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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 105
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XIX

Im nächsten Monate gab ein gewisser Doktor Agileus Uilenspiegel zugleich mit zwei Gulden Briefe, mit denen er sich zu Simon Praet begeben sollte, um sich ihm zur Verfügung zu stellen. Uilenspiegel fand bei Praet Zehrung und Unterkunft, Sein Schlaf war gut, und gut war auch sein jugendfrisches Aussehn; Praet hingegen schien mit seinem grämlichen und bekümmerten Gesichte immer in traurigen Gedanken versunken zu sein. Und wenn Uilenspiegel zufällig einmal des Nachts aufwachte, vernahm er zu seiner Verwunderung Hammerschläge. So zeitlich er auch aufstand, immer war Simon Praet schon vor ihm auf den Beinen, und sein Gesicht war noch kummervoller, und seine Augen waren noch trauriger, flackernd wie die eines Mannes, der in den Tod oder in die Schlacht gehn soll. Oft seufzte Praet tief, die Hände zum Gebete gefaltet, und immer schien er voll unwilliger Erregung. Seine Finger waren schwarz und fettig, ebenso seine Arme und sein Hemd.

Uilenspiegel beschloß, in Erfahrung zu bringen, woher die Hammerschläge kämen, warum Praets Arme schwarz seien und woher sein Trübsinn rühre. Eines Abends, als er mit Simon, der sich nur ungern dazu herbeigelassen hatte, in der ›Blauwe Gans‹ gewesen war, stellte er sich stockbetrunken und tat, als ob sein Kopf so schwer wäre, daß er ihn unverzüglich aufs Kissen legen müßte. Und Praet brachte ihn traurig heim.

Uilenspiegel schlief auf dem Boden bei den Katzen; das Bett Praets war im Erdgeschoß beim Keller.

Uilenspiegel stieg, indem er seine angebliche Trunkenheit beibehielt, torkelnd die Treppe hinauf und klammerte sich dabei, wie um nicht zu fallen, an den Strick. Simon half ihm mit zarter Sorgfalt wie ein Bruder. Als er ihn ins Bett gelegt hatte, ging er hinunter; und er beklagte den Trunkenen und bat Gott für ihn um Verzeihung. Und bald vernahm Uilenspiegel die Hammerschläge, die ihn manchmal geweckt hatten.

Leise stand er auf und schlich mit nackten Füßen hinunter; als er zweiundsiebenzig schmale Stufen hinter sich hatte, fand er eine niedrige Tür, durch deren halbe Öffnung ein schwacher Lichtschimmer drang.

Simon bedruckte lose Blätter mit alten Lettern aus der Zeit Laurens Costers, des großen Förderers der edeln Buchdruckerkunst. »Was machst du da?« fragte Uilenspiegel. Entsetzt antwortete Simon: »Wenn du vom Teufel bist, so gib mich an, auf daß ich sterbe; bist du aber von Gott, so sei dein Mund das Gefängnis deiner Zunge.«

»Ich bin von Gott,« antwortete Uilenspiegel, »und will dir nichts Böses. Was machst du da?«

»Ich drucke Bibeln,« antwortete Simon. »Bei Tage veröffentliche ich, um meiner Frau und meinen Kindern Brot zu schaffen, die grausamen und schlechten Edikte Seiner Majestät, und in der Nacht säe ich das wahre Wort Gottes und mache so das Schlechte wieder gut, das ich tagsüber begangen habe.«

»Du bist gut,« sagte Uilenspiegel.

»Ich habe den Glauben,« antwortete Simon.

Und in der Tat war es diese heilige Druckerei, woraus die vlämischen Bibeln hervorgingen, die sich durch die Lande von Brabant, Flandern, Holland, Seeland, Utrecht, Nordbrabant, Oberyssel und Geldern verbreiteten, bis endlich eines Tages Simon verurteilt wurde, enthauptet zu werden. Also hat er sein Leben für Christus und die Gerechtigkeit hingegeben.

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