie draußen waren: »Er hat keine Frau, die uns verraten könnte ... Die Nacht will einfallen ... Du hast gut gehört, was dieser Taugenichts gesagt hat, und du weißt, wer die drei Prädikanten sind?« »Ja,« sagte Lamme.

»Du weißt, daß sie von Marche-les-Dames der Maas entlang kommen und daß es gut sein wird, ihnen auf dem Wege aufzupassen, bevor Stahlwind pfeift.« »Ja,« sagte Lamme.

»Es gilt, dem Prinzen das Leben zu retten,« sagte Uilenspiegel. »Ja,« sagte Lamme.

»Da,« sagte Uilenspiegel, »nimm meine Arkebuse und schlag dich dort in die Büsche, zwischen die Felsen; lade zwei Kugeln, und schieß, wann ich wie ein Rabe krächze.« »Das soll geschehn,« sagte Lamme. Und er verschwand in den Büschen. Und bald hörte Uilenspiegel das Rad der Arkebuse knacken.

»Siehst du sie kommen?« fragte er. »Ich sehe sie,« antwortete Lamme. »Es sind ihrer drei, und sie marschieren wie Soldaten; einer überragt die andern um eine Kopfeslänge.«

Uilenspiegel setzte sich auf den Weg, die Beine vor sich gestreckt, und murmelte an einem Rosenkranz Gebete, wie es die Bettler tun; seinen Hut hatte er zwischen den Knien. Als die drei Prädikanten vorbeikamen, hielt er ihnen den Hut hin; aber sie warfen nichts hinein.

Nun erhob sich Uilenspiegel und sagte jammernd: »Meine guten Herren, weigert nicht den Plappart einem armen Steinbrecher, der letzthin in eine Grube gefallen ist und sich das Kreuz gebrochen hat. Die Leute sind hart in diesem Lande und haben mir nichts geben wollen, um mein trauriges Elend zu lindern. Ach, schenkt mir einen Plappart, ich will für Euch beten. Und Gott schenke Euch Freude Euer ganzes Leben lang, Ew. Hochherzigkeiten!«

»Mein Sohn,« sagte einer von den Prädikanten, ein stämmiger Mann, »für uns gibts keine Freude auf der Welt, solange der Papst und die Inquisition herrschen.« Uilenspiegel seufzte ebenso und sagte: »Ach, was sagt Ihr da! Redet leise, wenn es Ew. Gnaden beliebt. Aber gebt mir einen Plappart.«

»Mein Sohn,« antwortete ein kleiner Prädikant mit kriegerischem Gesichte, »wir armen Märtyrer haben nur, was wir für unsern Unterhalt auf der Reise brauchen.« Uilenspiegel warf sich auf die Knie: »Segnet mich.«

Die drei Prädikanten breiteten ihre Hände über Uilenspiegels Haupt, ohne Frömmigkeit.

Da er wahrnahm, daß sie trotz ihrer Magerkeit mächtige Bäuche hatten, erhob er sich, tat, als ob er stürzen sollte, und schlug mit der Stirn an den Bauch des hochgewachsenen Prädikanten; er vernahm ein fröhliches Klingeln von Geld. Nun richtete er sich wieder auf und zog seine Plempe: »Meine guten Väter, es ist kalt; ich habe zu wenig Kleider und ihr zu viel. Gebt mir von euerer Wolle, daß ich mir einen Mantel schneiden kann. Ich bin ein Geuse. Den Geusen Heil!«

Der große Prädikant antwortete: »Du kammhaariger Geuse, dir ist der Kamm geschwollen; wir wollen ihn dir stutzen.«

»Stutzen?« sagte Uilenspiegel und tat einen Schritt rückwärts; »aber Stahlwind wird euch früher pfeifen als dem Prinzen. Ein Geuse bin ich, den Geusen Heil!«

Bestürzt sagten die Prädikanten zueinander: »Woher weiß er das? Wir sind verraten! Tod! Es lebe die Messe!« Und sie zogen unter ihren Hosen tüchtige, wohlgeschliffene Plempen hervor.

Aber Uilenspiegel wich, ohne sie zu erwarten, gegen das Strauchwerk zurück, wo Lamme verborgen lag. Als er annahm, daß die Prädikanten in der Schußweite seien, sagte er: »Raben, schwarze Raben, Bleiwind will pfeifen. Ich sing euch zum Ende.« Und er krächzte.

Ein Büchsenschuß fuhr durchs Strauchwerk und warf den größten Prädikanten aufs Gesicht; ein zweiter Schuß streckte den zweiten nieder. Und Uilenspiegel sah im Strauchwerk das liebe Gesicht Lammes, dessen erhobener Arm die Arkebuse wieder lud. Und ein blauer Rauch stieg über dem schwarzen Strauchwerk auf.

Der dritte Prädikant wollte Uilenspiegel in blinder Wut an den Leib; der sagte: »Stahlwind oder Bleiwind, jetzt gehst du von dieser Welt in die andere, schändlicher Mordstifter!« Und er griff ihn an, und er verteidigte sich tapfer.

