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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 106
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XX

Simon sagte eines Tages zu Uilenspiegel: »Höre, Bruder, hast du Mut?«

»Ich habe so viel,« antwortete Uilenspiegel, »wie es braucht, um einen Spanier bis auf den Tod zu stäupen, um einen Meuchler zu töten und um einen Mörder zu vertilgen.«

»Könntest du«, fragte ihn der Drucker, »in einem Kamin ein paar Stunden geduldig ausharren und belauschen, was in dem Zimmer gesprochen wird?«

Uilenspiegel antwortete: »Da mir Gott starke Lenden und geschmeidige Knie gegeben hat, vermag ich, wo ich will, lang auszuhalten wie eine Katze.«

»Hast du Geduld und ein gutes Gedächtnis?« fragte Simon.

»Die Asche Klaasens schlägt an meine Brust,« antwortete Uilenspiegel.

»Höre denn,« sagte der Drucker. »Du nimmst diese also zusammengefaltete Karte, gehst nach Dendermonde und klopfst dort an die Pforte des Hauses, das hier abgezeichnet ist, dreimal, zweimal stark und einmal leise. Irgend jemand wird dir öffnen und dich fragen, ob du der Schornsteinfeger bist; du antwortest, daß du mager bist und die Karte nicht verloren hast. Du zeigst sie ihm. Und dann, Thijl, tust du, was du sollst. Großes Unheil schwebt über Flandern. Man wird dir einen schon hergerichteten und gefegten Kamin zeigen; du wirst gute Klammern für deine Füße und ein festes Holzbrettchen als Sitz vorfinden. Wenn dir der, der dir geöffnet hat, sagen wird, du sollest in den Kamin steigen, dann tust du es und verhältst dich drinnen ganz ruhig, Erlauchte Herren werden sich in dem Zimmer vor dem Kamin, wo du steckst, versammeln. Es sind dies Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien, und die Grafen von Egmont, von Hoorne und von Hoogstraten, endlich der Graf Ludwig von Nassau, der wackere Bruder des Schweigers. Wir Reformierten wollen wissen, was die Herren unternehmen wollen und können, um die Lande zu retten.«

Am ersten April setzte Uilenspiegel ins Werk, was ihm befohlen worden war, und kroch in den Kamin. Mit Befriedigung sah er, daß kein Feuer drin brannte, und war froh, daß ihm kein Rauch das Hören beeinträchtigen werde. Bald öffnete sich die Tür des Saales, und ein Windstoß ließ ihn durch und durch erschauern; er ertrug es mit Geduld und meinte, so werde seine Aufmerksamkeit wacherhalten werden.

Dann hörte er die Herren von Oranien und Egmont mit den andern in den Saal treten. Sie begannen von ihren Besorgnissen zu reden, vom Zorn des Königs und von der schlechten Verwaltung der Gelder und Zölle. Einer sprach mit scharfem, lautem und hellem Klange; das war Egmont. Uilenspiegel erkannte ihn, wie er auch Hoogstraten an seiner heisern Stimme erkannte, Hoorne an seiner tiefen Stimme, den Grafen Ludwig von Nassau an seinem knappen und kriegerischen Reden und den Schweiger daran, daß er alle Worte so bedächtig herausbrachte, als ob er sie einzeln auf die Wage gelegt hätte.

Der Graf von Egmont fragte, warum man sie noch ein zweites Mal zusammenberufen habe, wo sie doch schon in Hellegat Muße genug gehabt hätten, ihre Entschlüsse zu fassen. Hoorne antwortete: »Die Stunden fliehen rasch, die Mißstimmung des Königs wächst; hüten wir uns vor allem Zaudern.«

Nun sagte der Schweiger: »Die Lande sind in Gefahr; sie müssen gegen den Einfall eines fremden Heeres gesichert werden.«

Egmont antwortete erregt, er finde es wunderlich, daß der König und Herr daran denken sollte, ein Heer herzusenden, wo durch die Bemühungen der Herren, sonderlich durch die seinigen, alles beruhigt sei. Aber der Schweiger: »Philipp hält in den Niederlanden vierzehn Haufen Kriegsvolk; alle Soldaten sind blindlings dem ergeben, der sie bei Gravelingen und St. Quentin geführt hat.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte Egmont.

Der Prinz entgegnete: »Ich will weiter nichts mehr sagen, aber es sollen Euch und den andern Herren gewisse Briefe vorgelesen werden, für den Anfang die des armen Gefangenen Montigny.« In diesen Briefen schrieb der Herr von Montigny: ›Der König ist außergewöhnlich erbost über das, was in den Niederlanden geschehn ist, und er wird im gegebenen Augenblicke die Begünstiger der Unruhen strafen.‹

Darauf sagte der Graf von Egmont, ihm sei kalt, und es wäre gut, ein ordentliches Feuer zu machen. Dies geschah, während die beiden Herren über den Brief sprachen. Das Feuer fing nicht, wegen des allzu großen Pfropfens, der im Kamine steckte, und das Zimmer ward voll Rauch.

