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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 122
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XVI

Im Namen des Königs und des Herzogs durfte er alle Waffen tragen, welche er wollte. Er nahm seine gute Radbüchse, Ladung und trockenes Pulver. Bekleidet mit einem zerlumpten Mantel, einem zerfetzten Wamse und nach spanischer Mode löcherigen Hosen, auf dem Hute die flatternde Feder und mit dem Schwerte gegürtet, verließ er das Heer nahe bei der französischen Grenze und wanderte Maastricht zu.

Die Zaunkönige, die Boten der Kälte, flogen um die Häuser, Obdach heischend. Es schneite den dritten Tag. Oftmals mußte Uilenspiegel auf der Reise seinen Geleitschein zeigen. Stets ließ man ihn durch. Er wanderte Lüttich zu.

Er kam an den Rand einer Ebene; ein heftiger Wind jagte ihm die Flocken in Wirbeln ins Gesicht. Vor sich sah er die Ebene ganz weiß liegen und die Schneeflocken im Sturme wirbeln. Drei Wölfe folgten ihm; nachdem er aber einen mit seiner Büchse niedergestreckt hatte, warfen sich die andern auf den wunden, rissen ihm Fleischklumpen aus dem Leibe und verschwanden damit im Walde.

Als Uilenspiegel, also befreit, umherblickte, ob nicht ein andres Rudel im Felde sei, sah er am Ende der Ebene eine Anzahl von grauen Punkten, die sich durch die Schneewirbel fortbewegten, und hinter ihnen die schwarzen Gestalten berittener Soldaten. Er stieg auf einen Baum. Der Wind trug ihm ferne Klagelaute zu. »Vielleicht sind das«, sagte er sich, »weiß gekleidete Pilger; ich kann auf dem Schnee kaum ihre Körper ausnehmen.« Dann unterschied er Menschen, die nackt einherliefen, und zwei Reiter in schwarzen Harnischen, die, auf ihren großen Rossen sitzend, den armen Schwarm mit Peitschenhieben vor sich hertrieben. Er lud seine Arkebuse. Unter den Unglücklichen sah er junge Leute, nackte Greise, klappernd, erfroren und eingeschrumpft, vor den Peitschen der zwei Soldaten laufen, und diese, wohlbekleidet und rot vom Branntweine und reichlicher Nahrung, hatten ihre Freude daran, wenn sich ihre Peitschen um den Leib der armen Pilger ringelten und sie zu schnellerm Laufe hetzten.

Uilenspiegel sagte: »Asche Klaasens, du sollst Rache haben.« Mit einer Kugel ins Gesicht schoß er den einen Reiter tot vom Pferde. Der andere, der nicht wußte, woher diese unerwartete Kugel gekommen sei, wurde von Angst gepackt. In dem Glauben, im Walde seien Feinde verborgen, wollte er mit dem Pferde seines Gesellen fliehen. Während er aber, nachdem er sich des Zügels versichert hatte, vom Pferde stieg, um den Toten zu berauben, traf ihn eine Kugel im Halse, und er fiel wie der andere.

Die nackten Menschen, die glaubten, ein Engel, ein guter Schütze, sei ihnen vom Himmel helfen gekommen, fielen auf die Knie. Nun stieg Uilenspiegel vom Baume und ward von denen aus dem Haufen, die mit ihm in den Heeren des Prinzen gedient hatten, erkannt; sie sagten zu ihm: »Uilenspiegel, wir kommen aus Frankreich und hätten in diesem jämmerlichen Zustande nach Maastricht, wo der Herzog ist, gebracht werden sollen, um dort das Schicksal gefangener Aufrührer zu erleiden; da wir kein Lösegeld bezahlen können, wären wir schon im voraus verdammt gewesen, gefoltert und geköpft zu werden oder wie Gauner und Diebe auf den Galeeren des Königs zu rudern.« Indem Uilenspiegel dem Ältesten des Haufens seinen Mantel reichte, antwortete er: »Kommt, ich führe euch nach Mézières; aber zuerst heißt es die zwei Soldaten ausziehen und ihre Pferde einfangen.«

Die Wämser, Hosen, Stiefel und Hüte und die Kürasse der Soldaten wurden unter die Schwächsten und Kränksten verteilt, und Uilenspiegel sagte: »Sehn wir zu, daß wir in den Wald kommen, wo die Luft dicker und linder ist; laufen wir, Brüder!«

Plötzlich fiel ein Mann; und der sagte: »Ich habe Hunger und friere und gehe zu Gott, bezeugen, daß der Papst der Antichrist auf Erden ist.« Und er starb. Sie nahmen ihn mit, um ihn christlich zu begraben.

Während sie auf einer Hauptstraße dahinzogen, gewahrten sie einen Bauern, der einen gedeckten Karren lenkte. Als er die nackten Menschen sah, packte ihn Mitleid, und er ließ sie auf den Karren steigen. Dort fanden sie Heu zum Lager und leere Säcke zum Zudecken. Und bei dem ersten Gefühle von Wärme dankten sie Gott. Uilenspiegel ritt auf dem einen Pferde der Soldaten und führte das andere am Zaume.

In Mézières stiegen sie ab; man gab ihnen Suppe, Bier, Brot und Käse und den Greisen und den Frauen Fleisch. Sie wurden auf Kosten der Gemeinde beherbergt und wieder gekleidet und bewaffnet. Und alle umarmten Uilenspiegel mit Segenswünschen, und er ließ es sich fröhlich gefallen.

Die Pferde der zwei Reiter verkaufte er um achtundvierzig Gulden; dreißig davon gab er den Franzosen.

Als er allein weiterzog, sprach er zu sich: »Ich gehe durch Elend, Blut und Tränen, und finde nichts. Die Teufel haben mich zweifellos belogen. Wo ist Lamme? Wo ist Nele? Wo sind die Sieben?«

Und wieder schlug die Asche Klaasens an seine Brust. Und er hörte eine Stimme, wie ein Hauch: »In Tod, Elend und Tränen suche.«

Und er zog dahin.

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