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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 104
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XVIII

Als Pilger verkleidet, brach Uilenspiegel unverzüglich ohne Mundvorrat und ohne Geld auf, um die Bürger von Herzogenbusch zu warnen. Er gedachte, unterwegs von Jeroen Praet, dem Bruder Simons, für den er Briefe des Prinzen hatte, ein Pferd zu nehmen und dann auf den Querwegen nach Herzogenbusch zu sprengen.

Als er die Straße übersetzte, sah er einen Trupp Soldaten kommen. Er hatte große Furcht wegen der Briefe, entschloß sich aber, gute Miene zum bösen Spiele zu zeigen. Er ließ die Soldaten ruhig herankommen und murmelte seine Paternoster; als sie an ihm vorbeikamen, schloß er sich ihnen an und erfuhr, daß sie nach Herzogenbusch marschierten.

Ein Fähnlein Wallonen eröffnete den Zug. An der Spitze ritt der Hauptmann Lamotte mit seiner Garde von sechs Hellebardieren, dann kamen dem Range nach der Fähnrich mit einer kleinern Garde, der Profoß, dessen Hellebardiere samt den zwei Häschern, der Wachtmeister, der Troßvogt und der Freimann mit seinem Knechte, endlich Pfeifer und Trommler mit mächtigem Lärme.

Dann kam ein vlämisches Fähnlein von zweihundert Mann mit seinem Hauptmann und seinem Fähnrich, geteilt in zwei Hundertschaften, die von Korporalen befehligt wurden und sich wieder in Zehnerschaften teilten, die unter den Rottmeistern standen. Auch dem Profoßen und den Stockknechten gingen Pfeifer und Trommler voran.

Zum Schlusse kamen mit schallendem Gelächter in zwei offenen Karren, zwitschernd wie Rotkehlchen, singend wie Nachtigallen, essend, trinkend, tanzend, stehend, liegend, sitzend ihre Gefährtinnen, hübsche tolle Mädchen. Die einen waren gekleidet wie die Landsknechte, aber in seines weißes Tuch, das den Busen frei ließ und an den Armen, den Beinen und den Hüften geschlitzt war; sie trugen goldgestickte Leinwandbarette, an denen schöne Straußenfedern im Winde wehten. An den mit roten Atlaskrausen besetzten Goldgürteln hingen die goldblitzenden Scheiden ihrer Dolche. Und ihre Schuhe, Strümpfe, Hosen, Koller, Schnürbänder und Nesteln waren aus Gold und weißer Seide. Andere waren auch auf Landsknechtart gekleidet, aber in Blau, in Grün, in Scharlach, in Azur und in Karmesin; und ihre Kleider waren geschlitzt und gestickt nach dem Geschmacke der einzelnen, der sich auch in ihren verschiedenen Gewaffen zeigte. Und alle hatten am Arme das farbige Rädchen, das ihr Gewerbe anzeigte. Ein Hurenweibel wollte sie zum Schweigen bringen; aber mit ihren reizenden Frätzchen und Worten zwangen sie ihm ein Lachen ab und gehorchten ihm nicht.

Uilenspiegel in seiner Pilgertracht hielt sich den zwei Fähnlein zur Seite, wie einem mächtigen Schiff ein kleiner Kahn. Und er murmelte seine Vaterunser. Plötzlich sagte Lamotte zu ihm: »Wohin gehst du, Pilger?«

»Herr Hauptmann,« antwortete Uilenspiegel, der Hunger hatte, »ich habe vorzeiten eine große Sünde begangen und bin von dem Kapitel von Unserer Frau verurteilt worden, zu Fuß nach Rom zu gehn, um vom Heiligen Vater Verzeihung zu erbitten. Und er hat sie mir bewilligt. Rein gewaschen habe ich in diese Lande zurückkehren dürfen unter der Bedingung, auf dem Wege allen und jeglichen Soldaten, die ich träfe, die Heiligen Mysterien zu predigen; und für meine Predigten sollen sie mir Brot und Fleisch geben. Und mit diesem Schwatzen erhalte ich mein armseliges Leben. Erteilt mir die Erlaubnis, daß ich beim nächsten Halt meinem Gelübde nachkommen darf.«

»Ja,« sagte der Herr von Lamotte.

Uilenspiegel tastete nach den Briefen unter seinem Wams, als er sich brüderlich unter die Wallonen und die Vlamen mischte. Die Mädchen riefen ihm zu: »Pilger, schöner Pilger, komm zu uns und zeig uns die Kraft deiner Muscheln.« Uilenspiegel trat näher und sagte bescheidentlich zu ihnen! »Schwestern in Christo, verspottet nicht einen armen Pilger, der über Berg und Tal zieht, um den Soldaten den heiligen Glauben zu predigen.« Und seine Augen verschlangen ihre wonnigen Reize.