Nun las der Graf von Hoogstraten, hustend, die aufgefangenen Briefe von Alava, Gesandten Spaniens, an die Regentin. »Der Gesandte schreibt,« sagte er, »daß alles Üble, was in den Niederlanden geschehn ist, das Werk der drei Männer sei, nämlich Oraniens, Egmonts und Hoornes. ›Man muß‹, sagt der Gesandte, ›den drei Herren ein freundliches Gesicht zeigen und ihnen sagen, der König erkenne es an, daß er die Lande durch ihre Bemühungen in der Botmäßigkeit erhalten habe. Was hingegen die zwei betrifft, Montigny und Bergen, so sind sie dort, wo sie bleiben sollen.‹«

»Ach,« sagte Uilenspiegel, »lieber ist mir ein rauchiger Kamin im vlämischen Lande, als ein frisches Gefängnis in Spanien; denn dort wachsen Knebel zwischen den feuchten Mauern.«

»Der besagte Gesandte fügt bei, daß der König in der Stadt Madrid gesagt hat: ›Durch all das, was in den Niederlanden geschehn ist, ist unser königliches Ansehn geschmälert und der Gottesdienst herabgewürdigt worden; und wir werden lieber unser ganzes Reich daransetzen, als einen solchen Aufruhr ungestraft lassen. Wir sind entschlossen, in eigener Person in die Niederlande zu kommen und die Unterstützung des Papstes und des Kaisers anzurufen. Unter dem gegenwärtigen Übel liegt das zukünftige Gute. Wir werden die Niederlande unter unsere unumschränkte Botmäßigkeit zurückbringen und dort die Gesetze, die Religion und die Regierung nach unserer Weise umgestalten.‹«

»Ach, König Philipp,« sagte Uilenspiegel bei sich, »wenn ich dich nach meiner Weise umgestalten könnte, würdest du unter meinem vlämischen Stocke eine merkliche Umgestaltung deiner Schenkel, Arme und Beine erleiden; ich würde dir den Kopf mit zwei Nägeln auf den Rücken nageln, um zu sehn, ob du auch in diesem Zustand, wo du den Friedhof, den du hinter deinen Schritten zurückläßt, betrachten könntest, dein Lied von tyrannischer Umgestaltung nach deiner Weise singen würdest.«

Man brachte Wein. Hoogstraten erhob sich und sagte: »Ich trinke auf die Lande!« Alle taten wie er, der, indem er den geleerten Humpen auf den Tisch setzte, fortfuhr: »Für den belgischen Adel schlägt die schlimme Stunde. Es heißt an die Mittel der Verteidigung denken.« Auf eine Antwort wartend, sah er Egmont an; der sagte kein Wort.

Aber der Schweiger sprach: »Wir werden Widerstand leisten, wenn uns nicht Egmont, der zweimal, bei St. Quentin und bei Gravelingen, Frankreich hat erzittern lassen, Egmont, dem die vlämischen Soldaten blinden Gehorsam leisten, im Stiche läßt, sondern uns hilft, dem Spanier den Eintritt in unsere Lande zu verwehren.«

Der Graf von Egmont antwortete: »Ich habe zu viel Ehrfurcht vor dem Könige, um glauben zu können, daß wir uns zum Aufruhr gegen ihn bewaffnen sollten. Mögen sich die flüchten, die seinen Zorn fürchten. Ich bleibe, da ich auf seine Unterstützungen angewiesen bin.«

»Philipp kann sich grausam rächen,« sagte der Schweiger.

»Ich habe Vertrauen,« antwortete Egmont.

»Den Kopf mit einbegriffen?« fragte Ludwig von Nassau.

»Mit einbegriffen den Kopf, den Leib und die Ergebenheit, die ihm gehören.«

»Freund und Bruder, ich tue wie du,« sagte Hoorne.

Der Schweiger sagte: »Es heißt sich vorsehn und nicht zaudern.«

Nun sagte Egmont heftig: »Ich habe in Geertsbergen zweiundzwanzig Reformierte henken lassen. Wenn die Predigten aufhören, wenn man die Bilderstürmer bestraft, wird sich der Zorn des Königs legen.«

Der Schweiger antwortete: »Das sind unsichere Hoffnungen.«

»Waffnen wir uns mit Vertrauen,« sagte Egmont. »Waffnen wir uns mit Vertrauen,« sagte Hoorns. »Mit Eisen heißt es sich waffnen und nicht mit Vertrauen,« entgegnete Hoogstraten. Inzwischen traf der Schweiger Anstalten zum Aufbruch.

»Lebe wohl, Prinz ohne Land,« sagte Egmont.

»Lebe wohl, Graf ohne Kopf,« sagte der Schweiger.

Noch sagte Ludwig von Nassau: »Den Metzger für den Hammel, Ruhm für den Soldaten, der das Land der Väter rettet!«

»Ich kann nicht, ich will nicht,« sagte Egmont.

»Das Blut der Opfer«, sagte Uilenspiegel, »komme auf das Haupt des Höflings!«

Die Herren entfernten sich.

Uilenspiegel stieg aus dem Kamin und machte sich auf der Stelle auf, um die Neuigkeiten Praet zu melden. Der sagte: »Egmont ist ein Verräter; Gott ist mit dem Prinzen.«

 

Der Herzog! Der Herzog in Brüssel! Wo sind die Geldkisten, die Flügel haben?

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