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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 117
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XI

Der Schweiger, der in der Gegend von Lüttich war, machte, bevor er die Maas überschritt, Märsche und Gegenmärsche, um so den Herzog in seiner Wachsamkeit irrezuführen. Uilenspiegel kam seinen Soldatenpflichten treulich nach: er handhabte seine Radbüchse geschickt und hielt Augen und Ohren offen.

Damals waren einige vlämische und brabantische Edelleute ins Lager gekommen; sie hielten gute Kameradschaft mit den Herren, Obersten und Hauptleuten im Gefolge des Schweigers. Bald bildeten sich nun im Lager zwei Parteien, die ohne Unterlaß miteinander stritten; die einen sagten: »Der Prinz ist ein Verräter«, die andern antworteten, daß die Ankläger in ihren Hals lögen, und sie würden sie ihre Lüge fressen lassen. Das Mißtrauen griff um sich wie ein Ölfleck. Es kam zum Handgemenge von Gruppen zu sechs, acht und zwölf Mann, die sich mit allen Waffen des Zweikampfes schlugen, selbst mit Arkebusen.

Eines Tages zog der Lärm den Prinzen hin, und er ging ein Stück zwischen den Gegnern. Eine Kugel riß ihm das Schwert von der Seite. Nachdem er den Kampf eingestellt hatte, zeigte er sich allenthalben im Lager, damit man nicht aussprenge: »Der Schweiger ist tot, tot ist der Krieg.«

Am nächsten Tage, gegen Mitternacht, wollte Uilenspiegel eben aus einem Hause, wo er einem wallonischen Mädchen ein vlämisches Liebeslied gesungen hatte, in den Nebel hinaustreten, als er an der Tür einer Hütte neben dem Hause ein dreimal wiederholtes Rabengekrächze hörte. Ein andres Gekrächze antwortete in der Ferne, dreimal für dreimal. Ein Bauer trat auf die Schwelle der Hütte. Auf dem Wege hörte Uilenspiegel Schritte.

Zwei Männer, die Spanisch sprachen, kamen auf den Bauer zu, und der sagte zu ihnen in derselben Sprache: »Was habt ihr getan?«

»Gute Arbeit,« antworteten sie; »wir haben für den König gelogen. Dank uns sagen Hauptleute und Soldaten mißtrauisch zueinander: ›Es ist nur elender Ehrgeiz, daß sich der Prinz gegen den König auflehnt: er bezweckt nur, gefürchtet zu sein und als Friedenspreis Städte und Herrschaften zu erhalten; für fünfmalhunderttausend Gulden wird er die tapfern Herren, die für die Lande kämpfen, im Stiche lassen. Der Herzog hat ihm eine vollständige Amnestie anbieten lassen mit dem Versprechen und dem Schwure, ihnen, ihm und allen Führern des Heeres, ihr Gut zurückzugeben, wenn sie sich dem Könige wieder unterwürfen. Oranien wird allein mit ihm verhandeln.‹

Die Getreuen des Schweigers haben uns geantwortet: ›Angebote des Herzogs, listige Fallstricke, er wird ihnen nicht trauen in der Erinnerung an die Herren von Egmont und von Hoorne.‹ Sie wissen ganz gut, daß der Kardinal Granvella, als er zur Zeit der Gefangennahme der beiden Grafen in Rom war, gesagt hat: ›Man fängt die zwei Gründlinge, und den Hecht läßt man entwischen; wenn ihr den Schweiger nicht habt, so habt ihr nichts!‹«

»Ist die Spaltung groß im Lager?« sagte der Bauer.

»Die Spaltung ist groß«, sagten sie, »und wird jeden Tag größer. – Wo sind die Briefe?«

Sie traten in die Hütte, und es wurde eine Laterne angezündet. Durch eine Luke sah Uilenspiegel, wie sie zwei Sendschreiben entsiegelten, sie mit lebhafter Freude lasen, Met tranken und endlich aufbrachen. Beim Abschiede sagten sie zu dem Bauer auf spanisch: »Das Lager gespalten, Oranien gefangen. Das wird eine gute Limonade geben.«

»Die zwei«, sagte sich Uilenspiegel, »dürfen nicht am Leben bleiben.« Sie schritten durch den dicken Nebel. Uilenspiegel sah, daß ihnen der Bauer eine Laterne brachte, die sie nahmen. Der Schein der Laterne ward oft durch eine schwarze Gestalt unterbrochen; daraus schloß er, daß sie einer hinter dem andern gingen. Er lud seine Arkebuse und schoß auf die schwarze Gestalt. Nun sah er, wie sich die Laterne mehrere Male senkte und wieder hob; er nahm an, daß der eine von den beiden gefallen sei und der andere untersuche, von was für einer Art seine Verletzung sei. Er lud seine Arkebuse wieder. Nun bewegte sich die Laterne allein und flimmerte rasch in der Richtung des Lagers dahin; er schoß von neuem. Die Laterne schwankte, fiel nieder und erlosch. Alles war dunkel.

