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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 103
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XVII

Uilenspiegel und Lamme zogen auf ihren zwei Eseln, die ihnen Simon Simonsen, ein Getreuer des Prinzen von Oranien, gegeben hatte, allerorten herum; überall unterrichteten sie die Bürger von den schwarzen Plänen des Blutkönigs und waren immer auf der Lauer, um Neuigkeiten von Spanien zu erkunden. Sie verkauften, als Bauern verkleidet, Gemüse und liefen alle Märkte ab.

Als sie in Brüssel vom Markte kamen, sahen sie in einem steinernen Haus am Ziegelkai in einem niedern Zimmer eine schöne in Atlas gekleidete Dame; ihre Farben waren lebhaft, ihr Busen war üppig, und die Augen blinkten munter. Sie sagte zu einer hübschen, frischen Küchenmagd: »Scheuere mir die Pfanne da; ich habe es nicht gern, wenn die Tunke nach Rost schmeckt.«

Uilenspiegel steckte die Nase ins Fenster: »Ich,« sagte er, »ich habe sie alle gern; ein hungriger Magen ist nicht wählerisch.«

Die Dame wandte sich um: »Wer ist denn der Kauz, der sich in meine Suppe mengt?«

»Ach, schöne Dame,« antwortete Uilenspiegel, »wenn Ihr mich nur ein wenig drein mengen ließet, würde ich Euch Gerichte der Wanderer lehren, die den zu Hause sitzenden Schönen unbekannt sind.«

Dann schnalzte er mit der Zunge und sagte: »Ich habe Durst.«

»Wonach?« sagte sie.

»Nach dir,« sagte er.

»Es ist ein hübscher Mensch,« sagte die Magd zu der Dame. »Lassen wir ihn herein; er soll uns seine Abenteuer erzählen.«

»Aber sie sind ihrer zwei,« sagte die Dame.

»Einen nehme ich auf mich,« entgegnete die Magd.

»Meine Dame,« entgegnete Uilenspiegel, »wir sind unser zwei, es ist wahr, ich und mein armer Freund Lamme, der keine hundert Pfund auf den Rücken tragen kann, aber im Bauche willig fünfhundert an Fleisch und Getränk trägt.«

»Mein Sohn,« sagte Lamme, »mach dich nicht über mich Unglücklichen lustig, dem sein Wanst so viel Geld kostet, bis er voll ist.«

»Heute soll er dich keinen Heller kosten,« sagte die Dame. »Kommt herein alle beide.«

»Aber«, sagte Lamme, »es sind auch noch die zwei Grauchen da, auf denen wir sitzen.«

»An Hafer«, antwortete die Dame, »fehlt es nie in dem Stalle des Grafen von Meghem.«

Die Küchenmagd ließ ihre Pfanne und führte Uilenspiegel und Lamme auf ihren Eseln, die alsbald brüllten, in den Hof. »Das ist«, sagte Uilenspiegel, »das Trompetengeschmetter des näher kommenden Futters. Sie blasen vor Freude, die armen Grauchen.«

Als sie beide abgestiegen waren, sagte Uilenspiegel zur Magd: »Wenn du eine Eselin wärest, möchtest du so einen Esel wie mich?«

»Wenn ich eine Frau wäre,« antwortete sie, »so möchte ich einen Gesellen mit fröhlichem Antlitz.«

»Ja, was bist du denn,« fragte Lamme, »wenn du keine Eselin und keine Frau bist?«

»Ich bin eine Jungfrau; eine Jungfrau ist keine Frau und noch weniger eine Eselin. Begreifst du das, Dickwanst?«

Uilenspiegel sagte zu Lamme: »Glaub ihr nicht; sie ist die Hälfte eines tollen Mädchens und ein Viertel von zwei Teufelinnen. Ihr fleischlicher Mutwille hat ihr schon in der Hölle einen Platz auf einer Matratze gesichert, wo sie Beelzebub liebkosen soll.«

»Du schlechter Schalk,« sagte die Magd, »wenn die Matratze mit deinem Haare gefüllt wäre, möchte ich nicht einmal darauf treten, geschweige denn dort liegen.«

»Ich«, sagte Uilenspiegel, »möchte deine Locken am liebsten essen.«

»Eine goldene Zunge,« sagte die Dame; »mußt du denn alle haben?«

»Nein,« sagte Uilenspiegel; »tausend würden mir genügen, wenn sie in eine einzige wie Ihr aufgelöst wären.«

Die Dame sagte zu ihm: »Trink vor allem eine Kanne Bruinbier, iß dann ein Stück Schinken, schneide dir selbst von dieser Hammelkeule herunter, weide mir diese Pastete aus, und koste mir den Salat da.«

Uilenspiegel faltete die Hände: »Der Schinken ist ein gutes Essen. Das Bruinbier ist himmlisches Bier. Die Hammelkeule ist ein göttliches Fleisch. Eine Pastete, die man ausweidet, läßt einem die Zunge im Mund vor Wonne zittern. Ein fetter Salat ist eine fürstliche Kost. Aber selig ist der, dem ihr zur Nacht Euere Schönheit genießen lasset.«

»Sieh einmal, wie er schwatzen kann,« sagte sie. »Iß zuerst, Taugenichts.«

Uilenspiegel antwortete: »Wollen wir nicht den Segen vor dem Tischgebete sprechen?«

»Nein,« sagte sie.

