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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 112
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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VI

Uilenspiegel war in Ypern und warb Soldaten für den Prinzen; da ihn aber die Häscher des Herzogs verfolgten, bot er sich dem Propst von St. Martin als Küster an. Zum Gesellen hatte er einen Glöckner, Pompilius Numa mit Namen, eine ausgewachsene Memme, die ihren Schatten in der Nacht für den Teufel und ihr Hemd für ein Gespenst ansah.

Der Propst war fett und quabbelig wie ein für den Bratspieß fertig gemästetes Huhn. Bald sah Uilenspiegel, was für Gras er weidete, um so viel Speck anzusetzen. Nach dem, was er von dem Glöckner erfuhr und mit eigenen Augen sah, frühstückte der Propst um neun und aß um vier zur Nacht. Bis halb neun blieb er im Bette; dann machte er vor dem Frühstück einen Gang durch die Kirche, um sich zu überzeugen, ob die Opferstöcke der Armen wohl gefüllt seien. Die Hälfte ihres Inhalts steckte er in seine Tasche. Um neun Uhr frühstückte er eine Schale Milch, eine halbe Hammelkeule und eine kleine Reiherpastete und leerte fünf Humpen Brüsseler Wein. Um zehn Uhr nahm er einige Zwetschen, befeuchtete sie mit Wein von Orleans und bat Gott, ihn vor Gefräßigkeit zu behüten. Zu Mittag knapperte er zum Zeitvertreibe einen Flügel und den Bürzel eines Kapauns. Um ein Uhr leerte er, von seinem Abendessen träumend, einen großen Becher spanischen Weins; dann streckte er sich auf sein Lager und erquickte sich durch ein Schläfchen.

Wann er wieder munter wurde, naschte er, um seine Eßlust zu reizen, ein bißchen eingesalzenen Lachs und trank eine große Kanne Doppelknol von Antwerpen. Dann ging er in die Küche hinunter und setzte sich vor den Kamin und vor das gute Holzfeuer, das darin brannte. So sah er zu, wie dort für die Mönche der Abtei ein großes Kalbsviertel oder ein wohlabgebrühtes Ferkel briet und sich bräunte. Das hätte er lieber gegessen als einen Laib Brot; aber es gebrach ihm ein wenig an Appetit. Und er sah dem Bratspieße zu, der sich wie durch ein Wunder von selbst drehte. Er war das Werk des Schmiedes Pieter van Steenkiste, der in der Vogtei von Courtrai wohnte. Der Propst hatte ihm für einen solchen Bratspieß fünfzehn Pfund parisisch bezahlt.

Dann ging er zurück ins Bett und entschlummerte vor Müdigkeit; gegen zwei Uhr erwachte er wieder zu ein wenig Schweinsülze, die er mit einem römischen Weine begoß, wovon das Faß auf zweihundertundvierzig Gulden kam. Um drei Uhr aß er ein Vögelchen in Madeirazucker und leerte zwei Gläser Malvasier, das Tönnchen zu siebenzehn Gulden. Um halb vier kam ein halber Topf eingemachter Früchte dran, die er mit Met befeuchtete. Nun erst vollständig munter, nahm er einen Fuß in die Hände und versank in dieser Stellung in Nachdenklichkeit.

Wann es zum Abendessen ging, kam ihn oft der Pfarrer von St. Johann besuchen, um ihm zu dieser nahrhaften Stunde Gesellschaft zu leisten. Manchmal wetteten sie, wer mehr Fisch, Geflügel, Wildbret oder Rindfleisch essen werde; und der, der zuerst voll war, mußte dem andern eine Schüssel Rippchen bezahlen, bereitet mit dreierlei Gattungen heißen Weines, mit viererlei Gewürzen und mit siebenerlei Gemüsen.

Also trinkend und essend, unterhielten sie sich von den Ketzern, über die sie übrigens einig waren, daß ihre Ausrottung nicht gründlich genug geschehn könnte. So gab es denn keine Auseinandersetzung zwischen ihnen, außer wenn sie auf die neununddreißig Arten, eine gute Biersuppe zu bereiten, zu sprechen kamen.