Aber die tollen Mädchen steckten ihre muntern Gesichter aus den Blachen der Karren. »Du bist noch zu jung, um den Soldaten vorzuschwatzen. Komm zu uns herein, wir wollen dich süßer reden lehren.« Uilenspiegel hätte gerne gehorcht, durfte es aber nicht wegen seiner Briefe; schon griffen die runden, weißen Arme zweier Mädchen nach ihm, um ihn emporzuziehen, als der Hurenweibel eifersüchtig zu Uilenspiegel sagte: »Zurück, oder ich mache dich kalt.« Uilenspiegel entfernte sich ein Stück, blinzelte aber noch immer zu den frischen Mädchen hinüber, die die auf den Weg blinkende Sonne golden überglitzerte.

Man kam nach Berchem. Philipp de Lannoy, Sieur de Beauvoir, der Befehlshaber der Vlamen, ließ Halt machen. Es war gerade bei einer nicht allzu hohen Eiche, die aller ihrer Äste beraubt war, bis auf einen sehr starken; an diesen, der in der Mitte gebrochen war, hatte man im letzten Monate einen Wiedertäufer am Halse gehenkt. Kaum stand der Zug still, so kamen die Marketender zu den Soldaten, um ihnen Brot, Wein, Bier und allerlei Fleisch zu verkaufen; die tollen Mädchen jedoch kauften Zuckerwerk, Kastanien, Mandeln und Törtchen. Als das Uilenspiegel sah, wuchs sein Hunger noch mehr.

Plötzlich kletterte er wie ein Affe auf den Baum und setzte sich rittlings auf den starken Ast, der sieben Fuß über der Erde war; dann schlug er sich mit einer Geißel, während die Soldaten und die tollen Mädchen einen Kreis um ihn bildeten: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Es steht geschrieben: wer den Armen gibt, der leiht Gott. Ihr Soldaten und ihr, schöne Damen, reizende Liebesgesellinnen dieser wackern Krieger, leiht Gott, das will besagen, gebt mir Brot, Fleisch, Wein, Bier, wenn ihr wollt, und Törtchen, wenn es euch nicht mißfällt, und Gott, der reich ist, wird es euch wiedergeben in Gestalt von Fettammernbrüsten, von Malvasierbächen und von Zuckerbergen, auch von Rijstpap, die ihr im Paradies mit silbernen Löffeln essen werdet.« Dann klagte er: »Seht ihr nicht, mit was für grausamer Pein ich meine Sünden zu sühnen versuche? Wollt ihr mich nicht trösten in dem brennenden Schmerz, den mir diese Geißel verursacht, wenn sie mir den Rücken bis aufs Blut zerreißt?«

»Wer ist der Narr?« sagten die Soldaten.

»Meine Freunde,« antwortete Uilenspiegel, »ich bin keineswegs närrisch, sondern reuig und hungrig; denn während meine Seele über ihre Sünden weint, weint mein Bauch über die Abwesenheit von Nahrung. Gesegnete Soldaten und ihr, hübsche Mädchen, ich sehe da bei euch Schinken, Geflügel, Würste, Wein, Bier, Törtchen. Werdet ihr dem Pilger gar nichts geben?«

»Ja, ja,« sagten die vlämischen Soldaten, »er hat ein ehrliches Gesicht, der Prediger.« Und alle warfen ihm Brocken zu wie Bälle. Uilenspiegel unterbrach seine Rede nicht und aß, auf dem Aste reitend: »Der Hunger macht den Menschen nicht nur hart, sondern auch unfähig zu beten; aber der Schinken vertreibt diese düstere Stimmung im Augenblicke.«

»Achtung, Hans Narr,« rief ein Korporal und warf ihm eine halbvolle Flasche zu. Uilenspiegel fing die Flasche im Fluge; dann sagte er, ab und zu einen Schluck nehmend: »Wie der grimmige, rasende Hunger ein Ding ist, das den armen Menschenleib schädigt, so ist noch etwas andres verderblich: das ist die Angst eines armen Pilgers, der von großmütigen Soldaten, von dem einen mit einer Schnitte Schinken, von dem andern mit einer Flasche Bier, beschenkt wird: denn der Pilger ist an Mäßigkeit gewöhnt; trinkt er nun bei einem so mager versorgten Magen, so wird er im Nu betrunken sein.«

