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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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Eines Morgens sah Soetkin, daß Klaas, den Kopf gesenkt, in der Küche herumirrte, wie ein Mensch, der in Gedanken verloren ist. Sie sagte: »Was hast du für einen Kummer, Mann? Du bist bleich, unmutig und zerstreut.«

Klaas antwortete mit dumpfer Stimme, wie ein Hund, der greint: »Sie wollen die grausamen Plakate des Kaisers erneuern. Der Tod wird von neuem über Flandern schweben. Die Angeber werden die Hälfte des Gutes der Opfer erhalten, außer das Gut ist größer als hundert Karlsgulden.«

»Wir sind arm,« sagte sie.

»Arm wohl,« antwortete er, »aber doch nicht arm genug. Es gibt solche jämmerliche Menschen, Geier und Raben, die von Leichen leben, die uns, um mit Seiner Majestät einen Korb Kohlen zu teilen, geradeso angeben werden, wie wenn es sich um einen Sack Karlsgulden handelte. Was besaß denn das arme Tanneken, die Witwe von Sies dem Schneider, die in Heist versterben mußte, lebendig begraben? Außer einer lateinischen Bibel und drei Gulden noch ein wenig Geschirr aus englischem Zinn, wonach ihre Nachbarin lüstern war. Joanna Martens ist ins Wasser geworfen, dann aber als Hexe verbrannt worden; denn ihr Körper hatte oben geschwommen, und darin sah man Zauberei. Sie besaß einen armseligen Hausrat und in einem Beutel sieben Karlsgulden, und der Angeber wollte die Hälfte haben! Ach, bis morgen, Weib, könnte ich dir so erzählen, aber laß nur, Weib, das Leben in Flandern ist nicht mehr lebensmöglich wegen dieser Plakate. Bald wird allnächtlich der Karren des Todes durch die Stadt fahren, und wir werden das Gerippe sich tummeln hören mit dem dürren Klirren seines Gebeins.«

Soetkin sagte: »Du brauchst mir keine Angst zu machen, Mann. Der Kaiser ist der Vater von Flandern und Brabant und als Vater begabt mit Langmut, Milde, Duldsamkeit und Erbarmen.«

»Er würde dabei zu viel verlieren,« antwortete Klaas; »er erbt ja das eingezogene Gut.«

Plötzlich erklang die Trompete des Stadtherolds, und seine Zimbeln schrillten. Klaas und Soetkin, die abwechselnd Uilenspiegel trugen, liefen auf den Lärm mit der Volksmenge hin. Als sie zum Stadthause kamen, hielten dort die Herolde zu Pferde, die Trompete blasend und die Zimbeln schlagend, und der Profoß, den Stab der Gerechtigkeit in der Hand; und der Stadtprokurator, hoch zu Roß, hielt eine Verordnung des Kaisers in beiden Händen und schickte sich an, sie vor der Volksmenge zu verlesen.

Klaas verstand gar wohl, daß darin von neuem allen, allgemein und einzeln, verboten wurde, zu drucken, zu lesen, zu besitzen oder zu bewahren die Schriften, Bücher und Lehren von Martin Luther, Johannes Wiclif, Johannes Huß, Marsilius von Padua, Oecolampadius, Ulricus Zwingli, Philippus Melanchthon, Franciscus Lambertus, Johannes Pomeranus, Otto Brunfelsius, Justus Jonas, Johannes Puperis und Gorcianus, ferner die Drucke des Neuen Testaments von Adriaan van Bergen, Christoffel van Remonda und Joannes Zel, voll lutherischer und anderer Irrlehren, verworfen und verdammt von der theologischen Fakultät der Universität zu Löwen. »Gleichfalls das Malen oder Konterfeien oder das Bestellen des Malens oder Konterfeiens von schmählicher Schilderei oder Afterbildern Gottes und der heiligen Jungfrau Maria oder seiner Heiligen und das Zerbrechen, Vernichten oder Verwischen von Bildern oder Konterfeien, die gemacht worden sind zur Ehre, zur Erinnerung oder zum Gedächtnis für Gott und die heilige Jungfrau oder die von der Kirche anerkannten Heiligen.« Überdies, besagte das Edikt, sollte sich niemand, wes Standes er immer sei, unterstehn, in der Heiligen Schrift zu unterrichten oder über sie zu streiten, dies nicht einmal bei zweifelhaften Stellen, außer er sei ein wohlberufener Theologe, anerkannt von einer namhaften Universität.

Unter andern Strafen setzte Seine Heilige Majestät fest, daß die Verdächtigen nie und nimmer sollten ein Ehrenamt bekleiden dürfen. Leute, die in ihren Irrtum zurückfielen oder widerspenstig seien, die sollte man verurteilen, verbrannt zu werden an einem linden oder einem lebhaften Feuer, in einem Strohgehäuse oder an einen Pfosten gefesselt, je nach dem Gutdünken des Richters. Die andern sollten gerichtet werden durch das Schwert, wenn sie Edelleute oder gute Bürger seien, gemeine Mannsleute aber am Galgen und die Frauen durch Eingraben. Ihre Köpfe sollten zum abschreckenden Beispiele auf Pfählen aufgepflanzt werden. Dazu hatte noch, zum Vorteile des Kaisers, die Einziehung aller Güter zu erfolgen, die an Plätzen lagen, welche der Einziehung unterworfen waren.

Seine Heilige Majestät bewilligte den Angebern die Hälfte alles dessen, was die Toten besessen hatten, wenn nicht ihre Habe alles in allem den Betrag von hundert Pfund Groschen flandrisches Geld überstieg. Für seinen Teil behielt sich der Kaiser vor, ihn auf Werke der Frömmigkeit und Barmherzigkeit anzuwenden, wie ers beim Sacco di Roma getan hat.

Traurig ging Klaas mit Soetkin und Uilenspiegel weg.

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