Dann ließen sie ihre ehrwürdigen Häupter auf die priesterlichen Bäuche sinken und schnarchten. Wenn hin und wieder einer im Schlummer träge den Mund öffnete, so tat er dies nur, um zu sagen, die Welt sei doch schön und die armen Leute hätten unrecht, sich zu beklagen.

Das war der heilige Mann, bei dem Uilenspiegel Küster wurde. Er diente ihm trefflich bei der Messe, nicht ohne die Kännchen dreimal zu füllen, zweimal für sich und einmal für den Propst. Gelegentlich half ihm der Glöckner Pompilius Numa.

Uilenspiegel wunderte sich, daß Pompilius so blühend, so panstig und so pausbäckig aussah, und fragte ihn, ob es im Dienste des Propstes gewesen sei, daß er sich dieses beneidenswerte Wohlbefinden zugelegt habe.

»Ja, mein Sohn,« antwortete Pompilius; »aber schließ die Tür, damit uns niemand belauscht.« Dann sagte er mit ganz leiser Stimme: »Du weißt, daß unser Herr Propst alle Gattungen Wein und Bier und alles Geflügel und Fleisch mit einer zärtlichen Liebe liebt. Drum sperrt er sein Fleisch in eine Kammer und seinen Wein in einen Keller; und die Schlüssel verwahrt er in seinem Schubsack. Und wenn er einschläft, so legt er die Hände darauf ... In der Nacht nun, wenn er nichts von sich weiß, nehme ich ihm die Schlüssel vom Bauche weg und bringe sie wieder an ihren Ort, und das nicht ohne zu zittern, mein Sohn; denn wenn er mein Verbrechen kennte, er ließe mich lebendig sieden.«

»Pompilius,« sagte Uilenspiegel, »du brauchst dir nicht so viel Mühe zu machen. Nimm nur noch einmal die Schlüssel, und ich werde sie nachmachen, und wir lassen künftighin die andern auf dem Wanste des guten Propstes.«

»Recht so, mein Sohn,« sagte Pompilius.

Uilenspiegel verfertigte die Schlüssel. Kaum durften sie fortan so gegen acht Uhr abends annehmen, daß der Propst schlafe, so stiegen sie hinunter, um an Fleisch und Flaschen zu nehmen, was ihnen paßte. Uilenspiegel trug die Flaschen und Pompilius das Fleisch, weil Pompilius alleweile wie Espenlaub zitterte und weil die Schinken und Hammelkeulen nicht zerbrechen, wenn sie fallen. Öfters bemeisterten sie sich des Geflügels, bevor es noch gekocht war, und darum mußten etliche Katzen der Nachbarschaft, die dieser Tat bezichtigt wurden, ihr Leben lassen.

Und mit ihrem Raube zogen sie in die Ketelstraat, das ist die Straße der tollen Mädchen. Da sparten sie nichts und schenkten ihren Liebsten freigebig Rauchfleisch und Schinken, Wurst und Geflügel und gaben ihnen Wein von Orleans und von der Romagna zu trinken; und das englische Bier, das auf der andern Seite des Meeres Ale genannt wird, gössen sie stromweise in die frischen Kehlen ihrer Schönen. Und sie wurden mit Liebkosungen bezahlt.

Aber eines Morgens, nach dem Frühstück, ließ sie der Propst beide rufen. Mit schrecklicher Miene saugte er grimmig an einem Markknochen. Pompilius zitterte in den Hosen, und sein Wanst schlotterte vor Furcht. Uilenspiegel war ruhig und streichelte in der Tasche die Kellerschlüssel. Der Propst sagte zu ihm: »Es geht mir jemand über meinen Wein und mein Geflügel; bist du es, mein Sohn?«

»Nein,« antwortete Uilenspiegel.

