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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 113
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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VII

Bei hellem Sonnenscheine verließ die Prozession am Morgen die Kirche. Die zwölf Heiligen, die Uilenspiegel so gut, wie er nur konnte, ausgebessert hatte, schwankten zwischen den Bannern der Zünfte auf ihren Sockeln; dann kam das Bild Unserer Frau, dann die Töchter der Jungfrau, die, weiß gekleidet, Loblieder sangen, dann die Bogen- und Armbrustschützen und endlich, zunächst dem Himmel und mehr schwankend als die andern, Pompilius, den die schwere Tracht des heiligen Martin schier erdrückte.

Uilenspiegel, der sich mit Juckpulver versehn gehabt hatte, hatte mit eigener Hand Pompilius in die bischöflichen Gewänder gekleidet, ihm die Handschuhe angezogen und den Stab in die Hand gegeben und ihm die lateinische Art, das Volk zu segnen, gezeigt. Auch den Priestern hatte er beim Ankleiden geholfen; dem einen hatte er die Stola, dem andern den Rock, den Diakonen das Chorhemd angelegt. Er war in der Kirche herumgelaufen, um hier an einem Wamse, dort an Hosen die Falten zu glätten. Er hatte die blankgeputzten Armbrüste und die schrecklichen Bogen der Schützen bewundert und gelobt. Und auf jeden hatte er eine Prise Juckpulver gestreut, auf die Halskrause, in den Rücken oder auf das Handgelenk. Aber der Dechant und die vier Träger des heiligen Martin waren die, die am meisten bekommen hatten. Die Töchter der Jungfrau hatte er verschont, in Anbetracht ihrer süßen Lieblichkeit.

Die Prozession zog aus, die Banner im Winde und die Fahnen fliegend, in der besten Ordnung; wo sie vorbeikam, bekreuzigten sich Männer und Frauen. Und die Sonne blinkte heiß.

Der Dechant war der erste, der die Wirkung des Pulvers verspürte; er kratzte sich ein wenig hinter dem Ohre. Und alle, Priester und Schützen, kratzten sich am Halse, an den Beinen und an den Handgelenken, trachteten aber vorerst noch, es unbemerkt zu tun. Auch die vier Träger kratzten sich. Nur der Glöckner, den es am meisten biß, weil er der glühenden Sonne am meisten ausgesetzt war, getraute sich nicht einmal, sich zu rühren, aus Furcht, lebendig gesotten zu werden. Die Nase verziehend, schnitt er eine häßliche Fratze; er zitterte auf seinen bebenden Beinen, weil er jedesmal, wann sich die Träger kratzten, Gefahr lief, herunterzufallen. Aber er wagte keine Bewegung, und aus Angst ließ er sein Wasser; und die Träger sagten: »Heiliger Martin, wird es denn jetzt regnen?«

Die Priester sangen Unserer Frau eine Hymne:

Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderes,
O sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria.

Denn ihre Stimmen zitterten von dem Jucken, das nun stärker wurde; aber sie kratzten sich bescheidentlich. Dem Dechanten und den vier Trägern des heiligen Martin waren immerhin schon der Hals und die Gelenke zerfressen. Pompilius stand ruhig auf seinen armen, zitternden Beinen, die am meisten zerbissen waren.

Aber plötzlich hielt alles an, um sich zu kratzen, die Armbrustschützen, die Bogenschützen, die Diakone, die Priester, der Dechant und die Träger des heiligen Martin. Das Pulver biß Pompilius bis auf die Fußsohlen, aber er wagte sich nicht zu rühren, aus Furcht, herabzufallen. Und die Ganzgescheiten sagten, der heilige Martin rolle streng seine Augen und sein Gesicht drohe dem armen Volke.

Dann ließ der Dechant die Prozession weiterziehen. Bald machte die Sonnenglut, die senkrecht auf alle die feierlichen Rücken und Bäuche herabstach, die Wirkung des Pulvers unerträglich. Und nun sah man die Priester, die Bogenschützen, die Armbrustschützen, die Diakone und den Dechant dastehn wie ein Rudel Affen und sich schamlos überall kratzen, wo sie es juckte. Die Töchter der Jungfrau sangen ihr Lied, und die frischen Stimmen, die zum Himmel aufstiegen, klangen wie der Gesang der Engel.

Sonst nahmen sie jetzt alle Reißaus, wo sie nur konnten: sich kratzend, brachte der Dechant das Heilige Sakrament in Sicherheit; das fromme Volk trug die Reliquien in die Kirche, und die vier Träger des heiligen Martin warfen Pompilius rauh zur Erde. Der arme Glöckner schloß fromm die Augen; sich zu kratzen, sich zu rühren oder zu reden getraute er sich nicht. Zwei junge Kerle wollten ihn wegschaffen; da er ihnen aber zu schwer war, lehnten sie ihn aufrecht an die Wand. Und dort weinte Pompilius dicke Tränen.

Das Volk sammelte sich um ihn; die Weiber hatten Taschentücher aus feinem weißem Linnen geholt und wischten ihm das Gesicht, um seine Tränen wie Reliquien aufzubewahren, und sie sagten: »Herr, wie ist dir heiß!« Der Glöckner sah sie jammervoll an und schnitt, gegen seinen Willen, Grimassen.

Als aber die Tränen stromweise aus seinen Augen flossen, sagten die Weiber: »Heiliger Martin, weinst du über die Sünden der Stadt Ypern? Hat sich nicht eben deine edle Nase bewegt? Wir leben schon längst nach den Weisungen von Ludwig Vives, und die Armen von Ypern haben Arbeit und Essen. Oh, die dicken Tränen! Es sind Perlen. Unser Heil ist hier.«

Die Männer sagten: »Sollen wir, heiliger Martin, die Ketelstraat in unserer Stadt niederreißen? Aber zeige uns lieber, wie wir es anfangen sollen, daß wir die armen Mädchen daran verhindern, abends auf die Straße zu gehn und sich so in tausend Abenteuer zu verwickeln.«

Plötzlich rief das Volk: »Der Küster kommt!« Uilenspiegel kam, hob Pompilius auf und trug ihn auf seinen Schultern weg, begleitet von den frommen Männern und Frauen. »Ach,« flüsterte ihm der arme Glöckner ins Ohr, »ich sterbe an dem Jucken, mein Sohn.«

»Bleib steif,« antwortete Uilenspiegel; »vergißt du, daß du ein hölzerner Heiliger bist?« Er beschleunigte seinen Lauf und stellte Pompilius vor den Propst, der sich mit seinen Nägeln bis aufs Blut striegelte. »Glöckner,« sagte der Propst, »hast du dich gekratzt wie wir?«

»Nein, Herr,« antwortete Pompilius.

»Hast du geredet oder dich gerührt?«

»Nein, Herr,« antwortete Pompilus.

»Also bekommst du«, sagte der Propst, »deine fünfzehn Dukaten. Und nun geh dich kratzen.«

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