Während er sprach, haschte er, wieder im Fluge, einen Gansbügel. »Das ist«, sagte er, »eine wunderbare Sache, wenn man die Fische der Wiesen in der Luft fängt. Aber er ist schon verschwunden samt dem Knochen. Was ist gieriger als trockener Sand? Eine unfruchtbare Frau und ein hungriger Magen.«

Plötzlich fühlte er, wie ihn das Eisen einer Hellebarde in sein Sitzfleisch stach. Und ein Fähnrich sagte zu ihm: »Verachten jetzt die Pilger eine Hammelkeule?«

Uilenspiegel sah an dem Eisen der Hellebarde eine große Hammelkeule aufgespießt. Er nahm sie beim Hefte und sagte: »Heft um Heft, lieber habe ich dies Heft zwischen den Zähnen, als die Hefte an meinem Wams. Den Markknochen will ich zu einer Flöte saugen, um dein Lob erklingen zu lassen, barmherziger Hellebardier.« »Immerhin,« fuhr er fort, während er an der Keule nagte, »was ist ein Mahl ohne Nachtisch, was ist eine Keule, und sei sie noch so saftig, wenn nicht der Pilger nachher irgendeinem Törtchen in das gesegnete Antlitz blicken kann?« Und schon fuhr er sich mit der Hand ins Gesicht; denn zwei Törtchen, die aus der Gruppe der tollen Mädchen kamen, hatten sich, die eine auf seinem Auge, die andere auf seiner Wange zerklatscht. Und die Mädchen lachten, und Uilenspiegel antwortete: »Schönen Dank, hübsche Mädchen, daß ihr mir die Süßigkeiten paarweise gebt, wie gebratene Kaninchen!«

Aber die Törtchen waren auf die Erde gefallen.

Plötzlich wirbelten die Trommeln und kreischten die Pfeifen; die Soldaten machten sich marschfertig. Der Herr von Beauvoir befahl Uilenspiegel, von seinem Baum herunterzusteigen und die Truppe zu begleiten. Uilenspiegel wäre aber gerne hundert Meilen weit weg gewesen, weil er aus den Worten einiger bärbeißiger Soldaten witterte, daß er ihnen verdächtig war und daß sie ihn als einen Spion greifen, ihn durchsuchen und ihn, wenn sie seine Sendschreiben fänden, henken würden. Drum ließ er sich in einen Graben fallen und schrie: »Erbarmen, Herren Soldaten! Ich habe das Bein gebrochen und kann nicht mehr gehn; laßt mich auf den Karren der Mädchen.« Aber er wußte, daß dies der eifersüchtige Hurenweibel nie gestatten würde.

Die Mädchen riefen ihn aus ihrem Karren: »Komm nur, hübscher Pilger, komm. Wir werden dich lieben, hätscheln, pflegen und in einem Tage gesund machen.«

»Ich weiß es,« sagte er; »Frauenhände sind ein himmlischer Balsam für alle Verletzungen.« Aber der eifersüchtige Hurenweibel sagte zum Herrn von Lamotte: »Messire, ich glaube, der Pilger will uns foppen mit seinem gebrochenen Beine; er will nur in den Karren der Mädchen. Befehlt, daß man ihn liegen lasse.«

»Meinetwegen,« antwortete der Herr von Lamotte. Und sie ließen Uilenspiegel im Graben liegen.

Etliche Soldaten, die glaubten, er habe sich wirklich das Bein gebrochen, bedauerten ihn, weil sie in ihm einen lustigen Kauz gefunden hatten; sie ließen ihm Fleisch und Wein für zwei Tage zurück. Die Mädchen wären ihm gerne zu Hilfe gekommen; da sie es aber nicht durften, warfen sie ihm alles zu, was ihnen an Leckereien übrig geblieben war.

Als die Truppe weit genug weg war, schlug sich Uilenspiegel in seiner Pilgertracht feldein; er kaufte ein Pferd und sauste wie der Wind auf Straßen und Fußwegen nach Herzogenbusch.

Auf die Zeitung von der Ankunft der Herren von Beauvoir und Lamotte wappneten sich die von der Stadt in einer Anzahl von achthundert Mann, wählten Hauptleute und schickten Uilenspiegel in der Verkleidung eines Kohlenträgers um Entsatz nach Antwerpen zu Brederode, dem herkulischen Trinker. Und die Soldaten der Herren von Lamotte und Beauvoir mußten draußen bleiben, weil Herzogenbusch, die wachsame Stadt, zu wackern Widerstände gerüstet war.

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