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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 125
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XIX

Sie traten in eine Herberge, und man gab ihnen in einem hohen Saale zu essen. Uilenspiegel öffnete die Fenster und sah in einen Garten hinab, wo ein anmutiges Mädchen umherging, üppig, mit rundem Busen, die Haare golden gelockt und nur bekleidet mit einem Rock, einer Jacke aus weißer Leinwand und einer löcherigen schwarzen Schürze. Dort bleichten Hemden und andere Frauenwäsche auf Stricken; das Mädchen, das sich immerfort zu Uilenspiegel kehrte, nahm die Hemden von den Stricken, hängte sie wieder auf, setzte sich, lächelnd und ihn immerfort anblickend, auf Wäschestreifen und schaukelte sich an den zwei angeknüpften Enden.

In der Nachbarschaft hörte Uilenspiegel einen Hahn krähen und sah eine Amme, die mit einem Kinde spielte und sein Gesicht einem Manne zuwandte mit den Worten: ›Boelkin, guck doch den Vater an!‹ Das Kind weinte.

Und das hübsche Mädchen ging weiter im Garten herum und nahm die Wäsche ab und hängte sie wieder auf. »Das ist eine Spionin,« sagte Lamme.

Das Mädchen legte die Hände über die Augen und blinzelte Uilenspiegel durch die Finger zu. Dann hob sie ihre beiden Brüste mit vollen Händen, ließ sie wieder sinken und schaukelte sich neuerlich, ohne daß ihre Füße den Boden berührt hätten. Und als sich die Wäschestreifen abflochten, mußte sie sich drehen wie ein Kreisel, und Uilenspiegel sah beim bleichen Sonnenlicht ihre nackten Arme bis zu den Schultern, weiß und rund. Sich drehend und lächelnd, sah sie ihn immerfort an. Er ging hinaus, um sie zu treffen. Lamme folgte ihm. An der Hecke des Gartens suchte er eine Öffnung, um durchzuschlüpfen, fand aber keine.

Das Mädchen lächelte von neuem durch die Finger, als sie seine Bemühungen sah. Uilenspiegel wollte durch die Hecke brechen, aber Lamme hielt ihn zurück und sagte: »Geh nicht, sie ist eine Spionin; wir werden verbrannt werden.«

Das Mädchen wandelte im Garten und hielt sich die Schürze vors Gesicht; aber sie guckte durch die Löcher, ob ihr Freund von Ungefähr nicht bald komme. Nun nahm Uilenspiegel einen Anlauf, um über die Hecke zu setzen, aber Lamme ließ es nicht zu, sondern faßte ihn beim Bein, so daß er fiel, und sagte: »Strick, Schwert und Galgen, sie ist eine Spionin! Geh nicht!«

Auf der Erde sitzend, wehrte sich Uilenspiegel gegen ihn. Das Mädchen steckte den Kopf über die Hecke und rief: »Gott befohlen, Herr; hoffentlich beeinträchtigt die Liebe nicht das Abhängigkeitsgefühl Ew. Langmütigkeit!« Und er hörte ein spöttisches Lachen.

»Ach,« sagte er, »das dringt in mein Ohr wie Nadelstiche!« Dann schloß sich eine Tür geräuschvoll. Und er wurde trübselig.

Lamme, der ihn noch immer hielt, sagte zu ihm: »Du vergegenwärtigst dir all die süßen Schätze der Schönheit, die zu deiner Beschämung also verloren sind. Sie ist eine Spionin. Du fällst immer gut, wenn du einmal fällst. Ich platze noch vor Lachen.« Uilenspiegel sagte kein Wort, und sie bestiegen beide ihre Esel.

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