Als er nun dem Lager zulief, sah er den Profoßen mit einem Trupp Soldaten, die die Schüsse geweckt hatten, herauskommen. Er trat zu ihnen und sagte: »Ich bin der Jäger, kommt das Wild holen.«

»Lustiger Vlame,« sagte der Profoß, »du sprichst anders als mit der Zunge.«

»Worte der Zunge«, sagt Uilenspiegel, »sind Wind; Worte aus Blei bleiben in den Leibern der Verräter. Aber folgt mir.« Er führte sie mit ihren Laternen an den Ort, wo die beiden gefallen waren. Und in der Tat sahen sie sie ausgestreckt auf der Erde liegen, den einen tot, den andern noch röchelnd und die Hand auf der Brust, wo sich ein Brief fand, der ganz zerknittert war durch eine letzte Anspannung des Lebens.

Sie nahmen die Körper, die sie an den Kleidern als die von Edelleuten erkannten, mit sich und machten sich mit ihren Laternen auf den Weg zu dem Prinzen, der eben mit Friedrich von Hollenhausen, dem Markgrafen von Hessen und andern Herren Rat hielt. Begleitet von Landsknechten und Reitern in grünen und gelben Wämsern, kamen sie zu dem Zelte des Schweigers; und sie verlangten mit Geschrei, daß er sie empfangen wolle. Er kam heraus. Uilenspiegel schnitt dem Profoßen, der sich hustend anschickte, wider ihn zu klagen, das Wort ab und sagte: »Gnädiger Herr, ich habe zwei edle Verräter aus Euerm Gefolge für Raben getötet.« Dann erzählte er, was er gesehn, gehört und getan hatte.

Der Schweiger sagte kein Wort. Die zwei Körper wurden durchsucht; außer Wilhelm von Oranien, dem Schweiger, waren noch anwesend Friedrich von Hollenhausen, der Markgraf von Hessen, Dietrich von Schoonenberg, der Graf Albrecht von Nassau, der Graf von Hoogstraten, Anton von Lalaing, Gouverneur von Mecheln, und die Soldaten und unter den Soldaten Lamme Goedzak, zitternd in seinem Wanste. Bei den toten Edelleuten wurden versiegelte Briefe von Granvella und Noircarmes gefunden, worin sie aufgefordert wurden, im Gefolge des Prinzen Zwietracht zu säen, damit sich seine Kräfte verminderten, ihn zum Weichen zu bringen und ihn endlich dem Herzoge in die Hände zu liefern, damit er enthauptet werde nach seinen Verdiensten. Es heiße, besagten die Briefe, umsichtig zu Werke gehn und das Heer durch verblümte Worte glauben machen, der Schweiger habe schon, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, einen nur ihn betreffenden Teilvertrag mit dem Herzoge abgeschlossen. Daraufhin würden ihn die erbosten Hauptleute und Soldaten festnehmen. In den Briefen lag auch für beide je ein Schein auf fünfhundert Dukaten, die bei den Fuggern in Antwerpen flüssig waren; weitere tausend sollten sie bekommen, bis die erwarteten vierhunderttausend aus Spanien in Seeland eingetroffen seien.

Der Anschlag war aufgedeckt. Stumm wandte sich der Prinz zu den Edelleuten, Herren und Soldaten, unter denen gar viele waren, die ihn beargwöhnten: er wies ihnen stumm die beiden Leichen. Und in dieser Gebärde lag ein stiller Vorwurf ihres Mißtrauens. Alle riefen sie mit dröhnender Stimme: »Es lebe Oranien! Oranien ist getreu den Landen!«

Sie wollten die Leichen, um sie zu schänden, den Hunden vorwerfen; aber der Schweiger sagte: »Nicht die Körper sind es, die man den Hunden vorwerfen sollte, sondern die Niedrigkeit der Gesinnung, die hinter den reinsten Absichten Schlechtes wittert.« Und die Herren und die Soldaten riefen: »Heil dem Prinzen! Heil Oranien, dem Freunde der Lande!« Und ihre Stimmen waren wie ein Donnerrollen, der Ungerechtigkeit drohend.