»Und der Glöckner?« sagte der Propst, auf Pompilius weisend; »hat nicht der seine Hände bei diesem Frevel gehabt? Er ist ja bleich wie ein Sterbender; sicherlich ist ihm der gestohlene Wein zum Gifte geworden.«

»Ach, Herr,« sagte Uilenspiegel, »Ihr beschuldigt Euern Glöckner zu Unrecht; wenn er bleich ist, so kommt das nicht vom Weintrinken, sondern von dem Mangel einer ordentlichen Befeuchtung, wodurch er so schlaff geworden ist, daß ihm noch seine Seele, wenn man sie nicht aufhält, durch die Hosen ausrinnen wird.«

»Es gibt arme Leute auf dieser Welt,« sagte der Propst und schlürfte einen großen Zug Wein aus seinem Humpen. »Aber sag mir, mein Sohn, hast denn du mit deinen Luchsaugen die Diebe nicht gesehn?«

»Ich werde gute Wacht halten, Herr Propst,« antwortete Uilenspiegel.

»Gott schirme euch beide, meine Kinder,« sagte der Propst, »und lebt in Nüchternheit. Denn von der Unmäßigkeit kommt viel Übel in diesem Jammertale. Gehet in Frieden.« Und er segnete sie. Und er saugte wieder an seinem Suppenknochen und trank wieder einen kräftigen Schluck Wein.

Uilenspiegel und Pompilius gingen. »Der niederträchtige Filz,« sagte Uilenspiegel, »nicht einen Tropfen von seinem Wein hätte er uns gegeben! Ihn weiter zu bestehlen, wird fürwahr ein gutes Werk sein. Aber was hast du denn, daß du so zitterst?«

»Ich habe meine Hosen ganz naß,« sagte Pompilius.

»Das Wasser trocknet rasch, mein Sohn,« sagte Uilenspiegel. »Aber sei guten Muts, heute abend gibts Flaschenmusik in der Ketelstraat. Und wir besäufen die drei Nachtwächter, die dann die Stadt schnarchend bewachen mögen.« Gesagt, getan.

Unterdessen nahte der Tag des heiligen Martin; die Kirche war geziert fürs Fest. Uilenspiegel und Pompilius betraten sie in der Nacht, versperrten die Türen, zündeten alle Kerzen an, nahmen eine Geige und einen Dudelsack und spielten auf diesen Instrumenten ihre schönsten Melodien. Und die Kerzen flammten wie Sonnen. Aber das war noch nicht alles. Als sie ihr Geschäft verrichtet hatten, gingen sie zum Propste; trotz der späten Stunde trafen sie ihn noch wach: er knapperte eine Drossel und trank Rheinwein dazu. Als er die erleuchteten Kirchenfenster sah, riß er die Augen weit auf.

»Herr Propst,« sagte Uilenspiegel, »wollt Ihr wissen, wer Euer Fleisch ißt und Euern Wein trinkt?«

»Und also beleuchtet?« sagte der Propst und zeigte auf die Kirchenfenster: »Ach, Herr Gott, erlaubst du es denn dem heiligen Martin, zu nächtlicher Weile also die Kerzen der armen Mönche zu verbrennen, ohne sie zu bezahlen?«

»Er macht noch ganz andere Dinge, Herr Propst,« sagte Uilenspiegel; »aber kommt nur.« Der Propst nahm seinen Krummstab und folgte ihnen; sie betraten die Kirche.

Da sah er mitten im großen Schiffe alle Heiligen herabgestiegen aus ihren Nischen, im Kreise aufgestellt und, wie es ihm schien, von dem heiligen Martin befehligt, der sie um eine Haupteslänge überragte und in der zum Segnen ausgestreckten Hand eine gebratene Truthenne hielt. Die andern hatten in der Hand oder im Munde Hühnerflügel, Gänsebügel, Würstchen, Schinkenschnitten und rohe oder gebackene Fische, einer sogar einen Hecht, der gut vierzehn Pfund wog. Und jedem lag vor den Füßen eine Flasche Wein.