Nun wimmerte Lamme: »Ich habe Hunger.«

»Du wirst zu essen bekommen,« sagte die schöne Dame, »da du nun einmal keine andere Sorge kennst als gekochtes Fleisch.«

»Frisches auch,« sagte Lamme, »frisch wie meine Frau war.« Auf diese Worte hin verlor die Magd ihre frohe Laune. Immerhin aßen sie, was Platz hatte, und tranken wie die Löcher. Und die Dame gab Uilenspiegel in dieser Nacht noch ein Mahl und ebenso an dem nächsten und den folgenden Tagen.

Die Esel bekamen den Hafer doppelt zugemessen, und Lamme bekam doppelte Kost. Eine Woche lang ging er nicht aus der Küche, wo er mit den Schüsseln spielte, aber nicht mit der Magd; denn er träumte von seiner Frau. Das verdroß das Mädchen, und sie sagte, da sei kein Verhältnis darin, aller Welt im Wege zu stehn und an nichts andres zu denken als an seinen Bauch.

Inzwischen lebten Uilenspiegel und die Dame in aller Freundschaft. Und sie sagte eines Tages zu ihm: »Thijl, du hast wenig Sittlichkeit: wer bist du denn?«

»Ich bin«, sagte er, »ein Sohn des Herrn Zufalls, den er eines Tages mit Frau Gut Glück hatte.«

»Damit sagst du nichts Schimpfliches,« sagte sie.

»Das geschieht aus Besorgnis, daß mich die andern loben könnten,« antwortete Uilenspiegel.

»Würdest du deinen Mann stellen bei der Verteidigung deiner Brüder, die verfolgt werden?«

»Die Asche Klaasens schlägt an meine Brust,« antwortete Uilenspiegel.

»Wie schön du jetzt bist!« sagte sie. »Aber wer ist Klaas?«

Uilenspiegel antwortete: »Klaas ist mein Vater, der für den Glauben verbrannt worden ist.«

»Der Graf von Meghem gleicht dir nicht,« sagte sie. »Er will es bluten lassen, das Vaterland, das ich liebe; denn ich bin in Antwerpen, der edeln Stadt, geboren. Wisse also, daß er mit Scheyf, dem Ratsherrn von Brabant, übereingekommen ist, seine zehn Fähnlein Fußvolk nach Antwerpen zu schicken.«

»Ich werde es den Bürgern melden,« sagte Uilenspiegel, »und ich gehe unverzüglich, flüchtig wie ein Geist.« Er ging, und am nächsten Tage waren die Bürger unter Waffen.

Für alle Fälle hatten Uilenspiegel und Lamme ihre Esel bei einem Pächter Simon Simonsens eingestellt. Sie mußten sich verborgen halten, weil der Graf von Meghem überall nach ihnen fahndete, um sie henken zu lassen; denn man hatte ihm erzählt, zwei Ketzer hätten von seinem Weine getrunken und von seinem Fleische gegessen. Er war eifersüchtig und sagte es seiner Schönen; die knirschte vor Wut mit den Zähnen, weinte und fiel siebenzehnmal in Ohnmacht. Die Küchenmagd tat desgleichen, aber nicht so oft, und erklärte bei ihrem Anteil am Paradiese und bei ihrem Seelenheil, daß weder sie noch ihre Herrin etwas andres getan habe, als die Abfälle des Essens zwei armen Pilgern zu geben, die auf elenden Eseln ans Küchenfenster gekommen seien. Und an diesem Tage wurden so viel Tränen vergossen, daß der Estrich ganz feucht war. Als das der Graf von Meghem sah, war er beruhigt, daß sie nicht logen.

Lamme getraute sich aber nicht mehr hin; denn die Küchenmagd rief ihn immer an: Meine Frau! Und darob war er sehr bekümmert, weil er an die Nahrung dachte. Aber Uilenspiegel brachte ihm täglich eine gute Schüssel; denn er gelangte durch die St. Katharinenstraße ins Haus und verbarg sich auf dem Dachboden.

Am andern Tage gestand der Graf zur Vesperzeit seiner Schönen, welchermaßen er angeordnet habe, daß seine Soldaten noch vor Tag in Herzogenbusch eindringen sollten. Dann schlief er ein. Die Schöne eilte auf den Boden und erzählte Uilenspiegel alles.

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