Der Prinz wies auf die Körper: »Begrabt sie christlich.«

»Und ich,« sagte Uilenspiegel, »was soll mit meinem treuen Gerippe geschehn? Habe ich etwas Schlechtes getan, dann gebe man mir Prügel, habe ich etwas Gutes getan, dann möge man mir eine Belohnung gewähren.« Nun sagte der Schweiger: »Der Arkebusier da erhält in meiner Gegenwart fünfzig Streiche mit einem frisch abgeschnittenen Stocke, weil er mit Hintansetzung aller Manneszucht ohne jeglichen Auftrag zwei Edelleute getötet hat; außerdem erhält er dreißig Gulden, weil er gut gesehn und gehört hat.«

»Gnädiger Herr,« antwortete Uilenspiegel, »wenn man mir zuerst die dreißig Gulden gäbe, ertrüge ich die Stockstreiche mit Geduld.«

»Ja, ja,« wimmerte Lamme Goedzak, »gebt ihm zuerst die dreißig Gulden; das übrige wird er mit Geduld ertragen.«

»Und dann«, sagte Uilenspiegel, »brauche ich, da meine Seele rein ist, weder mit Eichenholz gewaschen, noch mit Kirschenprügeln gespült zu werden.«

»Ja,« wimmelte Lamme Goedzak neuerlich, »Uilenspiegel braucht nicht gewaschen und nicht gespült zu werden. Seine Seele ist rein. Wascht ihn nicht, gnädige Herren, wascht ihn nicht!« Nachdem Uilenspiegel die dreißig Gulden erhalten hatte, befahl der Profoß dem Stockmeister, sich seiner zu bemächtigen. »Seht, gnädige Herren,« sagte Lamme, »wie erbärmlich er aussieht. Er hat den Stock gar nicht gern, mein Freund Uilenspiegel.«

»Gern habe ich«, erwiderte Uilenspiegel, »eine wohlbelaubte Esche, die mit ihrem natürlichen Safte an der Sonne wächst; aber auf den Tod kann ich nicht ausstehn diese häßlichen Stöcke, die noch ihr Mark ausbluten, entästet, ohne Laub und ohne Zweiglein, abscheulich zum Ansehn und hart im Umgange.«

»Bist du bereit?« fragte der Profoß. »Bereit?« wiederholte Uilenspiegel, »wozu bereit? Geschlagen zu werden? Nein, ich bin es nicht und will es nicht sein, Herr Stockmeister. Euer Bart ist rot, und Euer Aussehn ist grimmig; aber ich bin sicher, Ihr habt ein mildes Herz und Ihr mögt gar nicht einem armen Teufel wie mir das Kreuz lahm schlagen. Ich muß es Euch sagen: ich habe so etwas nicht gern, nicht einmal das Zusehn; denn der Rücken eines Christenmenschen ist ein geheiligter Tempel, weil er, ebenso wie die Brust, die Lungen umschließt, durch die wir die Luft Gottes atmen. Was für brennende Bisse würden nicht an Euerm Herzen nagen, wenn sie mir ein wuchtiger Hieb in Stücke schlüge!«

»Spute dich,« sagte der Stockmeister. »Gnädiger Herr,« sagte Uilenspiegel zum Prinzen, »es ist wahrlich keine Eile not, glaubt mir; zuerst müßte der Stock getrocknet werden, denn das grüne Holz teilt, wie man sagt, dem lebendigen Fleische beim Eindringen ein tödliches Gift mit. Wollten mich Euere Hoheit eines so häßlichen Todes sterben sehn? Gnädiger Herr, ich halte meinen Rücken treu zur Verfügung Euerer Hoheit: laßt ihn mit Ruten streichen oder laßt ihn mit der Peitsche stäupen; aber wenn Ihr mich nicht tot sehn wollt, so erspart mir, wenn es Euch gefällt, das grüne Holz.«

»Prinz, laßt Gnade walten,« sprachen gleichzeitig der Herr von Hoogstraaten und Dietrich von Schoonenberg. Die andern baten mit den Augen um Erbarmen. Und auch Lamme sagte: »Gnädiger Herr, gnädiger Herr, seid milde; das grüne Holz ist reines Gift.«

Nun sagte der Prinz: »Ich begnadige ihn.« Uilenspiegel tat ein paar Luftsprünge, schlug Lamme auf den Bauch und versuchte ihn im Tanze zu drehn; er sagte zu ihm: »Preise mit mir den gnädigen Herrn, der mich mit dem grünen Holze verschont hat.«

Und Lamme wollte tanzen, aber sein Wanst ließ es nicht zu.

Und Uilenspiegel bezahlte ihm ein Essen samt den Getränken.

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