Über diesen Anblick war der Propst außer sich vor Zorn; er wurde so rot, und sein Gesicht schwoll so an, daß Pompilius und Uilenspiegel glaubten, er werde platzen. Aber der Propst ging, ohne sie zu beachten, geradewegs auf den heiligen Martin zu mit drohender Gebärde, als ob er ihn für den Frevel der andern verantwortlich machen wollte; er riß ihm die Truthenne aus der Hand und versetzte ihm so gewaltige Schläge, daß er ihm die Arme, die Nase, den Krummstab und die Mitra brach.

Auch bei den andern sparte er seine Streiche nicht, und mehr als einer ließ unter seinen Schlägen außer den Armen und Händen auch die Mitra und den Krummstab und die Sense, das Beil, den Rost und die Säge und die andern Zeichen ihrer Würde und ihres Märtyrertums. Dann ging der Propst mit schlotterndem Wanste selbst daran, wütend und hastig alle Kerzen zu verlöschen. Was er nur konnte, raffte er von dem Schinken, dem Geflügel und den Würsten zusammen; schwankend unter der Bürde, ging er in seine Schlafkammer zurück, so erbost und ärgerlich, daß er Schluck um Schluck drei große Flaschen Wein austrank.

Nachdem sich Uilenspiegel vergewissert hatte, daß er schlief, trug er alles, was der Propst gerettet zu haben glaubte, und alles, was noch in der Kirche war, in die Ketelstraat; die besten Bissen hatte er allerdings vorher selber gespeist. Und die Reste und die Knochen legten sie den Heiligen vor die Füße.

Am nächsten Tage, als Pompilius zur Mette läutete, holte Uilenspiegel den Propst aus dem Bette in die Kirche. Dort wies er ihm die Reste der Heiligen und des Geflügels und sagte: »Herr Propst, Ihr habt Euch umsonst angestrengt; sie haben es trotz alledem gegessen.«

»Ja,« antwortete der Propst, »sogar bis in die Schlafkammer sind sie gekommen, wie Diebe, um auch das noch zu nehmen, was ich beiseite gebracht habe. Ah, ihr Heiligen, ich werde mich beim Papste beschweren.« »So ists recht,« antwortete Uilenspiegel; »aber übermorgen ist die Prozession, und die Arbeiter werden bald in die Kirche kommen; wenn die die armen Heiligen so verstümmelt sehn, fürchtet Ihr da nicht, als Bilderstürmer angeklagt zu werden?«

»Ach, heiliger Martin,« sagte der Propst, »verschone mich mit dem Feuer! Ich wußte nicht, was ich tat.« Dann wandte er sich zu Uilenspiegel, während der furchtsame Glöckner inzwischen an den Glocken baumelte. »Von jetzt bis Sonntag«, sagte er, »ist die Zeit zu kurz, um den heiligen Martin wieder zurechtzumachen. Was soll ich tun, und was wird das Volk sagen?«

»Herr,« antwortete Uilenspiegel, »da heißt es zu einem unschuldigen Notbehelfe greifen. Wir leimen Pompilius einen Bart unter sein Gesicht, das mit seiner ewigen Trübseligkeit ehrwürdig genug ist, wir mummen ihn mit der Mitra, dem Hemde, dem Rocke und dem großen Mantel des Heiligen, und wir schärfen ihm gut ein, auf seinem Sockel unbeweglich zu bleiben; und das Volk wird ihn für den hölzernen heiligen Martin halten.«

Der Propst ging zu Pompilius, der an den Glockenseilen baumelte: »Laß das Läuten und höre mir zu: willst du fünfzehn Dukaten verdienen? Am Sonntag, an dem Tage der Prozession, wirst du der heilige Martin sein; Uilenspiegel wird dich herrichten, wie es sich gehört. Solltest du aber, wann du von deinen vier Männern getragen wirst, die geringste Bewegung machen oder nur ein Wörtlein sprechen, so lasse ich dich lebendig in Öl sieden in dem großen Kessel, den der Henker soeben gegenüber den Hallen gebaut hat.«

»Gnädiger Herr,« sagte Pompilius, »meinen besten Dank; aber Ihr wißt, ich halte mein Wasser nur schwer.«

»Es heißt gehorchen,« sagte der Propst.

»Ich werde gehorchen,« sagte Pompilius gar jämmerlich.

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