Sie standen einander auf dem Wege gegenüber, Angesicht in Angesicht, Streiche austeilend und auffangend. Uilenspiegel war schon blutüberströmt; denn sein Gegner, ein gewaltiger Soldat, hatte ihn am Kopf und am Beine verwundet. Aber er griff ihn an und verteidigte sich wie ein Löwe. Da ihn das Blut, das ihm vom Kopfe rann, blendete, so wich er endlich in großen Schritten; er wischte sich mit der linken Hand ab und fühlte seine Kräfte schwinden. Er wäre getötet worden, wenn nicht Lamme auf den Prädikanten angeschlagen und ihn erschossen hätte.

Und Uilenspiegel sah und hörte ihn Lästerungen, Blut und den Todesschaum ausspeien. Und der blaue Rauch hob sich über den schwarzen Sträuchern, in deren Mitte Lamme neuerlich sein liebes Gesicht zeigte. »Ists zu Ende?« fragte er.

»Ja, mein Sohn,« antwortete Uilenspiegel; »aber komm ...«

Als Lamme sein Nest verließ, sah er Uilenspiegel über und über mit Blut bedeckt. Trotz seinem Bauche lief er wie ein Hirsch hin zu Uilenspiegel, der auf der Erde neben den getöteten Männern saß.

»Er ist verwundet,« sagte er, »mein süßer Freund, durch diesen nichtsnutzigen Mörder!« Und mit einem Tritt mit dem Absatz brach er dem nächsten Prädikanten die Zähne. »Du antwortest nicht, Uilenspiegel? Willst du sterben, mein Sohn? Wo ist der Balsam? Ha, in dem Grunde der Tasche, unter den Würstchen. Uilenspiegel, hörst du mich nicht? Ach, mir fehlts an lauem Wasser, um deine Wunde zu waschen, und kein Mittel, eins zu bekommen. Aber das Wasser der Sambre wirds auch tun. Sprich zu mir, mein Freund. Du bist gar nicht so arg verwundet, trotz alledem. Ein wenig Wasser, da, hübsch kalt, nicht wahr? Er kommt zu sich. Ich bins, mein Sohn, dein Freund; sie sind allesamt tot. Leinwand! Leinwand zum Verbinden. Es ist keine da. Doch, mein Hemd.« Er entkleidete sich. »In Stücken das Hemd! Das Blut stockt. Mein Freund wird nicht sterben.«

Hm, das friert tüchtig, der nackte Rücken, bei dieser scharfen Luft. Ziehen wir uns wieder an. Er wird nicht sterben. Ich bins, Uilenspiegel, ich, dein Freund Lamme. Er lächelt. Ich will die Mörder aussacken. Sie haben Wänste von Gulden. Goldene Kutteln, Karolusse, Gulden, Taler, Plapparte und Briefe. Wir sind reich. Mehr als dreihundert Karolus zum Teilen. Nehmen wir die Waffen und das Geld. Stahlwind wird nicht mehr pfeifen für den gnädigen Herrn.«

Uilenspiegel klapperte vor Kälte mit den Zähnen und erhob sich. »Du bist da also wieder auf den Beinen,« sagte Lamme. »Das ist die Kraft des Balsams,« antwortete Uilenspiegel. »Des Balsams der Tapferkeit,« antwortete Lamme.

Dann nahm er die Leichname der drei Prädikanten einen nach dem andern und warf sie in ein Loch zwischen den Felsen; die Waffen und, außer dem Mantel, auch die Kleider ließ er ihnen.

Und am Himmel rings um sie krächzten die Raben in der Erwartung ihrer Atzung. Und die Sambre rollte dahin wie ein Fluß von Stahl unter dem grauen Himmel. Und der Schnee fiel und wusch das Blut weg.

Und sie waren baß bekümmert. Und Lamme sagte: »Ich töte lieber ein Hühnchen als einen Menschen.« Und sie bestiegen wieder ihre Esel.

Als sie vor den Toren von Huy waren, rann das Blut noch immer; sie begannen einen Scheinzwist, stiegen von ihren Tieren und schlugen aufeinander, grausam anzusehn, mit ihren Plempen los; als ihnen der Kampf lang genug gedauert hatte, saßen sie wieder auf und ritten in Huy ein, nicht ohne daß sie ihre Pässe am Stadttore hätten vorzeigen müssen.

Die Frauen, die Uilenspiegel verwundet und blutig, Lamme aber als stolzen Sieger sahen, blickten Uilenspiegel mit zärtlichem Mitleid an und wiesen Lamme die Fäuste und sagten: »Das ist der Taugenichts, der seinen Freund so zugerichtet hat.«

Voller Unruhe achtete Lamme nur darauf, ob nicht seine Frau unter ihnen sei. Es war umsonst; er fiel in Schwermut.

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