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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 111
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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V

Damals sammelte der Schweiger ein Heer und ließ es von drei Seiten in die Niederlande einbrechen.

Und Uilenspiegel sagte in einer Zusammenkunft von Buschgeusen von Marenhout: »Auf Veranlassung derer von der Inquisition hat Philipp, der König, alle Bewohner der Niederlande und jeden einzeln der Majestätsbeleidigung schuldig erklärt, begangen durch die Ketzerei, ebensowohl indem man ihr angehangen hat, als auch indem man ihr kein Hemmnis in den Weg gelegt hat; und in Anbetracht dieses fluchwürdigen Verbrechens verurteilt er sie alle ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter, die ausgenommen, die mit Namen bezeichnet sind, zu den für derlei Frevel festgesetzten Strafen, und das ohne jede Hoffnung auf Gnade. Der König erbt. Der Tod schwingt seine Hippe über das reiche weite Land, das da begrenzt wird von der Nordsee, von der Grafschaft Emden, von der Ems, von Westfalen, von Cleve, von Jülich und von Lüttich, von den Bistümern Köln und Trier, von Lothringen und von Frankreich. Der Tod schwingt seine Hippe über eine Fläche von dreihundertvierzig Meilen, in zweihundert ummauerten Städten, in einhundertfünfzig mit städtischen Rechten begabten Flecken, in den Dörfern, in den Weilern und im Flachlande. Der König erbt.

Elftausend Henker sind nicht zu viel für dieses Geschäft. Alba nennt sie Soldaten. Und die Erde unserer Väter ist zu einem Leichenfelde geworden, das die Künste fliehn, das die Handwerker und Gewerbsleute verlassen, um den Fremden reich zu machen, der ihnen erlaubt, den Gott des freien Gewissens anzubeten. Der Tod und das Elend mähen. Der König erbt.

Die Lande haben ihre Freiheiten kraft des Geldes erworben, das sie bedürftigen Fürsten gegeben haben; diese Freiheiten sind zerrissen. Sie hatten gehofft, gemäß den zwischen ihnen und den Herrschern abgeschlossenen Verträgen, den Reichtum, die Frucht ihrer Arbeit, genießen zu dürfen; sie haben sich getäuscht: der Maurer baut für den Brand, der Werkmann arbeitet für den Dieb. Der König erbt.

Blut und Tränen! Der Tod schwingt seine Hippe auf den Scheiterhaufen, auf den Bäumen, die den Heerstraßen entlang als Galgen dienen, in den offenen Gräbern, worein die armen Mädchen lebendig geworfen werden, in den Tonnen, wo die Gefangenen in den Kerkern ersäuft werden, in den Ringen entzündeter Reisigbündel, in deren Mitte die Dulder bei langsamem Feuer brennen, in den flammenden Strohhütten, wo die Opfer im Feuer und im Qualme sterben. Der König erbt.

So hat es der Papst von Rom haben wollen.

Die Städte strotzen von Spionen, die von dem Vermögen der Opfer ihren Teil begehren. Je reicher einer ist, desto schuldiger ist er. Der König erbt.

Aber die wackern Männer der Lande werden sich nicht abkehlen lassen wie Schafe. Unter denen, die fliehen, sind bewaffnete, die im Busch Zuflucht suchen. Die Mönche haben sie angezeigt, damit man sie töte und ihr Gut nehme. Darum stürzen sie sich bei Nacht und bei Tag, wie die Wölfe in Rudeln auf die Klöster und nehmen die Leuchter wieder, deren Silber dem armen Volke aus der Tasche gestohlen worden ist, und nehmen die goldenen und silbernen Reliquienschreine, die Monstranzen, die Hostienteller und die kostbaren Gefäße. Ists nicht so, gute Leute? Sie trinken den Wein, den die Mönche für sich allein bewahrten. Die Gefäße werden eingeschmolzen oder verpfändet und dienen dem heiligen Kriege. Heil den Geusen!

Sie umschwärmen die Soldaten des Königs, sie töten sie, sie plündern sie; und dann zurück in ihre Schlupfwinkel! Tag und Nacht entzünden sich und verlöschen in den Wäldern die Feuer, die stets ihren Platz wechseln. Das ist das Feuer unserer Schmäuse. Für uns ist das behaarte und das gefiederte Gewild. Wir sind Herren. Die Bauern geben uns Brot und Speck, wann wir wollen. Lamme, sieh sie an. Zerlumpt, wild und trotzigen Blickes schweifen sie durch den Busch mit ihren Äxten, Hellebarden, Schwertern, Plempen, Spießen, Lanzen, Armbrüsten und Arkebusen; denn alle Waffen sind ihnen recht, und sie wollen nicht unter Fahnen ziehen. Heil den Geusen!«

Und Uilenspiegel sang:

Rühret die Trommel, dirre dom dein,
Rühret die Trommel, dirre dum dum,
Rühret die Trommel, dirre dom dein,
Rühret die Trommel des Kriegs!

Dem Herzog reißt das Gedärm aus dem Bauch!
Verbleut ihm damit das Gesicht!
Rühret die Trommel, die Trommel gerührt!
Der Tod für den Herzog, sein Gebein sei verflucht!

Den Hunden sei Speis er! Dem Henker der Tod! Den Geusen Heil!
Er werde gehenkt an der Zunge,
Und am Arme! an der Zunge, die das Urteil gebeut,
Und an dem Arme, der dem Henker winkt!
Rühret die Trommel des Kriegs!
Rühret die Trommel! Den Geusen Heil!

Mit den Leibern der Opfer werft ihn lebend ins Grab!
Auf daß er in dem Gestanke
Den Tod erleide der Todespest!
Rühret die Trommel! Den Geusen Heil!

O Heiland, veracht den Soldaten nicht,
Der das Feuer nicht achtet und nicht den Strick,
Der das Schwert nicht scheuet um dein Wort!
Er will nur die Freiheit der Vatererd.
Rühret die Trommel, dirre dom dein,
Rühret die Trommel des Kriegs. Den Geusen Heil!

Und alle tranken und schrien: »Heil den Geusen!«

Uilenspiegel nahm einen Schluck aus dem vergoldeten Humpen, der einmal einem Mönch gehört hatte, und betrachtete mit Stolz die wackern Gesichter der Buschgeusen.

»Ihr menschliches Wild,« sagte er, »ihr seid Wölfe, Löwen und Tiger. Zerreißt die Hunde des Blutkönigs!«

»Heil den Geusen!« klang es, und sie sangen:

Rühret die Trommel, dirre dom dein,
Rühret die Trommel, dirre dum dum!
Rühret die Trommel des Kriegs! Den Geusen Heil!

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