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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 118
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XII

Der Herzog vermied jede offene Schlacht, beunruhigte aber rastlos den Schweiger, der in dem Flachlande zwischen Jülich und der Maas in ununterbrochener Bewegung war und den Fluß überall, bei Hond, Mechelen, Elsen und Merßen absuchen ließ; überall aber fand man Fußangeln gestreut, die die Menschen und die Pferde beim Durchwaten verletzen sollten.

Bei Stockheim fanden die Peiler nichts dergleichen. Der Prinz befahl den Übergang. Einige Haufen Reiter übersetzten die Maas und stellten sich am andern Ufer in Schlachtordnung auf, um den Rest des Heeres gegen die Seite des Bistums von Lüttich zu decken; dann bildeten zehn Glieder Bogenschützen und Arkebusiere von einem Ufer zum andern eine lebendige Mauer, um den Prall der Strömung zu brechen. Unter den Arkebusieren war auch Uilenspiegel. Das Wasser ging ihm bis zu den Schenkeln, und oftmals hob ihn eine tückische Welle samt seinem Pferde.

Er sah die Fußsoldaten vorüberwaten, die die Pulverbeutel auf den Hüten trugen und ihre Büchsen hoch über dem Haupte hielten. Dann kamen die Packwagen, Hakenbüchsen, Bedienungsmannschaften, Zündmeister, Schlangen, Doppelschlangen, Falkaunen, Falkonette, Serpentinen, Halbserpentinen, Doppelserpentinen, Scharfmetzen, Doppelscharfmetzen, Kanonen, Halbkanonen und Doppelkanonen und endlich auch die Karrenbüchsen, kleine Feldstücke, die aufgeprotzt von zwei Pferden gezogen wurden, so daß sie im Galopp auffahren konnten, durchaus ähnlich denen, die man Kaiserpistolen nannte. Und zum Schlusse kamen als Nachhut Landsknechte und vlämische Reiter.

Uilenspiegel empfand das Bedürfnis nach einem wärmenden Getränke. Neben ihm schnarchte auf seinem Schlachtrosse der Bogenschütze Riesenkraft, ein Deutscher, ein magerer, hartherziger und riesiger Mann, und sein Atem duftete nach Branntwein. Uilenspiegel suchte auf der Kruppe seines Pferdes nach der Flasche und fand sie mit einer Schnur wie ein Wehrgehenk umgeknüpft; er zerschnitt die Schnur, nahm die Flasche und tat ein paar vergnügte Züge. Die Kameraden des Bogenschützen sagten: »Gib uns auch etwas.«

Das tat er. Nachdem der Branntwein ausgetrunken war, knüpfte er die Schnur und wollte die Flasche dem Soldaten wieder an die Brust hängen. Als er ihm den Arm hob, um sie durchzustecken, erwachte Riesenkraft. Sein erster Griff galt der Flasche, um seine Kuh wie sonst zu melken. Da sie keine Milch mehr gab, geriet er in eine grimmige Wut und sagte: »Du Dieb, was hast du mit meinem Branntwein gemacht?«

Uilenspiegel antwortete: »Ich habe ihn getrunken. Unter Reitern, die im Wasser stehn, ist der Branntwein des einzelnen der Branntwein aller. Ein Schuft ist der Geizhals.«

»Morgen sollst du mir vor die Klinge,« antwortete Riesenkraft. »Ich werde aus dir Hackfleisch machen.«

»Wir werden aus uns Hackfleisch machen,« antwortete Uilenspiegel, »aus den Köpfen, aus den Armen, aus den Beinen und aus allem. Aber bist du nicht verstopft, daß du so ein sauers Gesicht machst?«

»Ich bins,« antwortete Riesenkraft.

»Da wäre dir«, entgegnete Uilenspiegel, »ein Abführmittel nützlicher als der Zweikampf.«

Sie kamen überein, sich am nächsten Tage, jeder nach seinem Belieben beritten und gekleidet, zu treffen und sich ihren Speck mit kurzen Stoßdegen zu zerlöchern. Uilenspiegel bat, für seine Person den Stockdegen durch einen Stock ersetzen zu dürfen. Das wurde ihm bewilligt.

Inzwischen hatten alle Soldaten den Fluß übersetzt und sich auf Befehl der Obersten und Hauptleute in guter Ordnung aufgestellt; auch die zehn Glieder Bogenschützen ritten aufs Trockene. Und der Schweiger sagte: »Auf nach Lüttich!«

Uilenspiegel hörte das freudig und schrie samt allen Vlamen: »Heil Oranien! Wir ziehn auf Lüttich!« Aber die Fremden, sonderlich die Deutschen, sagten, sie seien zu gewaschen und durchgespült, um reiten zu können. Vergebens bedeutete ihnen der Prinz, daß sie einem sichern Siege entgegengingen und in eine ihm ergebene Stadt kämen; sie wollten nichts hören: sie zündeten große Feuer an und wärmten sich und ihre abgeschirrten Pferde.

Der Sturm auf die Stadt wurde auf den nächsten Tag verschoben; da hatte schon Alba, der baß erstaunt war über den kühnen Übergang, durch seine Spione erfahren, daß die Soldaten des Schweigers noch nicht zum Sturme bereit waren.

Daraufhin drohte er denen von Lüttich und dem ganzen Lande ringsum mit Feuer und Schwert, wenn sich die Freunde des Prinzen irgendwie rührten. Gerhard von Groesbeke, der Häscher des Bischofs, ließ seine Soldaten gegen den Prinzen ausrücken, der also zu spät kam, dank den Deutschen, die das bißchen Wasser in ihren Hosen nicht hatten vertragen können.

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